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Strassenelend live

Der bekannteste Obdachlose Frankreichs ist ein Schweizer. Täglich twittert Christian Page über das harte Leben auf der Strasse. Doch was erreicht er damit?

Er bezeichnet sich als «SDF 2.0» (Obdachloser 2.0): Das Foto auf Christian Pages Twitterprofil. (Bild: Twitter/Pagechris75)
Er bezeichnet sich als «SDF 2.0» (Obdachloser 2.0): Das Foto auf Christian Pages Twitterprofil. (Bild: Twitter/Pagechris75)

«Salut à tous», beginnt er seine Tweets meist, und dann folgt ein Winke-Emoji. Überhaupt mag Christian Page Emojis, böse Emojis, lachende Emojis, Heiligenschein-Emojis, und wenn er zufrieden ist, schickt er der Bürgermeisterin von Paris schon mal einen Kussmund: «Merci Anne».

Das war vor drei Tagen, der Walliser Christian Page, der seit zweieinhalb Jahren auf den Strassen der französischen Hauptstadt lebt, hatte sich auf Twitter über eine Abschrankung beklagt, die Obdachlose daran hinderte, sich auf einen warmen Lüftungsschacht zu setzen. Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, liess die Gitter darauf umgehend entfernen.

Christian Page ist der wohl berühmteste Obdachlose Frankreichs, ein sogenannter SDF («sans domicile fixe»). 17'000 Menschen folgen ihm auf Twitter, seit dem Wärmeschacht-Tweet Anfang Woche sind mehrere Hundert Follower dazugekommen. Stündlich twittert Page von der Strasse: von netten Passanten, die ihm fünf Euro zustecken oder einen Teller Couscous hinstellen; von compagnons, die verschwunden oder gestorben sind; von seiner Freude über eine warme Dusche – und eben, über Dinge, die ihn als Obdachlosen an Paris nerven. Er flucht über mieses Wetter oder ärgert sich, wenn die Stadt an jener Ecke, die seine Schlafstätte war, plötzlich Blumentöpfe hinstellt.

Bekannt wurde er vor einem Jahr, als er sich beklagte, ein Beamter habe ihn nach einer kalten Winternacht mit einem Gartenschlauch abgespritzt: Vertreter der Stadt schickten warme Decken, bald klopften Journalisten an, er liess sich von Fernsehkameras begleiten und empfing Medienleute für Porträts.

Von Sternehotels in die Gasse

Er sei früher Sommelier in schicken Hotels gewesen, berichtet der 45-Jährige da, doch nach der Scheidung von seiner Frau sei er in ein Loch gefallen, habe erst den Job und dann die Wohnung verloren und wohne seit da auf der Strasse. Den Akku seines Smartphones pflege er in Zentren für Obdachlose aufzuladen, erzählte er Anfang Jahr dem Schweizer Onlineportal Watson.

Es wäre interessant zu wissen, wer Pages 17'000 Follower sind. Wohl sind darunter zahlreiche, die sich um sein Wohl sorgen, ihm Mut zusprechen oder mit warmem Essen helfen. Dennoch ist es eine seltsame Parallelwelt, in der sich Page und seine Follower bewegen: Frühmorgens mit dem Starbucks Latte in der Hand an den Clochards vorbeihetzen und später in der Metro schauen, was Christian Page heute so zwitschert? Echte Anteilnahme sieht anders aus.

Zumal im realen Leben viele Pariser die Obdachlosen, zu denen zunehmend auch Geflüchtete gehören, als lästiges Übel ansehen. Hilfsorganisationen berichten von Schikanen der Polizei gegenüber Stadtstreichern, an vielen Orten werden sie mit Metallspitzen oder anderen baulichen Vorrichtungen ferngehalten. Gleichzeitig leben in Frankreich immer mehr Menschen ohne Dach über dem Kopf: Gemäss der Obdachlosen-Stiftung Abbé Pierre hat sich ihre Anzahl zwischen 2001 und 2012 verdoppelt.

Page selber will sich nicht als Sprecher der Stadtstreicher sehen, es gehe ihm einzig darum, ihre Lebensumstände zu verbessern. Er sagt, er hätte gerne wieder ein festes Zuhause und eine Arbeit. Dennoch scheint er so unglücklich nicht zu sein in seiner Rolle als Vorzeigeclochard, der auch zu politischen Themen Stellung nimmt. So äusserte er vor den Präsidentschaftswahlen regelmässig seinen Standpunkt bei «La Libération», einer der wichtigsten Zeitungen des Landes.

An die Versprechen erinnern

An Weihnachten demonstrierte eine französische Hilfsorganisation für Obdachlose vor dem Wohnungsministerium in Paris, um Präsident Emmanuel Macron an ein Versprechen zu erinnern. Im Sommer hatte Macron in Aussicht gestellt, sämtliche Obdachlosen «würdig unterzubringen.» Er sagte: «Ich will keine Frauen und Männer mehr auf der Strasse sehen.» Davon ist Frankreich heute noch weit entfernt.

Insofern erreicht Christian Page mit seinem digitalen Twitter-Tagebuch doch etwas: Er erinnert die französische Politik täglich daran, ihre Versprechen einzulösen.

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