Soll man Bücher verschenken, ohne sie selber gelesen zu haben?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Schenken.

Lesen, eine Lebenszeit konsumierende Plage – vor allem, wenn man ein geschenktes Buch liest. <nobr>Foto: Keystone</nobr>

Lesen, eine Lebenszeit konsumierende Plage – vor allem, wenn man ein geschenktes Buch liest. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sicher kennen Sie das: Sie bekommen ein Buch geschenkt, beginnen zu lesen und fragen sich, was die schenkende Person sich wohl dabei gedacht hat. Will sie mir einen Wink geben, mich mit einem Thema zu befassen? Denkt sie, meine Interessen seien weitgefächert und somit mit dem Buch kompatibel? Oder werde ich mit einem Buch beschenkt, einfach weil ich Leser bin? Deshalb die Frage: Soll man Bücher verschenken, die man nicht selber gelesen hat? B.B.

Lieber Herr B.

Man sollte Bücher nach demselben Kriterium verschenken, nach dem man auch andere Geschenke macht. Sinn eins Geschenks ist es, den Beschenkten zu erfreuen. Wie leicht und oft das schiefgehen gehen kann, wissen Schenker(innen) wie Beschenkte aus eigener Erfahrung.

Selbst wenn man einen nigelnagelneuen Rolls-Royce geschenkt bekommt, könnte man sich noch darüber mehr ärgern als freuen, weil man erstens nicht Auto fährt, zweitens keinen Parkplatz hat und drittens nicht einfach Bargeld gekriegt hat, sondern ein blödes Auto, das man jetzt erst wieder verkaufen muss, wobei man wahrscheinlich einen saftigen Verlust macht – von den Umständen einmal ganz abgesehen und davon, dass man jetzt als undankbar erscheint.

Sie sehen, nicht nur Bücher können problematisch sein. Was Bücher als Geschenk besonders kritisch macht, ist die Erwartung, die Beschenkte müsse sie lesen. Dann wird das Geschenk für die Beschenkte zur Lebenszeit konsumierenden Plage; erst recht, wenn der Schenker das Buch selber auch gelesen und für sehr gut befunden hat. Man kann nichts schenken, erst recht nicht Bücher, ohne dass das Geschenk nicht als Botschaft verstanden wird. Manchmal ist diese Botschaft willkommen, manchmal nicht.

Ein Buch ist bloss ein Buch und könnte auch ein Parfüm sein.

Und manchmal weiss man nicht so recht ... Zum Beispiel nicht, was die Schenkerin an dem Buch so toll gefunden hat, und nicht, warum sie findet, dass man es auch so spannend, interessant, anregend, intellektuell bereichernd oder was auch immer findet. Am einfachsten ist es, wenn beide, Schenker(in) und Beschenkter, den Geschenkball möglichst flach halten. Es ist schön, wenn die Beschenkte das Buch auch einen Knüller findet (man sollte aber lieber nicht nachfragen). Aber wenn nicht, ist es auch keine Katastrophe.

Eine Katastrophe hingegen wird es schnell einmal, wenn man ein Buch mit dem Gestus überreicht bekommt, dieses Werk enthalte die Quintessenz des (eigenen) Lebens. Dann wird das Buchgeschenk zur existenziellen Probe: Erweist sich der Beschenkte der Intimität dieses Geschenkes als würdig? Lieber nicht: Ein Buch ist bloss ein Buch und könnte auch ein Parfüm sein. Das stimmt zwar auch nicht ganz, aber es erleichtert das Leben der Beteiligten, wenigstens so zu tun.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tamedia.ch

Erstellt: 11.09.2019, 10:53 Uhr

Artikel zum Thema

Warum sind Sie so überheblich, Herr Schneider?

Leser fragen Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Satire. Mehr...

Kann ich seine Nebenbeziehung vergessen?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Fremdgehen – und wie man damit umgehen könnte. Mehr...

Warum lösen Politiker keine Probleme?

Eine Leserfrage über die fehlenden Problemlöser in unserer heutigen Gesellschaft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Mit Augenringen: Kinder präsentieren in der Shougang-Eishockey-Arena Bing Dwen Dwen das Maskottchen der Winterspiele 2022 in Peking. (17. September 2019)
(Bild: Xinyu Cui/Getty Images) Mehr...