Sollen wir uns von den sozialen Medien verabschieden?

Der Verzicht auf Facebook, Twitter und Instagram liegt im Trend. Ob das sinnvoll ist, bleibt fraglich.

Und Social Media über allem: Twitter an der New Yorker Börse. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Und Social Media über allem: Twitter an der New Yorker Börse. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

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Ja

Denk ich an die sozialen Medien in der Nacht, werd ich um mein inneres Gleichgewicht gebracht: Twitter auf, ein paar Minuten durch die Timeline gescrollt, und schon steht das Gemüt in Flammen. Oder ist die Laune im Eimer. Oder man gleitet in den sogenannten Popcorn-Modus und ergötzt sich am Gezänk der anderen.

Twitter, das heisst: permanente Eskalation, Diffamierung und Missverständnisse. Etwas anders ist es auf Instagram mit seinen Hochglanzwelten, die Neid und Minderwertigkeitsgefühle wecken. Und Facebook ist vor allem dumm. Von sozialen Medien kann nichts Gutes kommen. Oder?

Nicht ganz. Genauso könnte man auch behaupten, Drogen seien des Teufels. Doch eingesetzt als Medikamente oder Genussmittel, bringen sie auch Gutes. Dazu muss man aber um ihr zerstörerisches Potenzial wissen – und Vorsicht walten lassen.

Soziale Medien sind eine mächtige Technologie. Sie verändern Gesellschaften, Demokratien und Menschen. Bisher auf unappetitliche Art. Sie befeuern Extremismus, Vorverurteilungen und Unversöhnlichkeit. Und destabilisieren soziale Ordnungen.

Natürlich kann jeder Einzelne entscheiden, ob und wie er Social Media benutzt oder eben nicht. Und natürlich hat die Technologie auch Potenzial zum Guten. Doch dafür müssen wir erst verstehen, was sie mit uns macht, als Einzelne und als Gesellschaft. Davon sind wir weit entfernt.

Bis jetzt sind wir vorgegangen, wie wir immer vorgehen: einfach mal ausprobieren und schauen, was passiert. Mit negativen Effekten: Extremisten erhalten Zulauf, Gesellschaften polarisieren sich, psychische Leiden verbreiten sich epidemisch. Das sind Probleme, die wir in den nächsten Jahren lösen müssen. Vielleicht mithilfe sozialer Medien.

Michèle Binswanger

Nein

Ich habe kürzlich den Film «Snakes on a Plane» gesehen. Ein schlechter Film. So schlecht, dass ich fortan keine Filme mehr schaue.

Nein, stimmt natürlich nicht: Der totale Verzicht, nur weil dieser eine Film mir nicht gefallen hat, ist absurd. Ebenso absurd wie die Meinung des ehemaligen Nati-Spielers Valon Behrami. Er sagte, er habe seine Accounts gelöscht, weil Social Media nur eine Scheinwelt sei.

Klar, in den sozialen Medien ist viel Trash zu finden. Aber: Wer etwa die Beiträge des früheren estnischen Präsidenten Toomas Hendrick Ilves bei Twitter abonniert, erhält täglich einen faszinierenden Einblick, wie sich Russland subtil in die europäische Politik einmischt. Die Kurzvideos der US-Komödiantin Wanda Sykes auf Instagram sind genauso lohnenswert. Zumindest für jemanden, der sich für US-Politik und die Rassismus-Debatte in den USA interessiert.

Soziale Medien sind keine Einwegstrassen. Jeder kann dort sagen, was er will. Die Meinungsäusserung war noch nie so frei! Die Schattenseite ist, dass einige diese Freiheit nutzen, um die Rechte anderer infrage zu stellen oder zu beleidigen. Deshalb triefen soziale Medien oft von politischer Ideologie, Rassismus oder Sexismus.

Dennoch sind soziale Medien nicht grundsätzlich anders als andere mediale Erfindungen: Buch, Radio, Film, Zeitung. Sie sind Ausdruck des menschlichen Urbedürfnisses nach Kommunikation. Es braucht nur eine Weile, bis wir sie intelligent zu nutzen verstehen. Das war beim Film oder beim Buch nicht anders.

Wer sich heute von den sozialen Medien abwendet – vom vielen Müll überfordert oder vom überbordenden Hass angeekelt – räumt das Feld für Rassisten und Langweiler. Ich bleibe.

Barnaby Skinner

Erstellt: 21.08.2019, 20:35 Uhr

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