So lebt die Öko-Familie

Um Ressourcen zu schonen, geht Familie Lüthi einen Schritt weiter als andere. Doch auf gewisse Dinge will auch sie nicht verzichten.

«Die Politik muss endlich aktiv werden und eine CO<sub>2</sub>-Steuer einführen»: Mona, Lena, Annina und Stefan Lüthi basteln daheim Anstecker für die Klimademos. Foto: Adrian Moser

«Die Politik muss endlich aktiv werden und eine CO2-Steuer einführen»: Mona, Lena, Annina und Stefan Lüthi basteln daheim Anstecker für die Klimademos. Foto: Adrian Moser

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Die vierköpfige Familie Lüthi lebt in einer idyllischen Überbauung in Aefligen BE. Ihre Altbauwohnung ist gross und gemütlich. Zwar steht ein Holzofen in der Stube, es gibt nur wenige Möbel, und ein Plastiksammelsack deutet an, dass hier konsequent Müll getrennt wird. Doch das alles wirkt nicht spartanisch, sondern vermittelt eher ein Gefühl von Behaglichkeit.

Die Familie gestaltet ihren Alltag mit grosser Rücksicht auf die Umwelt: Es gibt keine Ferien­flüge, sondern nur Reisen mit dem Zug innerhalb Schweiz, geheizt wird mit aussortiertem Holz, eingekauft auf dem Markt oder im Grüeni-Chuchi-Laden in Solothurn, wo Lebensmittel unverpackt erhältlich sind. Zudem tragen die Eltern und die beiden Töchter Kleider aus zweiter Hand, auch Handys, Laptops sowie Weihnachtsgeschenke für die Kinder kauft die Familie gebraucht. Sie zeigt damit exem­plarisch, wie viele sich in Zeiten der Klimadebatte bemühen, Ressourcen zu schonen.

Es gelingt nicht immer

«Wir leben nicht viel anders als andere Leute», sagt die 34-jährige Annina Lüthi. Nur gehen sie in vielem einen Schritt weiter: Waschmittel zum Beispiel stellt die Mutter selbst her, Schminke benutzt sie keine, und die jüngere Tochter Mona ist ab vier Monaten ohne Windeln aufgewachsen, um Abfall zu vermeiden. Wie funktioniert das? «Man merkt, wenn ein Kind mal muss. Es wird unruhig und weint», sagt Stefan Lüthi (42).

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So viel Konsequenz beeindruckt. Aber natürlich schafft es auch die Familie Lüthi nicht immer, ihren selbst auferlegten Standards gerecht zu werden. Für den Fototermin mit dieser Zeitung etwa haben die beiden Mädchen Lena (9) und Mona (5) jeweils das einzige Kleid angezogen, das neu aus dem Laden stammt. «Wir gönnen den Kindern gern mal etwas», sagt die Mutter. «Wenn wir zum Beispiel ausnahmsweise Pizza bestellen und sie möchten unbedingt Salami drauf, dann gibt es auch mal Fleisch, das wir sonst nur selten essen.»

Bei der Mobilität müssen die Eltern ebenfalls Abstriche machen: Annina Lüthi, die bei der Spitex arbeitet, fährt zwar mit dem Velo zur Arbeit, doch einmal dort angekommen, benutzt sie ein Firmenauto, um die Patientinnen und Patienten zu besuchen. Ihr Mann dagegen kann sein Konzept durchziehen: Er nimmt das E-Bike, um zu den Baustellen in der Umgebung zu gelangen, wo er als Kranführer arbeitet. Die Kräne selbst laufen mit Elektromotoren. Allerdings hat auch er eine Schwäche: «Auf Fleisch zu verzichten, fällt mir schwer. Etwa einmal in der Woche esse ich deshalb Biofleisch. Das ist zwar teuer, aber ich geniesse es dann auch bewusst.»

«Wir würden anderen nie vorschreiben, wie sie leben sollen»: Annina Lüthi ist in der Klimabewegung aktiv. Foto: Adrian Moser

Insgesamt ist das Resultat dieser Bemühungen beachtlich: «Gemäss dem WWF-Fussabdruckrechner stossen wir pro Kopf etwa 3,8 bis 4,4 Tonnen CO2 im Jahr aus», sagt Annina Lüthi. Schweizweit beträgt diese Zahl laut dem Bundesamt für Umwelt im Schnitt 14 Tonnen. Allerdings ist auch die Familie Lüthi noch weit vom Schwellenwert von maximal 1,5 Tonnen entfernt, der als Belastbarkeitsgrenze für den Planeten gilt.

Ist das nicht frustrierend? «Ja, die Politik muss endlich aktiv werden und eine CO2-Steuer einführen», findet Stefan Lüthi. Missionarisch werden die beiden aber nicht. Zwar ärgern sie sich, wenn Bekannte mit der ganzen Familie für einen Kurztrip nach New York fliegen. «Aber wir würden anderen nie vorschreiben, wie sie leben sollen», betont Annina Lüthi. Sie setzen eher auf kleine Veränderungen. So hat Stefan Lüthi durchsetzen können, dass auf der aktuellen Baustelle, wo er tätig ist, fünf Mulden aufgestellt werden, um den Müll zu trennen. «Üblich sind sonst nur zwei Mulden», erzählt er stolz.

Die Kinder kennen nichts anderes

Für die Lüthis bedeutet ihr Umweltbewusstsein keinesfalls Verzicht. «Weniger Besitz ist Freiheit», findet der Vater. Wie sehen das die Kinder? Beide kennen nichts anderes als Secondhandkleider und wenig Spielsachen. Lena erzählt bloss, es sei schwierig, Palmöl zu vermeiden, «weil es fast überall drin ist». Zu­mindest ihren Schoggi-Nuss-Aufstrich kann sie trotzdem geniessen: Statt Nutella gibt es eine palmölfreie Alternative.

Annina und Stefan Lüthi leben schon lange mit relativ kleinem ökologischen Fussabdruck. Richtig politisiert hat sie aber erst die Klimabewegung, die vor gut einem Jahr ein globales Phänomen wurde. Annina Lüthi ist in der Bewegung aktiv. Nächtelang produziert sie Pins, um sie an den Demos zu verteilen. Und sie arbeitet mit am geplanten Klimablatt, das an die Schweizer Haushalte verteilt werden soll. Fakten zur Erderwärmung sollen die Bürgerinnen und Bürger aufrütteln, damit sie bei den nationalen Wahlen am 20. Oktober klimapolitisch sensibilisiert wählen. Aber zunächst steht am Samstag, 28. September, erst einmal die nationale Klimademo in Bern an.

Erstellt: 27.09.2019, 17:53 Uhr

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