Was macht Kinder erfolgreich?

Wer nicht aufgibt, wird mit Erfolg belohnt. Das lernen Kinder, wenn ihnen die Eltern nicht zu viel abnehmen.

Üben, üben, üben: Wer nicht aufgibt, wird mit Erfolg belohnt. Symbolbild: Keystone

Üben, üben, üben: Wer nicht aufgibt, wird mit Erfolg belohnt. Symbolbild: Keystone

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Thomas Alva Edison war als Kind so zappelig, dass ihn die verzweifelten Lehrer nach Hause schickten. Und auch als Erwachsener galt der Erfinder der Glühbirne als unruhig und von seinen vielen Einfällen getrieben. Doch wenn es um seine Forschung ging, bewies Edison eine erstaunliche Geduld und Konzentration. So probierte er mehr als 6000 verschiedene Materialien aus, bis er 1879 den Glühfaden fand, der ausreichend hell brannte.

Uns mag die Erfindung der Glühbirne heute als genialer Einfall vorkommen. Dass in der Realisierung der Idee wie wohl in allen bahnbrechenden Entdeckungen vom Rad bis zur Solarzelle jahrelange harte und konsequente Arbeit steckt, wird oft vergessen. Die eigentliche Leistung aller überragenden Tüftlerinnen und Tüftler ist die Sturheit und Hingabe, die ihnen hilft, Misserfolge bei der Umsetzung ihrer Ideen wegzustecken. Oder, wie es Edison selbst formulierte: «Genialität besteht aus einem Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Transpiration.»

Die Kinder, die in dem Test der süssen Versuchung hatten widerstehen können, hatten später mehr Erfolg im Leben.

Doch nicht nur bei den Erfindern führen Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen zum Erfolg. Schon von Kindesbeinen an sind diese Fähigkeiten ebenso ausschlaggebend wie die Intelligenz, um nicht nur in der Schule und später im Beruf, sondern überhaupt im Leben erfolgreich zu sein.

Das hat als Erster der Psychologe Walter Mischel 1968 mit dem bekannten Marshmallow-Test an der Bing Nursery School in Stanford gezeigt. Der Wissenschaftler setzte Kinder in ein leeres Zimmer. Sie sollten dort vor einem Teller mit Marshmallows warten, bis eine Betreuungsperson auftauchte. Mischel wollte mit diesem Versuch die Selbstbeherrschung der Kleinen untersuchen, für die eine gute Portion Willenskraft, aber auch Geduld und Durchhaltevermögen hilfreich sind. Spannend wurde es allerdings erst, als der Psychologe 13 Jahre später die inzwischen fast erwachsenen Studienteilnehmer befragte. Die Kinder, die in dem Test der süssen Versuchung hatten widerstehen können, hatten später mehr Erfolg im Leben.

Eine hohe Intelligenz ist nicht ausschlaggebend für den Bildungserfolg.

Die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm kam 2016 in einer eigenen Untersuchung zu ähnlichen Ergebnissen. Stamm erstellte über vier Lehrjahre hinweg Leistungskurven von Auszubildenden. Dabei stellte sich heraus, dass die Jugendlichen, die wegen ihrer Intelligenz zu Beginn der Lehre die besseren Ergebnisse gezeigt hatten, am Ende in der Regel nicht mehr zu den Jahrgangsbesten gehörten. Langfristig, so schlussfolgerte Stamm in ihrer Publikation «Ich will – und zwar jetzt!» deshalb, war nicht eine hohe Intelligenz ausschlaggebend für den Bildungserfolg, sondern Persönlichkeitsmerkmale wie Frustrationstoleranz, Motivation und Beharrlichkeit.

«Diese Eigenschaften sind bei der individuellen Entwicklung und beim Lernen unabdingbar», sagt Christina Schäfer von der Lernpraxis in Zürich, «damit man bei langweiligen, sich wiederholenden Tätigkeiten, bei schwierigen Aufgaben und bei Misserfolgen nicht gleich aufgibt.» Nur so könne das Potenzial an Intelligenz auch ausgeschöpft werden, meint die ausgebildete Neuropsychologin, die Jugendliche und Erwachsene beim Verbessern ihrer Lernfähigkeiten unterstützt.

Nicht gleich aufgeben: Das braucht vor allem auch Förderung durch Eltern und Lehrpersonen. Foto: Keystone

Ausdauer und Hartnäckigkeit sind jedoch nicht nur hilfreich, um schwierige Aufgaben zu lösen. Sie sind auch aus lerntheoretischer Sicht für den Wissenserwerb entscheidend, ergänzt Schäfers Lernpraxis-Kollegin Csilla Kenessey Landös. Nur wenn man Einmaleins und Sprachen regelmässig und geduldig wiederhole, setzten sich die Regeln und Vokabeln im Langzeitgedächtnis fest. Das sei dann wie beim Autofahren, erklärt die Psychotherapeutin und Lerncoach. Irgendwann beherrsche man die grundlegenden Kenntnisse im Schlaf und könne sich auf andere, weiterführende Aufgaben konzentrieren. Und noch etwas sei entscheidend, so die Lernexpertin: Wer etwa beim Rechnen vorschnell aufgebe, habe keine Erfolgserlebnisse. Bleibe ein Kind allerdings an einer Aufgabe dran, habe es eher Chancen, sie zu lösen. Diese Bestätigung der eigenen Fähigkeiten gebe den Lernenden Selbstvertrauen und die Motivation, sich an schwierigere Probleme zu wagen.

Angeboren oder erlernt?

Sind von Natur aus geduldige und gelassene Kinder auf ihrem ganzen Lebensweg im Vorteil, wenn es um Schule und Karriere geht? Nicht unbedingt, gibt Niamh Oeri Entwarnung. Zwar prägten die Gene das Temperament des Kindes von Geburt an mit, so die Entwicklungspsychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie an der Universität Bern. Doch Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen könnten Kinder auch lernen. Und bei der Förderung dieser Eigenschaften spielen die Eltern und die Umwelt eine wesentliche Rolle.

Der Vater, der seiner Tochter hilft, auf den ersten Ast zu kommen, und sie beim weiterklettern nur so weit unterstützt, dass sie es alleine weiterschafft, die Mutter, die ihrem Sohn vier Puzzlestücke vorlegt, ihm dann aber die Zeit lässt, unter den vier Puzzlestücken das richtige zu finden: «Mit einer solchen unterstützenden Haltung der Eltern können die Kinder Erfahrungen machen und lernen Dinge, zu denen sie alleine noch nicht fähig gewesen wären», meint Entwicklungspsychologin Niamh Oeri, «zudem ist es für die Entwicklung der Beharrlichkeit förderlich, wenn Eltern ihre Kinder unterstützen und ermutigen, an der Lösungssuche dranzubleiben.»

Die Erwachsenen sollten die Kleinen experimentieren lassen, auch wenn manchmal etwas schiefgeht.

Kinder wollen von sich aus die Welt entdecken, davon sind die Expertinnen überzeugt. Das beginnt schon im Kleinkindalter, wenn sie beharrlich immer wieder versuchen, aufzustehen oder laufen zu lernen. Misserfolge sind dabei wichtige Erfahrungen. Die Erwachsenen sollten die Kleinen daher gelassen experimentieren lassen, auch wenn manchmal etwas schiefgeht. Wird ihr Forscherdrang dagegen immer wieder ausgebremst, aus Angst, es könnte ihnen schaden oder etwas könnte kaputtgehen, ist es für Kinder schwieriger, ihr Durchhaltevermögen zu entwickeln.

Aber nicht nur die Zuwendung und der Glaube der Eltern an seine Fähigkeiten bewirken, dass sich der Nachwuchs beharrlich mit einer Aufgabe beschäftigt. «Eltern sind das Vorbild», sagt Csilla Kenessey Landös, «und deshalb ist es gut, wenn Kinder von klein auf sehen, dass ihre Eltern sich ebenfalls anstrengen, um ein Ziel zu erreichen, und nicht gleich aufgeben, wenn etwas nicht gelingt.» Das bestätigt auch eine Studie von Entwicklungspsychologen am Massachusetts Institute of Science. Sie stellten fest, dass sogar 15 Monate alte Kleinkinder sich mehr Mühe gaben, eine für sie neue Aufgabe zu lösen, wenn sie zuvor einen Erwachsenen beobachtet hatten, der sich bei dem Experiment ebenfalls anstrengte. «Zeigt euren Kindern, wie ihr schwitzt», empfehlen die Wissenschaftler daher.

Das Schwitzen kann sich nicht nur im Hinblick auf den schulischen und beruflichen Erfolg der Kinder lohnen. Auch im Umgang mit den Mitmenschen profitieren Kinder, die bei Widerstand nicht sofort resignieren. «Solche Kinder haben oftmals auch hohe soziale Fähigkeiten», sagt Niamh Oeri, «da sie Geduld mit dem Gegenüber haben und bei Streitereien nicht gleich davonlaufen.» Allerdings spiele dabei auch eine Rolle, wie Kinder mit ihren Emotionen umzugehen gelernt haben. Ohne diese emotionalen Kompetenzen ist eher zu befürchten, dass ein Kind zwar ein genialer Tüftler, aber auch ein ungeniessbarer Zeitgenosse wird.


«Junge sind sich gewohnt, alles auf Knopfdruck zu bekommen»

Interview Wie wichtig ist Beharrlichkeit im Beruf? Ein Gespräch mit dem Laufbahnberater Andres Züger.

«Ich mache die Erfahrung, dass Jungen die Ursache für Misserfolg öfter dem Umfeld zuschreiben»: Laufbahnberater Andres Züger. Foto: Xing

Herr Züger, wie wichtig sind nach Ihrer Erfahrung Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen in Ausbildung und Beruf?
Sehr wichtig! Im Arbeitsalltag gibt es immer Durststrecken und Hindernisse. Da sollte man nicht gleich überhastet alles hinschmeissen. Wichtig ist aber auch das Interesse. Es hilft enorm dabei, am Ball zu bleiben.

Geben viele Jugendliche zu schnell auf?
Mädchen und Jungen wachsen heute in einer Konsumgesellschaft auf und sind gewohnt, alles auf Knopfdruck zu bekommen. So machen sie nicht mehr die Erfahrung, dass es sich lohnt, etwas zu investieren, um Erfolg zu haben.

Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern?
Ich mache die Erfahrung, dass Jungen die Ursache für Misserfolg öfter dem Umfeld zuschreiben. Mädchen meinen eher, nicht kompetent genug zu sein.

«Viele Jugendliche sind froh, wenn die Erwachsenen sich für ihre Ausbildung interessieren.»

Wie bringen Sie die Jugendlichen dazu, sich für einen Beruf zu begeistern?
Zentral an meiner Arbeit sind ehrliche Gespräche auf Augenhöhe. Dadurch entsteht eine Beziehung, in der ich versuche, Jugendliche darin zu bestärken, Berufe auszuprobieren, auch wenn diese mit persönlichen Vorurteilen behaftet sind. Wenn Jugendliche Zuspruch und Unterstützung erfahren, sind sie viel eher bereit, sich auf den Berufsfindungsprozess einzulassen. Und bei Misserfolgen auch über ihre Selbstzweifel zu sprechen. Der Plateau-Effekt, bei dem nach anfänglichen Erfolgen kein Fortschritt mehr stattfindet, kann dadurch eher verhindert werden. Gleichzeitig erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit Beharrlichkeit am Berufsfindungsprozess dranbleibt.

Wie?
Ich höre oft von den Jugendlichen, dass sie froh sind, wenn die Erwachsenen sich für sie und ihre Ausbildung interessieren. Wenn etwa die Eltern nachfragen und sie ermutigen oder die Lehrpersonen und wir Berufsberatenden mit ihnen reden und Lösungen vorschlagen. Das heisst aber nicht, dass man ihnen alles abnehmen und im schlimmsten Fall noch mit zum Vorstellungsgespräch gehen soll.

Und was ist, wenn sich der Sohn oder die Tochter schwertut mit der Wahl einer Ausbildung?
Wir Erwachsenen vergessen oft, welche Herausforderung der Berufsfindungsprozess für die Jugendlichen ist. Viele sind in der Pubertät und wissen noch nicht genau, was sie interessiert. Aber es ist auch kein Weltuntergang, wenn jemand länger braucht, um seinen Weg zu finden. Unser Bildungssystem ist so durchlässig, dass man auch mit Verspätung durchstarten kann.

Erstellt: 27.06.2019, 19:56 Uhr

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