SUV-Debatte: «Sie wollen uns die Freiheit nehmen»

Wieso brennen in Deutschland Luxuswagen? Wird der Fetisch Auto zum Hassobjekt? Dazu Automagazin-Chefin Birgit Priemer.

Haben Autos eine Seele? Immer wieder werden in deutschen Städten Luxusautos in Brand gesteckt, hier in Berlin diesen Sommer. (Paul Zinken/dpa)

Haben Autos eine Seele? Immer wieder werden in deutschen Städten Luxusautos in Brand gesteckt, hier in Berlin diesen Sommer. (Paul Zinken/dpa)

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Frau Priemer, Sie sind gerade an der derzeit umstrittensten Veranstaltung Deutschlands, an der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt. Wie ist die Stimmung vor Ort?
Es ist ruhig. Die Show ist gut besucht. Keine Störeinwirkungen von aussen. Keine Demos. Die sind fürs Wochenende angesagt.

Ein Bündnis namens «Sand im Getriebe» droht mit der Blockade des Events: «Wir werden mit unseren Körpern die Zugänge blockieren.» Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schreibt dazu vom «neuen Hass aufs Auto».
Leider muss man sagen: Für bestimmte Gruppe trifft die Beobachtung der FAZ sicher zu.

Mehr noch: In den letzten Wochen brannten in Deutschland mutmasslich Umweltschützer Dutzende Luxuswagen nieder. Was ist bloss im Autoland Deutschland los?
Die Mehrheit der Menschen ist sich durchaus bewusst, dass sich unsere Automobilbranche schnell neu orientieren muss. Und diese Transformation ist nicht bloss Sache der Industrie, dafür braucht es ebenso die Politik, andere Mobilitätsanbieter, die Bevölkerung. Um diese Herausforderung gemeinsam zu meistern, dafür sind Ideologie oder gar Hass indessen schlechte Voraussetzungen.

Zeichnet sich das Ende des Fetischs Auto ab? Erlangt die Gesellschaft die Kontrolle über den Mobilitätstrieb?
Tatsächlich gibt es bei vielen Menschen ein ausgeprägtes Bedürfnis nach individueller Mobilität. Und die Leute wollen sich nicht unbedingt vorschreiben lassen, ob sie dieses nun auf dem E-Scooter oder dem Motorrad ausleben sollen. Aber nun, so habe ich mit Blick aufs Wochenende das Gefühl, gehen Gruppen auf die Strasse, die uns diese Freiheit wegnehmen wollen. Dabei verändert sich die Rolle des Autos doch zweifellos: durch neue Antriebskonzepte, durch die erwähnten Sharing-Modelle, aber auch dank Technologien wie selbstfahrende Fahrzeuge. Deshalb: Ich glaube schon, dass unser Verhältnis zum Auto rationaler wird.

Im Juli wurden in Berlin an einem Wochenende mindestens 11 Fahrzeuge angezündet. Bild: imago/Christian Mang

Es heisst, die Generation der Millennials, die Jahrgänge der frühen 1980er- bis zu den späten 1990er-Jahren, will Autos nicht mehr besitzen, sondern sharen. Trifft das wirklich zu?
Ja, der Wandel ist unbestritten. Die angesprochene Generation profitiert von einem viel grösseren Mobilitätsangebot als die früheren, das macht ein neues Verhältnis zum Auto überhaupt erst möglich. Nicht nur in den Städten, auch auf dem Land ist das Angebot des öffentlichen Verkehrs ungleich besser als noch vor 20 Jahren. Hinzu kommen neue digitale Technologien, die Sharing-Mobilität komfortabel organisieren. Was ich sagen will: Früher gab es kaum Alternativen zum eigenen Auto. Damals war der Kauf eines eigenen Autos tatsächlich oft die einzige Möglichkeit, an Mobilität erst teilzunehmen. Auszubrechen, die Welt zu erobern.

Neuesten Zahlen machen aber wenig Hoffnung auf einen schnellen Wandel. Das «Handelsblatt» titelt diese Woche: «Der Wahnsinn SUV – hohe Gewinne, verheerende Öko-Bilanz». Mit 22 Prozent Marktanteil sind die Geländelimousinen in Deutschland die meistverkaufte Fahrzeugkategorie. Wahnsinn, nicht?
Es fällt auch mir schwer, das Phänomen SUV erschöpfend zu erklären. Ja, die Verkäufe haben in den letzten Jahren stark zulegt. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Märkten wie China. Und natürlich erscheint es wie ein Fahrzeugkonzept aus der Vergangenheit: Niemand fährt mehr mit diesen Geländewagen wirklich ins Gelände. Verkehrspsychologen erklären die Attraktivität dieser Fahrzeugklasse vor allem damit, dass sich die Fahrer abgeschirmt fühlen und sich über den Rest des Verkehrs buchstäblich erheben. Jetzt müssen wir eben den Treibstoffverbrauch dieser Autos noch weiter runterbringen.

«Klimakiller»: Greenpeace-Demonstration vor dem Eingang der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt. Bild: Getty Images

Andere Leute haben da ganz andere Vorschläge. Nach dem fürchterlichen Unfall in Berlin vor einer Woche – ein Porsche-SUV raste auf einen Gehweg und tötete vier Menschen, darunter ein Kind –, fordern Politiker ein Verbot dieser «Klimakiller» in den Städten.
Dieser Unfall ist schrecklich, ganz schrecklich. Und er ist ein grosses Thema hier an der IAA. Wir wissen noch nicht, was der Grund für diese Tragödie ist, und wir dürfen den Tod dieser Menschen nicht relativieren. Aber es gibt auch Zugunfälle oder Reisebus-Unglücke mit vielen Opfern, ohne dass diese derart emotionale Debatten auslösen. Das ist zweifellos Beleg dafür, wie aufgeheizt das Thema SUV ist. Wäre der Unfall mit einem VW Golf passiert, würde niemand ein Verbot von Kompaktwagen fordern.

Befremdend ist, welche neuen Autos an der IAA derzeit gefeiert und bewundert werden. Beispiel: Der erste elektrifizierte Porsche, der Taycan, 720 PS stark, 240'000 Franken teuer. Ein Elektro-Panzer. Das kann es doch nicht sein?
Grundsätzlich ist es positiv, wenn E-Mobilität in allen Segmenten ankommt, auch bei den Sportwagen. Denn wir brauchen ein breites Angebot, und es gibt etliche Möglichkeiten: VW stellt auf der IAA seinen neuen Elektro-Mittelklassewagen vor. Er rollt im Sommer 2020 auf die Strasse und kostet weniger als 30'000 Franken, also in etwa so viel wie ein VW Golf. Ähnliche Modelle von Honda, Hyundai und Mercedes drängen mächtig in den Markt. Das ist eine Wende.

Angela Merkel testet an der IAA den neuen Porsche Taycan. Bild: Keystone/SDA

Wirklich? Der «Welt»-Chefredaktor und Ex-Autotester Ulf Poschardt stiess unlängst die Debatte an, ob umweltfreundliche E-Autos überhaupt eine Seele hätten. Das ist doch ein ziemlich sonderbarer Zugang zu neuen Mobilitätsformen.
Haben Automobile eine Seele? Ich möchte nicht ins Philosophische abgleiten, aber auch ich, Chefredaktorin eines Automagazins, habe da meine Zweifel. Sicher ist: Es macht sehr viel Spass, ein Elektromobil zu fahren. Das Problem ist nur: Die meisten Leute haben noch nie ein E-Mobil gefahren.

Weshalb ist es eigentlich nicht die Automobil-Presse, welche den Diesel-Skandal aufgedeckt hat? Weshalb nicht die Spezialisten Ihres Magazins «Auto Motor und Sport»?
Ich kann nur für uns sprechen. Bei uns arbeiten natürlich Fachleute, wir messen bei den Autotests auch sehr viele Werte. Aber der Betrug beim Diesel-Skandal geschah in erster Linie über Software-Tricks, und solche Manipulationen können wir nicht feststellen. Wir wünschten uns, wir hätten diesen Betrug aufgedeckt. Aber dazu fehlen uns schlicht Technik und Know-how.

Umfrage

Wie mit SUVs verfahren?







Welche Rolle spielen die Frauen in der Autoindustrie? Arbeiten Frauen an der Neuausrichtung der Branche mit?
Es gibt Frauen in Schlüsselpositionen: Britta Seeger als Vorstand für Vertrieb von Mercedes-Benz Cars etwa, bereits die zweite Frau im Vorstand der Daimler AG, oder Hildegard Wortmann, die gerade als Vorstand für Vertrieb und Marketing bei Audi angefangen hat. Aber da ist noch sehr viel Luft nach oben.

Aussergewöhnlich ist doch auch eine Frau als Chefredaktorin des wichtigsten deutschsprachigen Automobil-Magazins. Wie geht es Ihnen dabei?
So aussergewöhnlich ist dies nicht. Auch bei der österreichischen «Autorevue» beispielsweise sitzt eine Frau auf dem Chefsessel. Und ich selbst bin seit rund 30 Jahren in der Branche. Ich muss Sie enttäuschen: Ich denke nicht jeden Tag darüber nach, wie es ist für mich als Frau.

Letzte Genderfrage: Wäre eine weiblichere Autoindustrie eine vernünftigere? Eine, die keine PS-Monster mehr vom Band lässt?
Das ist reine Spekulation. Was wir aus eigenen Marktforschungen wissen: Wenn Frauen gut verdienen und in höhere Positionen aufsteigen, dann beginnen sie sich in der Regel auch für leistungsstarke Modelle zu interessieren.

Welchen Wagen fahren Sie privat?
Ich fahre verschiedene Dienstwagen. Und ein privates Familienauto.

Welches Modell? Das interessiert uns. Ein Elektrofahrzeug etwa?
Diese Frage beantworte ich in Interviews grundsätzlich nicht.

Erstellt: 12.09.2019, 21:29 Uhr

Bereits im Jahr 2000 stiess Birgit Priemer, studierte Germanistin, zu «Auto Motor und Sport». Sie arbeitete dort als Ressortleiterin Test und Technik. Seit 2017 ist Priemer Co-Chefredaktorin, verantwortlich insbesondere für das Dossier Mobilität der Zukunft, etwa Elektromobilität, Sharing oder autonomes Fahren.

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