Tattoos gegen den Schmerz

Stich für Stich zum Neuanfang: Die Russin Evguenia Zakhar überdeckt die Spuren häuslicher Gewalt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In einem Kellerstudio sticht Evguenia Zakhar Blume um Blume entlang fein verästelter Narben. Wir befinden uns in Ufa, der Hauptstadt der russischen Republik von Baschkortostan. Gegenüber sitzt Dinara, den Arm über den Tisch gestreckt, und beisst sich lautlos in die Lippen. Sie ist 20 Jahre alt und hat bereits die Hölle erlebt.

Ihr ganzes Leben lang wurde Dinara von ihrem Vater und später von ihrem Ehemann geschlagen. Die Narben auf ihrem ganzen Körper sprechen Bände. Sie hat ihren Partner inzwischen verlassen und lebt mit ihrer dreijährigen Tochter Amelia allein. «Weil sie meine Narben sah, hat sich meine Tochter dieselben Markierungen auf den Arm gemalt», erzählt Dinara. «Ich schäme mich so, ich kann es kaum ertragen.»

Evguenia hört aufmerksam zu, bevor sie mit leicht bebender Stimme sagt: «Wir werden alles dran setzen, dass nur noch eine Erinnerung bleibt.» Zwei Stunden später sind die Narben auf dem Arm von kleinen delikaten Blumen verdeckt. Die Spuren von Dinaras Verletzungen geben den Köpfen der Blumen eine realistische Note.

Die Nachfrage ist gross

Die warmherzige und von Natur aus optimistische Evguenia Zakhar arbeitet seit zehn Jahren als Tätowiererin, zusammen mit ihrem Partner Alexeï. «Ich liebe den Job», sagt sie. «Es war für mich eine logische Wahl, weil ich gerne zeichne, aber meine Kreativität nicht von einer Kunstschule begrenzen lassen wollte.»

Im August 2016 entdeckte Zakhar eine Tätowierung von einer brasilianischen Kollegin, Flavia Carvalho: A Pele da Flor hiess sie, blumige Haut, ein portugiesischer Ausdruck für grosses Feingefühl. Die Tätowierung überdeckte die Narben einer Frau, die Opfer häuslicher Gewalt geworden war. Evguenia Zakhar war inspiriert und begann, über das soziale Netzwerk Vkontakte ihre Dienste für solche Fälle gratis anzubieten.

Sie war damals sehr überrascht von der grossen Nachfrage. «Innerhalb einer Woche hatte ich bereits 50 Anfragen!» In den nächsten sechs Monaten kamen über 200 Frauen zu ihr, um sich ihre Narben kunstvoll überdecken zu lassen. Zakhar hat dafür die Montage reserviert und lässt sich weder für ihre Arbeit noch das Material zahlen.

«Wenn ich einmal nicht mehr da bin»

Die Tätowierungen für Opfer häuslicher Gewalt sind längst mehr als ein Job geworden – sie sind eine Mission. «Indem ich den Opfern helfe, drücke ich der Welt meinen Stempel auf», sagt Zakhar. «Die meisten meiner Kundinnen sind jünger als ich, und wenn ich mal tot bin, werden sie weiterhin meine Tätowierungen tragen und sich daran erinnern, dass ein Neustart möglich ist.»

Für die Frauen, die zu ihr ins Studio kommen, ist Evguenia Zakhar zweifellos eine Künstlerin, aber auch eine Therapeutin. «Anfangs war es nicht einfach, all die schlimmen Geschichten zu hören», sagt sie. «Aber ich lernte zuzuhören. Jetzt ermuntere ich sie sogar, ihre Geschichte ein letztes Mal zu erzählen – um sie dann, wenn die Tätowierung fertig ist, hinter sich zu lassen.»

Die Highlights des Impact Journalism Day. Quelle: TA

Zakhars Engagement ist umso beachtenswerter, als Russland kürzlich ein Gesetz erlassen hat, das häusliche Gewalt entkriminalisiert. Seit dem 7. Februar 2017 wird häusliche Gewalt – sofern es sich um einen erstmaligen Vorfall handelt und die Gesundheit des Opfers nicht gefährdet war – als «administratives» Vergehen geahndet, nicht als kriminelle Tat, und mit einer Busse zwischen 5000 und 30'000 Rubeln (85 bis 510 Franken) bestraft. Das Gesetz löste heftige Reaktionen in der Bevölkerung aus, weil es die häusliche Gewalt trivialisieren könnte.

Laut dem russischen Ministerium für Interne Angelegenheiten werden jedes Jahr 26'000 Kinder und 36'000 Frauen Opfer häuslicher Gewalt, und 12'000 Frauen sterben jährlich an den Folgen von Gewalttätigkeit ihrer Partner – eine Frau alle 40 Minuten. 97 Prozent der Fälle häuslicher Gewalt kommen in Russland nicht vor die Richter.

Irgendwann möchte Zakhar sich mit ihrem Partner zu einer Motorradreise durch Russland aufmachen, damit sie ihre Dienste den missbrauchten Frauen in anderen Regionen anbieten kann. «Es kommen zwar heute schon Frauen aus der ganzen Gegend zu mir. Aber ich möchte noch mehr tun und vielleicht sogar andere Tätowierkünstler in anderen russischen Provinzen – oder sogar im Ausland – animieren, solche Dienste anzubieten.» Für den Moment bleibt dies eine Vision – sie ist noch auf der Suche nach Sponsoren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2017, 11:26 Uhr

Initiantin:
Evguenia Zakhar

Projekt:
Tattoos für Opfer häuslicher Gewalt, Russland

Website:
https://takiedela.ru/2017/01/tatu

Autorin:
Manon Masset, «Le Courrier de Russie»

Übersetzung:
Rosemarie Graffagnini

Ufa, Russland

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die Top 9 der probiotischen Produkte

Beruf + Berufung Ihr Büro ist die Welt

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...