So werden Sie ein furchtloser Mensch

Wir tun oft alles, um unsere Ängste zu verdrängen. Sie zu bekämpfen, wäre jedoch gar nicht so schwierig.

Der Höhenangst zum Trotz: Furcht ist immer nur das, was man selbst aus ihr macht. Illustration: Alexandra Gornag

Der Höhenangst zum Trotz: Furcht ist immer nur das, was man selbst aus ihr macht. Illustration: Alexandra Gornag

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Zum Einstieg eine Warnung: Hundertprozentige Furchtlosigkeit kann Ihr Leben gefährden. Schliesslich ist Angst nichts, worauf man so mir nichts, dir nichts verzichten könnte, sondern ein überlebenswichtiger Instinkt, der uns davor bewahrt, von einem Säbelzahntiger gefressen zu werden, unsere Reputation mit Nacktselfies zu ruinieren oder von einem rüpelhaften E-Bike-Rentner über den Haufen gefahren zu werden. Es geht hier also bestenfalls um eine Teil-Furchtlosigkeit.

Was Menschen droht, die keine Angst empfinden können, zeigt exemplarisch der Fall einer Patientin, die der amerikanische Wissenschaftler Justin Feinstein von der University of Iowa im Jahr 2010 untersucht hat. SM, so nannte Feinstein seine Probandin, litt am seltenen Urbach-Wiethe-Syndrom, einer Erkrankung, die den Mandelkern zerstört, eine auch Amygdala genannte Hirnregion, in der die Furcht zu Hause ist.

«Ein Wunder, dass sie überhaupt noch am Leben ist.»Justin Feinstein über seine Probandin SM

SM hatte keinerlei Schwierigkeiten, andere Emotionen wie Freude, Trauer oder Wut zu empfinden, und sie konnte sich auch gut daran erinnern, in ihrer Kindheit Angst gespürt zu haben, bevor die Krankheit ihren Mandelkern ruinierte. Ja, sie berichtete sogar äusserst lebhaft von ihrer Schlangen- und Spinnenphobie. Doch als Feinstein seine Probandin in einen Zooladen schleppte, konnte er sie dort nur mit Mühe davon abhalten, mit einer Tarantel zu kuscheln. Auch bei den Gift- und Würgeschlangen kannte sie keinerlei Berührungsängste. Auf einer Skala von 0 (keine Angst) bis 10 (extreme Angst) nannte sie niemals einen Wert, der grösser war als 2.

SM, eine Mutter von drei Kindern, die in prekären Verhältnissen in einer gefährlichen Gegend aufgewachsen war, ist wiederholt Verbrechen zum Opfer gefallen. Sie wurde mit Schusswaffen und Messern bedroht und in einem Fall häuslicher Gewalt beinahe umgebracht. Doch dass ihr Leben in diesen Momenten in Gefahr war, habe sich kaum in ihrem Verhalten widerspiegelt, so Feinstein. Weil sie keine Angst empfindet, sei sie nicht dazu in der Lage, Gefahren aus dem Weg zu gehen. «Ein Wunder, dass sie überhaupt noch am Leben ist.»

Vom Monster zum Kuscheltierchen

Völlige Angstlosigkeit ist also kontraproduktiv – es sei denn, Sie sind ein Psychopath. Viele Serienmörder begehen ihre Verbrechen nur deshalb so skrupellos, weil sie ihre Angst im Augenblick der Tat ausschalten können wie ein lästiges Störgeräusch. Für alle anderen sind die eigenen Ängste und Befürchtungen nicht nur ein Gefahrenindikator, sondern auch der Sand im Getriebe der eigenen Ambitionen.

Was könnte man nicht alles sein und werden, wenn man sich bloss trauen würde? Wenn man nicht so eine Memme wäre, die Angst hat vor der Reaktion der Chefin, dem unweigerlich folgenden Zoff mit der Ehefrau oder dem Ehemann, dem drohenden Abstieg in die Mittelklasse, der Erhöhung des Hypothekarzinses, dem pochenden Schmerz in der linken Schläfe, der ganz bestimmt von einem Hirntumor herrührt, dem möglichen Scheitern – oder schlicht: vor Veränderung?

«Man muss vor nichts im Leben Angst haben, wenn man seine eigene Angst versteht.»Marie Curie, Physikerin und Nobelpreisträgerin

Hier deshalb erst einmal eine frohe Botschaft aus der Psychotherapie: Ängste lassen sich relativ gut behandeln. Das Prinzip ist einfach und lässt sich bei milderen Ausprägungen auch ohne Psychiater im Heimgebrauch anwenden. Im Wesentlichen geht es darum, seiner Angst, diesem zähnefletschenden Monster, so lange in die Augen zu schauen, bis sie zu einem zahmen, flauschigen Kuscheltierchen schrumpft, das einem keinerlei Kopfzerbrechen mehr bereitet.

«Man muss vor nichts im Leben Angst haben, wenn man seine eigene Angst versteht», hat schon Marie Curie gesagt, die immerhin den Nobelpreis bekommen hat, als erste Frau überhaupt. Wenn das nicht furchtlos ist! Dumm nur, dass wir meist die gegenteilige Strategie wählen wie Madame Curie: Wir tun alles, um unsere Angst zu verdrängen, vermeiden Situationen, in denen sie auftreten könnte, weichen jedem Gedanken an sie aus – bis sie auch in die entlegenen Winkel unseres Gehirns kriecht wie ein toxischer Parasit und immer lautstärker ihren Tribut fordert: mit Schweissausbrüchen, Schlafstörungen, Panikattacken.

Die Lösung: Konfrontation

Moderne Verhaltenstherapie setzt auf die dosierte Konfrontation. Behutsam wird die Angst erst einmal von allen Seiten angeschaut. Wo kommt sie her? Was will sie uns sagen? Was würde passieren, wenn wir ihr nicht nachgeben? Daraufhin beginnt der Patient, unterstützt vom Therapeuten, sich seiner Angst in zumutbaren Portionen auszusetzen. Platzangst-Patienten lernen, in kleinen Schritten immer klaustrophobischere Situationen auszuhalten, bis sie schliesslich auch in grossen Menschenmengen keine Panik mehr bekommen. Spinnenphobiker fangen mit dem Betrachten von Fotos kleiner Babyspinnen an und lassen sich am Ende ganz ohne auszuflippen eine behaarte Vogelspinne auf die Hand setzen. Die kleinen Schritte sind es, die helfen, die Kontrolle wiederzuerlangen und zu erkennen: Angst ist immer nur das, was man selbst aus ihr macht.

Furchtloser werden Sie, wenn Sie aus alten Gewohnheiten ausbrechen.

Nach diesem Prinzip lässt sich so gut wie jede Panik in den Griff bekommen, selbst die Mutter aller Ängste: die Furcht vor dem Tod. Sterbende berichten häufig, dass sie es geschafft hätten, ihre Angst hinter sich zu lassen und dem Tod nun eher mit Neugier entgegenzuschauen. Denn Angst ist kein Hochsicherheitstrakt, in dem wir auf Gedeih und Verderben eingekerkert sind. So furchtbar sie sich im Einzelfall auch anfühlen mag, es gibt immer eine Tür nach draussen. Wenn wir uns ihr nur stellen.

Das lässt sich auch im Kleinen üben. Furchtloser werden Sie, wenn Sie aus alten Gewohnheiten ausbrechen, Fachleute nennen das gern «die Komfortzone verlassen». Sie mögen längst erwachsen oder sogar schon im fortgeschrittenen Alter sein, doch es gibt immer noch Dinge, die Sie zum ersten Mal tun können: endlich Tango tanzen oder den Kopfstand lernen. Einem Gospelchor beitreten. Im Job eine Aufgabe übernehmen, von der sie nicht schon im Voraus wissen, ob sie ihr gewachsen sind. Eine längst fällige Entschuldigung aussprechen. Eine längst fällige Liebeserklärung aussprechen. Alleine verreisen, vielleicht sogar in ein Land, das andere Leute auf ihrer inneren Landkarte als No-go-Area markiert haben, den Iran etwa oder Uganda. Es ist dort so atemberaubend schön, dass Sie ein Leben lang davon zehren werden.

Wichtig ist, dass Sie ein kleines bisschen Angst vor der Reise haben – sie aber trotzdem antreten. Diese Selbstüberwindung ist es, die Sie nach der Rückkehr mit Stärke erfüllt. Sie haben etwas gewagt! Sie haben Ihrer Angst den Stinkefinger gezeigt! Das Gefühl der Furchtlosigkeit wird Sie durchfluten wie ein warmer Tropenregen.

Erstellt: 09.10.2019, 07:15 Uhr

Die zehn bizarrsten Ängste

(Sie werden sich gleich ein bisschen furchtloser fühlen, wenn Sie sie nicht haben.)

Ailurophobie
Angst vor Katzen

Anthophobie
Angst vor Blumen

Aphephosmophobie
Angst vor Berührung durch andere Lebewesen

Chionophobie
Angst vor Schnee

Ergophobie
Angst vor Arbeit

Lachanophobie
Angst vor Obst und Gemüse

Nomophobie
Angst, ohne Mobiltelefonkontakt zu sein

Oneirogmophobie
Angst vor feuchten Träumen

Paraskavedekatriaphobie
Angst vor Freitag, dem 13.

Spektrophobie
Angst vor dem eigenen Spiegelbild

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