Sollten sich Paare beim Anstossen küssen?

Die Antwort auf eine Stilfrage betreffend demonstrativer Zweisamkeit.

Muss das sein? Reflex-Küsse kommen meist mehr wie eine Trockenübung daher.

Muss das sein? Reflex-Küsse kommen meist mehr wie eine Trockenübung daher. Bild: Olivier Maire/Keystone

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Immer wieder bei Einladungen, sei es im privaten Rahmen oder im Restaurant, gibt es Paare, die sich beim Anstossen der Gläser demonstrativ küssen. Frei nach dem Motto: «Schaut her, wie glücklich und harmonisch wir sind», was uns eigentlich immer amüsiert. Ich liebe meinen Mann nach 31 Jahren immer noch wie am ersten Tag, trotzdem kommt es uns nicht in den Sinn, uns beim Klirren der Gläser zu küssen. Sind wir langweilig?
A. T.

Liebe Frau T.,
wo denken Sie hin! Es verhält sich gerade umgekehrt.

Zunächst aber: Wir sind hier in dieser unserer kleinen Rubrik total pro Küssen. Es sollte dringend mehr geküsst werden; wenn man guckt, wie die alle immer schäumen und keifen auf Twitter und auf Facebook, dann wird einem ganz elend. Die küssen eindeutig alle zu wenig. Deshalb haben die auch so verkniffene Münder, die sind vom permanenten Zetern und Gifteln ganz hart und schmal geworden. Solche Münder sehen überhaupt nicht einladend aus, da wundert man sich nicht, dass die ungeküsst bleiben, wobei man jetzt natürlich nicht weiss, was zuerst war.

Jedenfalls: Küssen ist gut. Aber eben nicht auf die Art, die Sie beschreiben. Das ist wahnsinnig trauriges Küssen. Das ist Pflicht-Küssen. Automaten-Küssen. Reflex-Küssen. Das kommt meist mehr wie eine Trockenübung daher, wie eine flüchtige Bewegung, bei der zufälligerweise die Lippen zusammenstossen. Nach Liebe oder Zuneigung oder Engagement sieht das nicht aus. Und mit Verlaub: nach Leidenschaft schon gar nicht.

Das ist Küssen ohne Unterleib und daher lahm und langweilig.

Man denkt vielmehr, diesen Paaren sei das mit dem Küssen schon lange abhandengekommen. Und dass das denen nur noch beim Anstossen einfällt und auch nur deshalb, weil man das halt so macht; sie könnten sich geradeso gut die Hand schütteln oder auf die Schulter klopfen. Und weil sie ja aus der Übung sind, macht das nichts her, sieht das irgendwie ungelenk aus mit diesen gespitzten Lippen und nur so schnell, schnell. Das ist Küssen ohne Unterleib sozusagen und daher lahm und langweilig.

Deshalb, liebe Frau T., können Sie sich dem ungeniert verweigern. Oder aber dagegenhalten. Das dünkt mich noch besser. Schlagen Sie einen Pflock ein, und gehen Sie in die Offensive. Knutschen Sie! Und zwar so richtig. Halten Sie das Weinglas mit der einen Hand, mit der anderen umschlingen Sie den Hals Ihres Gatten, und dann knutschen Sie! Seien Sie leidenschaftlich, dehnen Sie das aus, zeitlich gesehen – also jetzt nicht so, dass es unappetitlich wird, es geht mehr ums innige Verharren –, und schliessen Sie dabei die Augen.

Trocknen Sie diese Demo-Küsser ab, und zeigen Sie denen, wie das nach 31 Jahren Ehe wirklich geht.
Bettina Weber


Haben Sie Fragen? Schicken Sie sie an gesellschaft@tagesanzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2017, 21:38 Uhr

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