Statt meiner Frau streichelte ich das Handy

Unser Autor wollte seine Abhängigkeit vom Smartphone überwinden – so gelang es ihm.

Der Smartphone-Wahnsinn: Selbst im Bett werden noch Nachrichten getippt und Tweets gelesen. Symbolbild: Getty Images

Der Smartphone-Wahnsinn: Selbst im Bett werden noch Nachrichten getippt und Tweets gelesen. Symbolbild: Getty Images

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2011 war ein grosses Jahr für mich. Mein Sohn wurde geboren. Wir sind in eine andere Stadt gezogen. Ich habe ein Buch veröffentlicht. Aber im Hintergrund passierte noch etwas, das in gewisser Weise bedeutsamer war: Am 9. Februar 2011 kaufte ich mein erstes Smartphone. Es fühlte sich damals nicht an wie ein Meilenstein in meinem Leben. Ich habe es nicht in mein Tagebuch eingetragen oder das genaue Datum in Erinnerung behalten. Nur weil ich eine Quittung wiederfand, konnte ich den Tag bestimmen.

Dennoch muss ich feststellen, dass mein erstes Smartphone ein wichtiger Einschnitt war. Daniel Kahneman, Wirtschafts-Nobelpreisträger und Autor von «Schnelles Denken, langsames Denken», unterscheidet zwischen dem «erlebenden Selbst» und dem «erinnernden Selbst». Mein erinnerndes Selbst zeigt sich in den wegweisenden Momenten wie der Geburt meines Sohnes. Aber für mein erlebendes Selbst dreht sich alles um das Telefon. Ich verbringe mehr Zeit mit ihm als mit meinen Kindern. Ich bin der Maschine näher als meiner Frau, obwohl ich natürlich weiss, mit wem ich ins Bett gehe.

In meinem ersten E-Mail-Konto – 1994 – landeten täglich etwa eine Handvoll Mails, die meisten davon Newsletter, die ich eigens abonniert hatte, um zu verhindern, dass sich Spinnweben in meinem Posteingang bildeten. Facebook war 2004 eine Kuriosität, weniger interessant als ein Computerspiel. Das erste iPhone von 2007 hatte keine Apps und war als ein iPod mit Telefonfunktion konzipiert. Obwohl – man hätte eigentlich ahnen können, was uns bevorstand, war doch in England gerade «Crackberry» – aus der Droge «Crack» und dem Mobiltelefon «Blackberry» – zum Wort des Jahres gewählt worden. Aber wir waren blind für die Zeichen der Zeit.

Ich bin nicht zufrieden mit der Rolle, die Technologie in meinem Leben spielt.

Nicht, dass ich meckern möchte. Diese Tools sind enorm leistungsfähig. Ohne sie müsste ich eine Sekretärin einstellen und es grundsätzlich aufgeben, während langer Reisen im Zug oder im Flugzeug zu arbeiten. Ja, sie mögen mich gelegentlich während der Schultheateraufführung ablenken, aber die Alternative wäre, das Stück ganz zu verpassen, denn Büro und Schule sind achtzig Kilometer voneinander entfernt. Ich bin nicht zufrieden mit der Rolle, die Technologie in meinem Leben spielt, aber ich will sie auch nicht aufgeben.

Ich weiss, dass ich nicht allein bin. Seit einigen Jahren gebe ich gelegentlich Ratschläge zur Mail-Überlastung an Leser – und, wenn ich ehrlich bin, auch an mich selbst. Aber Ende letzten Jahres beschloss ich, etwas Radikaleres zu tun: Ich würde alles, was ich über Wirtschaftstheorie und Verhaltensforschung wusste, kombinieren mit ein paar hart erkämpften praktischen Verhaltensregeln, um meine Beziehung zur digitalen Welt komplett neu aufzubauen. Dies hier ist die Geschichte dessen, was ich gelernt habe.

Die lähmende Macht des Status quo ist immer das erste Hindernis. Richard Thaler prägte den Begriff «Besitztumseffekt», um das Verhalten eines vinophilen Ökonomen zu bezeichnen. Der Ökonom hatte einige Bordeauxweine für 10 Dollar pro Flasche gekauft und bekam mit, wie der Wert auf 200 Dollar pro Flasche stieg. Er wäre nie auf die Idee gekommen, 200 Dollar für eine Flasche Wein auszugeben – aber für 200 Dollar verkaufen wollte er den Wein dann doch nicht. Lieber trank er einen so teuren Wein zu besonderen Anlässen.

Es gibt keine intrinsischen Vorteile, einen Monat ohne Smartphone zu leben.

Dieses Verhalten ist unlogisch. Denn eigentlich sollte unser Ökonom die 200 Dollar bevorzugen. Doch seine Handlungen sind menschlich – Thaler und Kollegen konnten in Laborversuchen ein derartiges Verhalten replizieren. Wir mögen, was uns gehört, und die Experimente deuten darauf hin, dass wir keinen anderen Grund haben, das zu mögen, was wir haben, als die Tatsache, dass es uns gehört. Unseren Besitz gegen etwas Wertvolleres einzutauschen, ist für uns irrationalerweise keine Option. Daher wollen wir auf das, was wir haben – zum Beispiel unsere digitalen Tools, an die wir uns so gewöhnt haben –, nicht verzichten.

Digital-Skeptiker wie Cal Newport und Jaron Lanier empfehlen, dass der erste Schritt bei einer Neubewertung digitaler Gewohnheiten eine vorübergehende totale Unterbrechung sein sollte. Lanier, ein Pionier der Virtual Reality und Autor von «Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst», empfiehlt eine mindestens sechsmonatige Pause von allen sozialen Netzwerken. Newport schlägt ein kürzeres, aber umfassenderes Verbot vor: kein Netflix, kein Google Maps, kein Smartphone – dreissig Tage lang überhaupt keine digitalen Tools, abgesehen von dem, was beruflich notwendig ist.

Es geht hier nicht um digital detox, nicht um «Entgiftung». Es gibt keine intrinsischen Vorteile, einen Monat ohne Smartphone zu leben, genauso wenig wie man eine kurze Pause von Rauchen oder Heroin empfehlen würde. Ziel ist es vielmehr, den Referenzpunkt zu ändern, um eine Neubewertung zu ermöglichen.

Damit meine ich: Erst wenn Sie den mit digitalen Möglichkeiten überfüllten elektronischen Rucksack abgestellt haben und unbelastet davongelaufen sind, sind Sie in der Lage, eine vernünftige Entscheidung darüber zu treffen, ob Sie ihn wirklich den ganzen Tag mit sich herumtragen wollen.

Wie es ist, Apps zu löschen

Also begann ich, verschiedene Apps von meinem Smartphone zu entfernen. Das erste Mal, als ich ein Symbol in den «Uninstall»-Bereich zog, fühlte es sich wie ein grosser Schritt an, aber bald wurde es zu einem berauschenden Vergnügen. Weg mit den Nachrichten-Apps, weg mit dem Blogleser Feedly. Ich verzichtete bereits auf Spiele auf meinem Handy, hätte aber auch sie mit Begeisterung entfernt. Die «Financial Times»-App meines Arbeitgebers (die sicherlich den Newport-Test der beruflichen Notwendigkeit bestanden hätte) verschonte ich, ebenso Google Maps, einen Podcast-Player, die «Espresso»-App von «The Economist» sowie die Kamera und die Wetter-App.

Das Löschen des Twitter-Kontos fühlte sich einfach noch zu radikal an.

Die grosse Frage war: Was mache ich mit meinen Social-Media-Accounts? Facebook war schlicht zu aufwendig zu löschen, zumal mein persönliches Konto auf undurchsichtige Weise mit einer von meinen Verlegern gepflegten Tim-Harford-Seite verbunden ist. Aber ich hatte Facebook sowieso nie auf meinem Handy gehabt, und nachdem ich kurzerhand allen Kontakten entfolgt war oder sie stumm geschaltet hatte, hatte ich auch kein Problem mehr damit, ausgeloggt zu bleiben.

Meine Twitter-Sucht war wesentlich gravierender. Ich hatte 145'000 Anhänger, die von mir sanft über zehn Jahre hinweg gewonnen worden waren. Ich hatte 40'000 Tweets verfasst – das entspricht zehn Büchern oder zwanzig Jahren einer wöchentlichen Kolumne! Mir wurde ganz plötzlich bewusst, wie aufwendig Twittern ist. Doch das Löschen des Kontos fühlte sich einfach noch zu radikal an.

Was sollte ich machen? Vor zwei Jahren hatte ich die «Mitteilungen» stumm geschaltet, damit ich nicht mehr mitbekommen musste, was andere Leute über mich auf Twitter sagen. (Vieles war freundlich, einiges verletzend, fast alles überflüssig.) Dennoch hatte ich auf Twitter immer viel Zeit verbracht, ohne eindeutig davon zu profitieren. Also löschte ich die Smartphone-App und twitterte, dass ich plane, «für eine Weile von Twitter wegzukommen». Durch einen schönen Zufall war mein letzter Kontakt vor der Abmeldung genau jener Mann, der den Besitztumseffekt erkannt hatte, Richard Thaler.

Opportunitätskosten, verständlich erklärt

Eine der wichtigsten – und am meisten missverstandenen – Ideen in der Ökonomie ist die der Opportunitätskosten. Bei allem, was wir tun, treffen wir eine implizite Entscheidung, etwas anderes nicht zu tun. Wenn du dich entscheidest, zu einer Abendvorlesung zu gehen, entscheidest du dich dagegen, zu Hause deine Gutenachtgeschichte zu lesen. Wenn du eine halbe Stunde damit verbringst, News-Sites zu besuchen, ist das eine halbe Stunde, in der du nicht Fussball schauen kannst. Die 40'000 von mir geschriebenen Tweets hatten mich etwas gekostet, aber ich bin mir nicht sicher, was. Und ich habe bestimmt nicht über die Kosten nachgedacht, während ich twitterte.

Ich war entschlossen, meine digitalen Aktivitäten zu reduzieren, und die gewonnene Zeit für etwas Sinnvolles zu nützen.

Wir denken selten an die Opportunitätskosten unserer Entscheidungen. Eine spassige, wenn auch leicht veraltete Illustration dieses Problems: Wollen Sie einen 1000 Dollar teuren CD-Player oder ein etwas weniger exzellentes 700-Dollar-Gerät? Keine schwierige Wahl, man wählt Option eins.

Aber was, wenn man die Frage umformuliert: Wollen Sie einen erstklassigen 1000-Dollar-CD-Player oder einen 700-Dollar-CD-Player plus CDs im Wert von 300 Dollar? So gefragt, bevorzugen die meisten Menschen eindeutig die zweite Option. Die Opportunitätskosten des teureren Players waren von Anfang offensichtlich – ein dicker Stapel Musik; aber erst wenn unsere Aufmerksamkeit auf das Offensichtliche gelenkt wird, ändern wir unsere Entscheidungen.

Aus diesem Grund war ich entschlossen, nicht nur meine digitalen Aktivitäten zu reduzieren, sondern die gewonnene Zeit und Energie für etwas Sinnvolles zu nützen. Ich habe mich auf drei Aktivitäten konzentriert.

Erstens mehr Bewegung: Ich ersetzte Twitter durch eine Fitness-App, die mich durch einige kurze, intensive Trainingseinheiten führte.

Zweitens mehr Spass: Ich lud ein paar alte Freunde ein, jeden zweiten Sonntagabend mit mir Rollenspiele zu spielen. (Mir ist klar, dass Dungeons & Dragons nicht cool ist. Aber ich bins auch nicht, also ist es mir egal.)

Und drittens, da es bei Social Media ja angeblich darum geht, Kontakt zu halten mit weit entfernten Menschen, beschloss ich, Weihnachtsbriefe zu schreiben. Ich schrieb an immerhin fast dreissig alte Freunde, von denen ich die meisten eine Weile nicht mehr gesehen hatte. Ich schrieb über unsere lange Freundschaft, erinnerte an gute Zeiten und vor allem an wichtige Momente, die wir geteilt hatten. Die Briefe waren das Gegenteil von einem «Like». Das Experiment wurde langsam interessant.

Warum uns das Smartphone so fesselt

Daniel Kahneman erklärt in seinem Buch «Schnelles Denken, langsames Denken»: Wenn wir vor einer schwierigen Frage stehen, antworten wir stattdessen oft auf eine einfachere Frage, ohne zu bemerken, dass wir gerade das Schwere durch das Einfache ersetzt haben.

Tristan Harris, Gründer des «Center for Humane Technology», sagt, dass unsere digitalen Geräte das oft für uns machen. Stellen Sie sich eine Gruppe von Freunden vor, sagt Harris, die sich am Abend im Ausgang überlegen, wohin sie weiterziehen könnten. Sie suchen auf ihren Smartphones nach einer guten Bar und enden damit, auf Instagram Bilder von Cocktails anzuschauen.

Die Telefone, sagt Harris, beantworten die Frage: «Wo können wir hingehen?» mit Fotos von Cocktails. Telefone schlagen keine echten Optionen vor wie zum Beispiel: «Wir könnten auch zu einem von uns nach Hause gehen und dort in Ruhe reden»; oder: «Wir könnten gemeinsam am Wasser entlangschlendern.» So läuft das ständig, und wir bemerken es meist nicht. Auf der Suche nach Liebe wischen wir uns durch Gesichter auf Tinder, statt Orte aufzusuchen, an denen wir Menschen kennen lernen könnten. Ein anderes Beispiel: Wenn man am Morgen sein Smartphone in die Hand nimmt, um die Uhrzeit zu überprüfen, wird die Frage: «Wie spät ist es?» schnell ersetzt durch: «Habe ich was verpasst, während ich schlief?»

Unkalkulierbare Belohnungen sind hochgradig suchterzeugend. Mails und Social Media sind genau das.

Als ich den obigen Absatz fertig geschrieben hatte, erlebte ich das perfekte Beispiel. Es fing an zu regnen. Um zu wissen, ob es weiterregnen würde, gab ich «Wetter» in Google ein. Mir wurde sofort eine Antwort auf meine Frage gegeben, aber mir wurden auch Bilder von Wetteransagerinnen gezeigt. Menschliche Gesichter! Immer ein Hingucker. Eine alte Studienbekanntschaft, stellte ich fest, präsentierte jetzt im Fernsehen das Wetter; ich fragte mich, wie es ihr wohl gehe. Ich googelte.

Natürlich ersetzte Google diese Suche durch eine einfachere Frage: Wie sieht sie heute aus? Es wurden auch andere Fotos von Wetteransagerinnen gezeigt, und dreissig Sekunden später sah ich mir Bilder einer völlig anderen Person an, bis zur Taille ausgezogen. Vor fünfzehn Jahren wäre es mir schwergefallen, meiner Frau zu erklären, was ich da gerade machte. Aber heutzutage ist keine Erklärung nötig. Wir alle wissen, wie schnell und einfach man von «Wann hört es auf zu regnen?» zu «Wie sehen die Brustwarzen von Wetteransagerinnen aus?» kommt.

Der Versuch, etwas Arbeit mit einem internetfähigen Gerät zu erledigen, ist wie der Versuch, eine Diät zu machen, wenn ein Kühlschrank voller Bier oder Glace direkt auf deinem Schreibtisch steht. Bevor du merkst, was du tust, hast du eine Dose in der Hand.

Und was noch schlimmer ist: Die verlockenden Belohnungen im Internet sind unberechenbar. Der Psychologe B. F. Skinner versuchte einmal, etwas vom Futter einzusparen, mit dem er Ratten belohnte. Überrascht stellte er fest, dass gelegentliche Anreize – manchmal bekamen die Ratten etwas, manchmal nicht – motivierender waren als zuverlässige Belohnungen. Unkalkulierbare Belohnungen sind hochgradig suchterzeugend. Mails, Social Media oder Clickbait-Schlagzeilen sind genau das: unberechenbar und damit suchterzeugend.

Jede gelöschte App verringerte meinen Drang, das Gerät zu öffnen.

Wie soll man damit umgehen? Es ist nicht einfach: Wir reagieren, bevor wir denken. Die naheliegende Lösung ist, eine Hürde zu erschaffen. Ich habe ein Add-on namens «Strict Workflow» auf meinem Browser installiert. Mit einem Klick blockiert es Zeitschlucker wie Twitter, Youtube und verschiedene Clickbait-Nachrichten-Websites für einen Zeitraum von 25 Minuten. Es ist erstaunlich, wie oft ich in diesen 25 Minuten reflexartig auf mein Telefon klicke, die Sperrmeldung sehe und wieder an die Arbeit zurückkehre. Ich hoffe, dass ein paar Wochen oder Monate mit diesem Blocker diese Gewohnheit brechen.

In der Zwischenzeit hatte ich durch das Löschen diverser Apps mein Handy etwas aus seinem Süssigkeitenladen-Zustand geholt. Aber kurz nach der Deinstallation von Feedly – wie als Beleg für die Macht der Gewohnheit – suchte ich gedankenverloren nach der App. Es dauerte einen Moment, bis ich erkannte, dass ich nach einer App suchte, die ich weniger als eine Minute zuvor gelöscht hatte.

So wird Twitter unattraktiv

Paul Romer erhielt kürzlich einen Wirtschafts-Nobelpreis, weil er herausfand, wie die Nebenwirkungen gewisser Innovationen andere Innovationen und damit das Wirtschaftswachstum ermöglicht haben. Spillover, Übertragungseffekte, nennt man das. Vier Wochen nach meiner Apps-Löschorgie bemerkte auch ich unerwartete positive Spillover-Effekte. Das Telefon war zwar immer noch verlockend, aber viel weniger.

Jede gelöschte App verringerte meinen Drang, das Gerät zu öffnen. Ich hatte mir immer vorgemacht, dass ich eigentlich Information suche, Dinge zum Lesen. Aber eigentlich hatte ich nach Dingen gesucht, über die ich twittern konnte. Wenn ich es eilig hatte, twitterte ich manchmal Texte, die ich nicht einmal gelesen hatte. Solcher Unsinn war ein Beweis dafür, wie durchgeknallt ich war. Nun, nachdem ich Twitter deinstalliert hatte, war ich viel weniger versucht, Likes oder Retweets zu checken (es gab ja keine!), und genauso wenig wollte ich durch Blogs blättern, denn ich konnte sie ja nicht vertwittern.

Jede App, die ich von meinem Handy entfernte, schwächte meine Gewohnheit, das Handy wieder in die Hand zu nehmen; das Löschen einer App machte andere Apps weniger brauchbar – und weniger anziehend. Diesen Effekt hatte ich nicht vorhergesehen.

Mein Leben ohne Apps

Ich habe Twitter überhaupt nicht vermisst. Ich verbrachte viel weniger Zeit mit dem Telefon. Einige alte Freunde meldeten sich, um mir zu sagen, wie sehr sie sich gefreut hatten, meinen Brief zu erhalten. Einige zogen mich damit auf, dass ich eine Art Digitalkrise durchmachte – aber insgesamt fühlten sich die Briefe wie ein wesentlich besserer Weg an, um Menschen zu kontaktieren, als Facebook. Wenn ich Freunde und Familie sah, war es für mich einfacher, ihnen meine volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Sherry Turkle, Autorin von «Reclaiming Conversation», hat festgestellt, dass Menschen Textnachrichten anfänglich als Ergänzung zum persönlichen Gespräch verwenden, doch schon bald ersetzen die Texte das Gespräch – bequemer, kontrollierbarer. Das Problem mit dem echten Gespräch, erklärte ihr eine Oberstufenschülerin, sei, dass «es in Echtzeit stattfindet und man nicht kontrollieren kann, was man sagen wird». Ich habe Verständnis dafür. Aber obwohl echte Konversation anstrengend sein kann, ist sie auch reichhaltiger und aussagekräftiger als ein paar Dutzend Messages. Je unattraktiver ich mein Handy fand, desto mehr genoss ich es, mit den Leuten vor mir zu sprechen.

Je unattraktiver ich mein Handy fand, desto mehr genoss ich es, mit den Leuten vor mir zu sprechen.

Dann aber kam ein unerwarteter Test: Ich wurde mit dem «Order of the British Empire» geehrt, eine hohe Auszeichnung für Verdienste in den Bereichen Kunst und Wissenschaften. Urplötzlich wurde die digitale Stille unterbrochen durch einen Strom von Glückwunschbotschaften. Ich war gerade mit ein paar Freunden unterwegs, und in meiner Tasche klingelte unablässig mein Handy. Es quälte mich zunehmend, die Nachrichten unbeantwortet zu lassen. Hin und wieder stahl ich mich unter peinlichen Ausreden davon, um Antworten zu schreiben. Hoffentlich komme ich nicht wieder in so eine Lage, aber ich habe ein paar Lehren daraus gezogen:

1. Auch freundliche digitale Nachrichten können Stress auslösen: Ich hatte Angst, undankbar zu erscheinen, indem ich nicht sofort antwortete. Das war albern. Eine Verzögerung hätte niemanden gestört. Aber ich konnte nicht anders. Ich hätte das Telefon zu Hause lassen sollen.

2. Es ist einfach, schlechte Gewohnheiten wieder aufzunehmen. Nach ein paar Wochen, in denen ich mein Telefon ein paar Mal am Tag statt mehrmals pro Stunde überprüft hatte, brachte mich der Nachrichtenfluss wieder in die Gewohnheit, mein Telefon zu überprüfen. Es dauerte einige Tage, bis ich wieder zur Ruhe kam. Ich war wieder in die Gewohnheit zurückgedrängt worden, mein Telefon zu überprüfen. Wie eine Laborratte, die auf eine Belohnung hofft.

3. Positiv war, dass sich meine Abstinenz von Social Media auszahlte. Als ich mich zum ersten Mal nach Wochen bei Facebook einloggte, um dort die Glückwunschbotschaften anzusehen, herrschte dort völlige Stille. Die Leute hatten offenbar verstanden, dass Facebook keine gute Möglichkeit war, mich zu erreichen. Auf Twitter loggte ich mich erst gar nicht ein. Und doch begann ich mich zu fragen, ob die neue Lebensweise mit meiner Arbeitsrealität vereinbar war.

Ich rief Jocelyn Glei an, die Autorin des Buches «Unsubscribe: How to Kill Email Anxiety, Avoid Distractions, and Get Real Work Done». «Die Vorstellung, dass Sie nur Ihre Gewohnheiten ändern müssen, und dann ist schon alles gut, ist absurd», warnte sie mich fröhlich. In Ordnung – aber wie kann ich meine neue Lebensweise aufrechterhalten? Glei riet mir, wachsam zu bleiben. Sich von Twitter fernzuhalten, sei sinnvoll beim Schreiben eines Buches, aber weniger sinnvoll, während man sein Werk vermarktet. Jedes neue Projekt erfordere eine Neubewertung, wo die digitalen Grenzen gezogen werden sollten.

Meine drei Lektionen

Meine Social-Media-Pause hatte ich ursprünglich eingelegt, um zu einer nüchternen Einschätzung zu kommen, wie viele der digitalen Dienste ich wirklich brauche. Nun, nachdem die E-Mails wieder frei flossen, was hatte ich gelernt?

Erstens habe ich Twitter überhaupt nicht vermisst. Twitter-Mitteilungen ignorierte ich sowieso schon seit Jahren, aber ich twitterte immer noch, aufgrund einer seltsamen Kombination aus Pflicht und Trägheit. Mein neuer Plan, nach diesem Experiment, ist es nun, mich freitags für ein paar Stunden anzumelden, für meine interessierten Follower einige Links zu meinen Kolumnen und anderen Projekten zu posten – und mich wieder abzumelden.

Es war gut, sich auf die Vorteile der digitalen Entstörung zu konzentrieren.

Zweitens habe ich mein langweiligeres Telefon sehr genossen. Mit nichts drauf als einem leicht zu leerenden Posteingang und meiner «Financial Times»-App benutze ich es einfach viel seltener und, ich glaube, auch effektiver. Ich habe allerdings meinen Blogreader Feedly wieder installiert – was ich für meine Arbeit unerlässlich finde –, werde aber meine Nutzung im Auge behalten. Da ich nicht mehr versuche, Tweets draus zu ziehen, ist die App selber nützlicher geworden. Ich lese um des Lesens willen. Drittens hat mich der «Strict Workflow»-Blocker dermassen gut vor meinen schnellen Impulsen bewahrt, dass ich meinen E-Mail-Posteingang in die Blockierliste aufgenommen habe. Ich hatte Ähnliches früher schon einmal versucht, aber dieses Mal wirkte das Instrument. Wahrscheinlich weil es Teil eines grösseren Plans war.

Es war gut, sich auf die Vorteile der digitalen Entstörung zu konzentrieren, das Projekt als Hinwendung zu den wichtigen Dingen zu betrachten. Von meinen ganz realen Briefen waren manche Freunde echt berührt. Ein Facebook-«Like» hat niemanden jemals berührt. Ich fühle mich besser in Form als zu Beginn meines Experiments. Ich treffe mich mit alten Freunden, wir reden, trinken, essen. Mit manchen kämpfe ich sogar gegen ein paar imaginäre Zauberer. Das alles aufgeben, um wieder mehr Zeit mit meinem Handy zu verbringen? Das will ich nicht.

Dieser Text ist zuerst in der «Financial Times» erschienen. Aus dem Englischen von Hannes Grassegger.

Erstellt: 26.10.2019, 21:51 Uhr

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