Wie sich das Kind auch ohne Mami und Papi sicher fühlt

Allein zu Hause – für manche Kinder ein Albtraum, für andere ein Freudenfest. Klar ist: Jeder muss es lernen.

Auch wenn sie mal über die Stränge schlagen: Kinder können allein zu Hause ihre Unabhängigkeit entwickeln. Foto: Getty Images

Auch wenn sie mal über die Stränge schlagen: Kinder können allein zu Hause ihre Unabhängigkeit entwickeln. Foto: Getty Images

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Einmal ist es so weit: Das Kind bleibt für eine Weile allein zu Hause. Und das ist auch gut so. Kinder sollen unabhängig werden und eines Tages selbständig ihr Leben meistern. «Die Fähigkeit eines Kindes, alleine zu Hause zu bleiben, ist nur ein kleines, aber sehr wichtiges Etappenziel auf dem Weg zum Auszug von zu Hause und zum eigenen Leben», sagt Armin Gottlieb Kunz, Kinder- und Jugendpsychologe aus Zürich.

Manche Eltern lassen ihr Kind locker kurze Zeit allein zu Hause, andere tun sich schwer damit und haben ein mulmiges Gefühl. Wird das Kind mit der neuen Situation fertig? Ist es überhaupt reif genug, um mit dem Alleinsein zurechtzukommen? Oder ist es damit überfordert? Kann ihm gar etwas passieren? Gibt es möglicherweise einen Richtwert, ab welchem Alter das Kind eine Zeit lang unbeaufsichtigt sein kann?

«Kinder sind in ihrer Autonomieentwicklung so unterschiedlich weit, dass es ein einheitliches Alter, wann ein Kind alleine zu Hause gelassen werden kann, gar nicht geben kann», sagt Armin Gottlieb Kunz. Es gibt Kinder, die schon mit acht Jahren gut alleine in der Wohnung bleiben können. Andere sind erst mit zehn Jahren reif genug, um eine Stunde ohne Mami, Papi oder sonst eine vertraute Person zu verbringen. «Ich rate Eltern, auf ihr Bauchgefühl zu hören. Denn sie kennen ihr Kind gut: Ist es eher schüchtern und sucht die Nähe, oder wirkt es schon sehr eigenständig, autonom und selbständig?»

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Ab welchem Alter lassen Sie Ihr Kind für mindestens eine halbe Stunde alleine zu Hause?






Eine grosse Rolle spielt die Ängstlichkeit der Eltern, die sich meistens auch auf die Kinder überträgt. Ängstlichen Eltern ist zu empfehlen, mit der Alleinzeit für ihre Kinder lieber länger zuzuwarten. Und nicht zuletzt ist auch das Umfeld wichtig. Sind ältere Geschwister da? Ist eine vertraute Nachbarin zu Hause? Das kann schon einiges dazu beitragen, dass sich das Kind auch ohne Mami und Papi sicher und geborgen fühlt.

In kleinen Schritten

Wichtig ist vor allem, dass das Kind mit dem Alleinsein einverstanden ist. Ist dies nicht der Fall, erlebt es das Alleinsein als negative Erfahrung. «Trennungen können gerade bei jüngeren, aber auch unsicher gebundenen älteren Kindern Ängste auslösen, da sie noch stark auf eine Bezugsperson angewiesen sind.» Eltern spüren das aber in der Regel. Schliesslich beobachten sie ihr Kind ständig und können seine Fähigkeiten recht gut einschätzen. Und idealerweise lassen sie ja ihr Kind nicht von einem Tag auf den anderen für Stunden allein, sondern gehen in kleinen Schritten vor, indem sie nur ganz kurz weg sind, beispielsweise, um den Briefkasten zu leeren oder die Wäsche in die Waschküche zu bringen. So kann sich das Kind an die neue Situation gewöhnen, und die Eltern sehen, wie es damit umgeht. Allmählich können die wenigen Minuten Abwesenheit gesteigert werden.

Idealerweise ist das Kind beschäftigt mit einer Tätigkeit, damit es nicht auf dumme Gedanken kommt.

Was aber, wenn das Kind partout nicht allein sein will? «Wenn die Trennungsschwierigkeiten so gravierend sind, dass der Tagesablauf völlig durcheinandergerät, weil die Mutter beispielsweise nicht mal kurz in den Keller gehen kann, dann sollte unbedingt fachlicher Rat bei einem Kinder- oder Jugendpsychologen eingeholt werden», rät der Experte.

Vertrauen auf Verlässlichkeit

Worauf sollten Mütter und Väter sonst noch achten? «Es ist wichtig, dass Sie als Eltern dem Kind immer sagen, wohin Sie gehen, wann Sie wieder da sind, und auch, wo und wie Sie erreichbar sind», sagt der Fachmann. Falls sich Mami oder Papi verspäten, sollten sie sich unbedingt beim Kind melden, damit es Bescheid weiss. «Das Kind muss ein Vertrauen in die Verlässlichkeit der Eltern entwickeln und ein Gefühl von Sicherheit und Gewissheit, dass sie wieder zurückkommen.» Und natürlich sorgen Eltern dafür, dass sich ihr Kind in ihrer Abwesenheit nicht gefährden oder verletzen kann, beispielsweise, indem eine Pfanne auf dem eingeschalteten Herd stehen bleibt. Es sollten zudem klare Regeln gelten. Das beruhigt Eltern und Kinder.

Klappt es mit dem Alleinsein in der Wohnung, will sich das Kind auch ausserhalb alleine bewegen.

Das Kind muss wissen, dass es Fremden die Tür nicht öffnen darf, dass die Fenster geschlossen bleiben. Und auch, dass mit Zündhölzern nicht herumgespielt wird. Idealerweise ist es beschäftigt mit einer Tätigkeit, die es gerne macht, also beispielsweise ein Video schauen, damit es sich nicht langweilt und womöglich auf dumme Gedanken kommt.

Situationen gemeinsam einüben

Klappt es mit dem Alleinsein in der Wohnung, will sich das Kind auch ausserhalb alleine bewegen. Sei dies, um seine Gspänli auf dem Spielplatz zu treffen. Sei dies, um mit dem Bus zum Grosi zu fahren oder um den Weg in die Schule alleine zu bewältigen.

Solche Situationen können im Vorfeld gut zusammen mit den Eltern geübt werden, bis man darauf vertrauen kann, dass das Kind der Sache gewachsen ist. Und das Kind wird stolz darauf sein, dass es das alles ganz alleine geschafft hat.

Erstellt: 17.06.2019, 14:57 Uhr

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