Taugt das «Gefühl» zum Argument?

Vor kurzem habe ich als Kalenderspruch einen Satz von Diedrich Diederichsen gelesen: «Nichts ist so scheusslich wie das Gefühl als Argument.» Finden Sie das auch? C. H.

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Liebe Frau H.

Ja. Aber warum eigentlich? Was z. B. ist so falsch daran, wenn dieser Tage selbst vormalige Atomlobbyisten erklären, in der Debatte um die weitere Nutzung der Kernenergie gehe es darum, die «Ängste der Menschen ernst zu nehmen»? Es ist falsch, weil, was einfühlsam klingt, in Wirklichkeit bedeutet: Jetzt wollen wir doch mal die lästigen Fragen nach den Kosten der Atommüll-Endlagerung, nach der Pfuscherei der Betreiberfirmen, nach den unter den Teppich gekehrten Störfällen ausser Acht lassen. Auch wollen wir nicht darüber reden, wie die Risikokosten verstaatlicht und die Gewinne privatisiert werden. Angesichts der Ausmasse der japanischen Katastrophe von Fukushima sind auch «kalte» Fragen zur Verfilzung von Atomindustrie und Politik in Japan völlig geschmacklos. Stattdessen reden wir über «Ängste».

Politik wird so zur Gruppentherapie fürs Volk, zur Medienpädagogik («Wie gehen wir mit den schlimmen Bildern um?») und zum Gefühlsmanagement. Damit es zu einer solchen paternalistischen Emotionsbewirtschaftung kommen kann, braucht es freilich Bürger, die sich daran gewöhnt haben, ihre politischen Forderungen in Gefühlskategorien zu artikulieren. Und das ist keineswegs ein Privileg der heutigen rechten Minarettphobiker. In der deutschen Friedensbewegung der Achtzigerjahre galt die Aussage «Wir haben Angst» als eminent politische Stellungnahme. Die «German angst» begann sprichwörtlich zu werden. Der Sozialtypus des Diskutanten entstand, der während einer heftigen Debatte mit hochrotem Kopf aufspringt und mit zitternder Stimme ins Plenum ruft, er halte es nicht mehr aus, wie hier über das Thema XY geredet werde, und er wolle, dass man seine Ängste bezüglich XY endlich ernst nehme.

Während die einen ihre Realangst verteidigten, sprachen die anderen von Angstneurose. So krude diese Auseinandersetzungen waren und sind, sie bringen das Problem gut auf den Punkt: Wenn die Berufung auf Gefühl zur politischen Ultima Ratio werden kann, wie soll man dann tatsächlich noch die Angst vor dem Nato-Nachrüstungsbeschluss, vor dem Waldsterben, vor der Atomkraft oder vor der jüdischen Weltverschwörung unterscheiden können? Wer nicht auf psychiatrische Kriterien zurückgreifen wollte, war gezwungen, die Ängste «erst einmal ernst zu nehmen» und dem Ängstlichen damit in seiner gefühlsmässigen Abscheu vor diskutablen Argumenten entgegenzukommen. Und damit tappte gerade die Linke in eine verhängnisvolle Falle, an der sie selbst mitgebastelt hatte: die Verwandlung von Politik in Sozialarbeit und von Bürgern in Klienten, die man «dort abholen muss, wo sie stehen». Gefühlsmässig.

Erstellt: 06.04.2011, 15:04 Uhr

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