So populistisch sind unsere Leser

Fast 100'000 Menschen haben an unserem Populismus-Quiz teilgenommen. Die Resultate.

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«Populist» gilt weitum als Schimpfwort. Nicht einmal Politiker, die gemäss Definition populistisch agieren, bezeichnen sich als solche. Umso interessanter ist das Resultat des Populismus-Quiz, das seit zehn Tagen auf verschiedenen Tamedia-Websites abrufbar ist: Zwei Drittel aller Teilnehmer stellten sich als populistisch heraus. Die grosse Mehrheit unter ihnen im linken Spektrum:

Knapp 100'000 Menschen nahmen am Populismus-Quiz teil, das wir in Zusammenarbeit mit dem «Team Populism» entwickelt haben, einem internationalen Forschungsnetzwerk, das die Ursachen und Folgen des Populismus untersucht.

Gerade im Wahljahr 2019 – in der Schweiz stehen im Oktober Parlamentswahlen an, in der EU im Mai Europawahlen – scheinen uns solche Einsichten von besonderem Interesse zu sein, zumal die Schweiz und ihr politisches System Vorbild für viele populistische Bewegungen in Europa sind.

Parteien wie der Front National in Frankreich oder die deutsche AfD sehen die direkte Demokratie als Möglichkeit, den Bürgern zu ihren Rechten zu verhelfen. Doch wie stehts in der Schweiz selbst um populistische Einstellungen?

Das Quiz besteht aus 20 Fragen. Zum Beispiel, ob man zustimme, dass Politiker(innen) immer genau zuhören sollen, wenn es um die Probleme der Menschen geht. Oder ob Umweltschutz wichtig sei. Die Antworten der User verorten diese dann in einem politischen Raster. Dieses Koordinatensystem besteht aus zwei Achsen, zum einen aus der «Populismus-Achse», zum anderen aus einer politischen, einer Rechts-links-Achse.

Das Resultat verrät dem einzelnen Teilnehmer, wie populistisch und wie konservativ beziehungsweise progressiv er oder sie eingestellt ist – und wo er im Vergleich zu Weltführern wie Donald Trump oder dem Schweizer politischen Personal steht, von Roger Köppel bis Simonetta Sommaruga.

Die Ergebnisse sind – trotz der hohen Teilnehmerzahl – selbstverständlich nicht repräsentativ, sie spiegeln die Einstellungen unserer Online-Leser – wobei sich diese je nach Publikation unterscheiden können:

Bereits die internationale Version des Quiz beim «Guardian» zeigte, dass die Teilnehmer populistischer eingestellt sind, als man annehmen könnte. Dass sich die Menschen ihrer eigenen populistischen Einstellungen nicht bewusst sind, sei durchaus möglich, sagt auch der Schweizer Politologe und Populismus-Experte Laurent Bernhard (siehe Interview).

Das Quiz lässt weiter Rückschlüsse auf die populistischen Einstellungen von bestimmten Gruppen zu. So zeigte sich, dass Akademiker weniger populistisch sind als andere Teilnehmer – allerdings nicht so stark, wie man aufgrund ihrer Zuordnung zur sogenannten Elite denken würde:

Frauen im Teilnehmerfeld sind linker als Männer, die populistischen Neigungen sind indes gleich stark ausgeprägt. Was bei der Analyse weiter auffiel: Es nahmen sehr viele junge User (20–30 Jahre) an der Umfrage teil. Sie sind aber ähnlich populistisch (oder nicht) eingestellt wie ältere Teilnehmer:

Wie das Feedback unserer User auf das Quiz zeigt, war für sie die Verortung mit Politikern von besonderem Reiz. Die individuellen Resultate, das belegen Reaktionen auf Social Media, entsprachen offenbar meist der Selbsteinschätzung. Barack Obama war den meisten Teilnehmern am nächsten, Donald Trump, wenig überraschend, am fernsten.

Grundsätzlich ist eine genaue Definition von Populismus schwierig, obwohl dieser die politische Gegenwart prägt wie wenig sonst. In der Regel sind damit Politiker oder politische Bewegungen gemeint, die in ihrer Rhetorik zwischen dem «Volk» und den «Eliten» unterscheiden. Wobei die Politik als ein Kampf zwischen den tugendhaften Massen und der ruchlosen Elite verstanden wird mit dem Ziel, den «Willen des Volkes» umzusetzen.

Die Verortung der genannten Politiker in unserem Koordinatensystem erfolgte nach dem Urteil von Politwissenschaftlern und Politjournalisten, die wir zu Rate zogen. Wir positionierten sie dann gemäss dem Mittelwert der Experten-Evaluationen.

Dass diese Verortung nicht willkürlich erfolgte, zeigt sich daran, dass Tamara Funiciello, eine der genannten Politikerinnen, die Quizfragen selber beantwortete und ihr Resultat auf Twitter veröffentlichte. Sie landete gleich neben der von den Experten berechneten Position.

Zum Populismus-Quiz:

Erstellt: 21.03.2019, 20:55 Uhr

Interview mit Politologe Laurent Bernhard

Laut unserer Community-Befragung haben Alter und das Geschlecht keinen Einfluss auf die populistische Einstellung. Deckt sich das mit Ihren Erkenntnissen?
Wir beobachten, dass eher ältere Männer zu Rechtspopulismus neigen. Ihre Leserschaft ist – wie die Befragung nahelegt – eher links. Offenbar haben Alter und Geschlecht in diesem politischen Milieu weniger Einfluss auf populistisches Denken.

Akademiker sind laut der Befragung etwas weniger populistisch eingestellt. Aber nicht so deutlich, wie man es für die sogenannte «Elite» erwarten könnte.
Es fällt in den Quiz-Resultaten auch auf, dass Leute mit tieferem Bildungsniveau nicht extrem populistisch eingestellt sind. Die Vermutung liegt nahe, dass dies auch mit der Zusammensetzung Ihrer Community zu tun hat. Denn das Bildungsniveau ist in repräsentativen Befragungen ein starker Erklärungsfaktor für populistische Einstellungen. In der Tendenz nehmen sie mit steigender Ausbildung markant ab.

Haben die Resultate auch damit zu tun, dass es in der Schweiz kaum Linkspopulismus gibt?
Ja, der politische Kontext ist zent­ral. Die Schweiz hat vergleichsweise geringe wirtschaftliche Probleme. Dies hat dazu beigetragen, dass sich hierzulande im Gegensatz etwa zu südeuropäischen Staaten keine linkspopulistische Partei etabliert hat.

Trotz der linksliberalen Community kamen fast zwei Drittel der Quizteilnehmer leicht über der Populismus-Markierung zu liegen.
Das hängt natürlich auch davon ab, wie man Populismus definiert und wo eine Umfrage die Schwelle zum Populismus setzt. Tatsächlich weiss die Wissenschaft über populistische Einstellungen im Volk wenig. Die Analysen richteten sich bisher vor allem auf die politischen Akteure, nicht auf die Bevölkerung. Dass sich die Leute ihrer eigenen populistischen Einstellungen nicht bewusst sind, ist durchaus möglich. Das hat man auch bei den «Wutbürgern» gesehen.

Populistische Bewegungen im Ausland wünschen sich oft die direkte Demokratie, so wie wir sie in der Schweiz haben. Umgekehrt gefragt: Fördert die direkte Demokratie den Populismus?
Das ist ambivalent. Populistische Bewegungen und Parteien machen sich Volksinitiativen und Referenden zunutze, um die Bevölkerung für ihre Anliegen
zu mobilisieren. Auf der anderen Seite führen genau diese Instrumente der direkten Demokratie zu einer Versachlichung von politischen Debatten. Letztlich geht es bei einer Volksabstimmung jeweils darum, ob ein ganz spezifischer Reformvorschlag angenommen werden soll.

Der Erfolg der SVP ist nicht zuletzt Volksinitiativen zu verdanken. Ist sie für den Politologen eine populistische Partei?
Aufgrund ihres Diskurses in der Einwanderungs- und Europapolitik, in der sie oft das Volk gegen die Eliten positioniert, kann sie als populistische Partei gesehen werden. Bei Wirtschaftsthemen hingegen gleicht die SVP einer moderat bürger­lichen Partei.

Laurent Bernhard arbeitet beim Forschungsinstitut Fors.

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