So machen Sie Schluss mit Freunden

Rund die Hälfte unserer Freunde tauschen wir ungefähr alle sieben Jahre aus. Das Ende der Beziehung muss nicht zwingend ein Drama sein.

Wie bei der Liebe: Auch Freundschaften halten meist nicht für immer. Illustration: Alexandra Gornag

Wie bei der Liebe: Auch Freundschaften halten meist nicht für immer. Illustration: Alexandra Gornag

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Abgehalfterte Freundschaft ist selten so zerstörerisch wie enttäuschte Liebe. Meist glimmt sie bloss lustlos vor sich hin wie ein halb ausgetretener Zigarettenstummel – während sich verschmähte Liebende in Rachefurien verwandeln können, die zu allem fähig sind. Ich kannte einmal eine Frau, die Kressesamen in den hochflorigen Designerteppich ihres Liebhabers streute, nachdem er sie mit einer anderen betrogen hatte. Ein paar kräftige Güsse aus der Giesskanne, und wenige Tage später spross ein zweiter – grüner – Teppich aus dem ersten. Darauf muss man erst mal kommen. Eine andere dekorierte die Wohnung ihres Ex-Freundes mit Innereien aus dem Schlachthof und schmierte mit Schweineblut die Worte «Fick dich!» an die Wand über seinem Bett. Um ein Haar hätte man den armen Kerl in die Psychiatrie einliefern müssen.

Je heftiger die Liebe, desto explosiver fällt oft ihr Ende aus. Erloschene Freundschaft hingegen ist meist ein stilles Drama. Lebensentwürfe driften auseinander wie Kontinentalplatten. Die eine kriegt Kinder, die andere erkennt ihre auf einmal ganz auf Babybrei, Frühförderung und Windelekzeme fokussierte Freundin nicht mehr wieder. Der Schulfreund, mit dem man früher so viel Spass beim Fussball haben konnte, baut jetzt ein Haus und monologisiert stundenlang über Badezimmerarmaturen und gebürstetes Eichenparkett. Plötzlich fällt einem auf, dass A. eigentlich immer nur von sich redet und B. ein elender Schnorrer ist, der stets zum Geburtstag beschenkt werden möchte, sich jedoch niemals dafür revanchiert.

«Sobald jemand Neues ins Freundesnetzwerk kommt, werden bisherige Mitglieder ersetzt.»Robert Dunbar, Psychologe

Oft sind es solche Störungen in der Balance zwischen Geben und Nehmen, die zum Bruch führen. Doch ebenso häufig ist es das Leben selbst, das Freunde auseinanderbringt. Ein Umzug, ein neuer Job, eine frische Liebesbeziehung. Der Psychologe Robert Dunbar von der Universität of Oxford, eine Koryphäe auf dem Gebiet menschlicher Netzwerke, hat 2014 erforscht, wie sich der engste Freundeskreis im Lauf der Zeit verändert. Über den Zeitraum von eineinhalb Jahren untersuchte er die Telefonverbindungsdaten von britischen Schülern, die, noch während die Studie im Gang war, an eine Uni wechselten oder zu arbeiten begannen. Das Resultat sollte allen zu denken geben, die ihre Freundschaften für unerschütterlich halten: Von den 20 besten Freunden seiner Probanden, die Dunbar über die Telefondaten und zusätzliche Gespräche ermittelt hatte, waren bereits sechs Monate später durchschnittlich 41 Prozent durch andere Menschen ausgewechselt. «Sobald jemand Neues ins Freundesnetzwerk kommt, werden bisherige Mitglieder ersetzt oder weniger oft angerufen», sagt Dunbar. Tja, ausgemustert, so schnell kann es gehen. Menschen, so Dunbar, hätten nun mal nur begrenzte Kapazitäten für emotionale Bindungen.

Rund die Hälfte unserer Freundschaften tauschen wir ungefähr alle sieben Jahre aus. Bestand fürs ganze Leben haben nur wenige enge Herzensbindungen. Das kann man kaltherzig nennen. Man kann es aber auch pragmatisch sehen. So wie die Liebe hält eben auch Freundschaft meist nicht für immer. Ebenso wie Lebensabschnittsgefährten gibt es Lebensabschnittsfreunde. Muss das Ende zwingend ein Drama sein? «Friends never say good bye», singt Elton John in seinem Hit aus dem Jahr 2000, doch das war nur einer der vielen Irrtümer, die das Leben des schillernden Musikers pflasterten. In Wirklichkeit sagen sich Freunde sehr wohl «good bye». Wenn sie es nicht tun, ist das kein gutes Zeichen. Denn wer stoisch an Freundschaften festhält, die so tot und vertrocknet sind wie die Mumien im Berliner Pergamonmuseum, wird bald selbst zu einer werden. Im Zweifelsfall machen Sie den Test: Atmet Ihre Freundschaft noch? Hat sie Puls? Was nur leblos im Weg herumliegt: entsorgen.

Freundschaften beenden – Schritt für Schritt erklärt:

Die Anzeichen
Ihre Freunde nerven Sie? Das ist ganz normal und noch lange kein Grund, die Freundschaft abzubrechen. Sie hatten doch nicht etwa angenommen, Sie selbst strapazierten niemandes Nerven? Bedenklicher sind folgende Anzeichen: Angeödetsein, unüberbrückbare Differenzen in der Humor- und Wertebasis, Loyalitätsverletzungen, Missachtung und Desinteresse.

Der elegante Weg
Was tun, wenn die Anzeichen deutlich sind? Am besten erst mal nichts. Versanden lassen gilt immer noch als elegantester Weg, eine Freundschaft zu beenden – vorausgesetzt, es wollen beide Schluss machen. Wenn nicht, haben Sie sehr bald ein Problem. Ihr Noch-Freund wird es als passive Aggression auffassen, dass Sie sich totstellen.

Der unangenehme Weg
Funktioniert der elegante Weg nicht, gibt es nur eines: Fassen Sie sich ein Herz. Sie kommen offenbar nicht um ein Trennungsgespräch herum. Das ist unangenehm, muss aber sein. Treffen Sie Ihren Noch-Freund auf neutralem Terrain. Cafés und Restaurants sind besonders geeignet, weil die vielen Menschen mässigend wirken, falls die Emotionen mit Ihnen durchgehen. Wer will schon vor Publikum ausflippen?

Die Botschaft
Nun zur Botschaft, die Sie überbringen: Seien Sie deutlich. Ihr Gegenüber hat ein Recht darauf, zu erfahren, warum Sie nicht mehr mit ihm befreundet sein wollen. Keine Ausflüchte, keine falschen Rücksichten, kein «wir können uns ja vielleicht doch noch ab und zu auf ein Bier treffen». Ihre Freundschaft ist nicht mehr zu retten, das wissen Sie. Jetzt müssen Sie dafür sorgen, dass es Ihr Noch-Freund ebenfalls erfährt. Nur so können Sie sich in Würde verabschieden.

Die Prävention
Freunde, die nicht zu Ihnen passen, sind anstrengend. Eine Trennung häufig ebenso. Lassen Sie es am besten gar nicht so weit kommen. Revanchieren Sie sich niemals für anderer Leute Essenseinladungen, wenn Sie diese Menschen nicht wirklich mögen. Sonst züchten Sie sich die falschen Freunde ja regelrecht heran! Eine Gegeneinladung zieht nur eine weitere Kaskade von unerfreulichen Abenden nach sich.


Wie man neue Freunde findet
Haben Sie nicht zu viele, sondern zu wenig Freunde? Sind Sie geschieden? Neu in der Stadt? Einsam? Hier erfahren Sie, wie man wieder Anschluss findet. (Abo+)

Erstellt: 11.09.2019, 09:38 Uhr

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