«Terroristen sind keine Muslime»

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor setzt sich dafür ein, dass Muslime sich deutlicher gegen Extremisten abgrenzen. Ein Gespräch über Religion und religiös verbrämte Gewalt.

Die Ehre, von einem Imam das Totengebet zu erhalten, will Lamya Kaddor Attentätern verwehren. Foto: Franziska Rothenbühler

Die Ehre, von einem Imam das Totengebet zu erhalten, will Lamya Kaddor Attentätern verwehren. Foto: Franziska Rothenbühler

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Vor wenigen Tagen löste der Rock-am-Ring-Veranstalter Marek Lieberberg eine Debatte aus, als er nach einem Terroralarm seiner Wut Luft machte: «Ich bin der Meinung, es muss jetzt Schluss sein mit ‹This is not my Islam›! Ich habe bisher noch keine Moslems gesehen, die zu Zehntausenden auf die Strasse gegangen sind und gesagt haben: Was macht ihr da eigentlich!»

Für kommenden Samstag, den 17. Juni, hat die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor in Köln eine Demonstration angemeldet unter dem Motto: «Nicht mit uns! Muslime und Freunde gegen Gewalt und Terror». Für ihre Kritik an Islamisten wird Kaddor oft angefeindet, teils bedroht. 1978 als Kind syrischer Eltern in Westfalen geboren, forscht Kaddor derzeit an der Universität Duisburg-Essen.

In London haben sich 130 islamische Geistliche geweigert, die toten Attentäter religiös zu bestatten. Finden Sie das richtig?
Das islamische Totengebet beinhaltet die Fürbitte bei Gott, die Seele des Toten ins Paradies zu führen. Dass sich bei so einem Gebet für Attentäter viele islamische Geistliche schwertun, dass sie also das Gebet nicht einfach so mechanisch über die Lippen bringen wollen, bezeugt ihre Authentizität. Das finde ich sehr richtig.

Aber schreckt das irgendjemanden von diesen Fanatikern ab? Meinen die nicht ohnehin, dass sie als Märtyrer auf dem schnellsten Weg ins Paradies kommen? Wozu benötigen die noch eine Fürbitte?
Es geht nicht darum, ob radikale Islamisten das ernst nehmen. Diese Leute wird man mit Worten ohnehin kaum erreichen. Es geht darum, wie der Rest der Muslime diesen Vorgang wahrnimmt. Wenn ein Islamist, der wahllos Zivilisten tötet, ein islamisches Totengebet bekommt, dann signalisiert man damit dem Rest der Muslime, dass diese Terroristen als Muslime verstanden werden. Es geht darum, unserer eigenen Community ein Signal zu senden. Gerade nach solchen Anschlägen.

Das Signal, dass Terroristen keine Muslime seien.
So ist es. Im Islam gibt es eigentlich einen theologischen Grundsatz, wonach ein Muslim dem anderen dessen Glauben nicht absprechen soll. Aber darauf ruhen sich heute viele Muslime aus, auch aus Angst, etwas falsch zu machen. Deshalb grenzen sie sich nicht stark genug ab von Fanatikern. Ich denke, da ist es gut, wenn Geistliche in Grossbritannien so einen Vorstoss wagen und wenn Theologen dieses alte theologische Prinzip neu bewerten. Es darf nicht sein, dass wir in Zeiten des täglichen islamistischen Terrors als Muslime ruhig bleiben, weil wir Angst haben, uns an diesen Gewalttätern zu versündigen.

«Nach wie vor werden Extremisten in muslimischen Familien sozialisiert.»

Was ist der Hintergrund dieses Prinzips?
Es gibt im Islam keinen Klerus, kein Oberhaupt. Niemanden, der zwischen mir und Gott steht. Also sollte sich auch kein Muslim dazu aufschwingen, den Glauben des anderen zu beurteilen oder abzuerkennen. Eine solche Aberkennung wird Takfir genannt und gilt, von sehr engen Ausnahmen abgesehen, als Sünde.

Gibt es nicht längst eine ganze Menge Muslime, die anderen Muslimen das Muslimsein absprechen? Die Sunniten vom sogenannten Islamischen Staat etwa behaupten, Schiiten und Sufis seien keine richtigen Muslime. Mancher saudische Scheich sieht das genauso.
Furchtbar. Ja.

Und Sie schlagen vor, dass jetzt auch moderate Muslime bei diesem hässlichen Spiel mitmachen sollten?
Nein. Wenn ich sage, dass Terroristen keine Muslime sind, dann geht es mir nicht um ein göttliches Urteil, sondern nur um ein gesellschaftliches. Ich will sie ausserhalb der Gemeinschaft der Muslime stellen, damit sie möglichst nicht von irgendwelchen anderen sich radikalisierenden Muslimen angehört werden. Und ja, es ist geradezu typisch für die Salafisten vom IS oder in Saudiarabien, dass sie ständig Takfir betreiben, eine Sünde. Der Salafismus ist eine noch junge Bewegung, auch wenn er sich als Retro gebärdet, und er bricht in vielen Punkten mit dem klassischen islamischen Recht. Ein weiteres Beispiel: Im Fastenmonat Ramadan darf nach Ansicht der meisten islamischen Theologen keine Gewalt angewendet werden. Eine Art olympischer Friede. Doch wir erleben seit Jahren, dass die dschihadistischen Salafisten ausgerechnet während des Ramadan ihre Attacken noch verstärken.

Macht man es sich nicht recht einfach, wenn man diese Extremisten schlicht aus dem Islam hinausdefiniert?
Ich finde nicht. Der Islamismus hat natürlich etwas mit dem Islam zu tun. Wenn wir Muslime nicht wollen, dass alle auf unsere Religion zurückgreifen können, wenn sie Gewalt ausüben, dann müssen wir uns mit unseren zentralen religiösen Prinzipien neu befassen und diese wieder neu formulieren. Das ist enorm viel Arbeit. Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht weiterhin junge Menschen geben wird, die sich radikalisieren. Das bleibt ein breiteres gesellschaftliches Problem. Ich möchte aber, dass wir es den Radikalen schwerer machen, ihre Kampfaufrufe einfach unter «Islam» laufen zu lassen.

Denken Sie, dass das Islamisten beeindrucken wird?
Noch einmal: Darum kann es nicht gehen. Mir geht es um alle anderen Muslime. Sie sollen diese Extremisten ausgrenzen. Diese Leute gehören nicht zu uns. Sie verstossen gegen zentrale Prinzipien des Islam. Sie töten Unschuldige, was seit über tausend Jahren ein No-Go für Muslime ist. Ich mache es mir gerade nicht leicht, wenn ich dazu aufrufe, auch neue theologische beziehungsweise religionspädagogische Ansätze zu entwickeln, um solche Extremisten vor die Tür zu setzen. Das, was die 130 britischen Imame gerade tun, geht genau in diese Richtung. Und man sieht, es entlässt uns Muslime auch nicht aus der Verantwortung. Nach wie vor werden Extremisten in muslimischen Familien sozialisiert. Nach wie vor wird in einigen Moscheen Gewalt verharmlost. Insofern besteht weiterhin die Verantwortung, dagegen anzugehen. Ich will eine breite, muslimisch getragene gesellschaftliche Ächtung dieser Extremisten erreichen. Ob sie weiterhin auf dem Papier als Muslime zu verstehen sind oder nicht, spielt da keine Rolle, und aus religiöser Sicht obliegt es eh Gott, darüber zu entscheiden.

Noch einmal zu London. Dass Imame dort jetzt die rituelle Bestattung verweigern, erinnert auch ein wenig an die christlichen Kirchen, die Selbstmördern einen Platz auf dem christlichen Friedhof verweigern. Die ultimative Geste der Unversöhnlichkeit. Überschreitet das nicht eine Grenze? Sollte nicht wenigstens im Tod der Kampf aufhören?
Da sollten wir unterscheiden: Die britischen Imame verweigern, soweit ich das sehe, nur das Totengebet. Nicht die Bestattung. Ich denke auch, dass Terroristen bestattet werden sollten. Nur eben ohne islamischen «Segen». Den entziehen die britischen Imame ihnen, wenn sie sich weigern, das Totengebet auszuführen. Wie gesagt, das ist vor allem ein wichtiges Signal in die muslimische Community hinein. Und dann auch ein Signal an die Mehrheitsgesellschaft, um eine gewisse Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

Heisst das, eine islamische Bestattung und eine Beisetzung auf einem muslimischen Friedhof wäre für Sie in Ordnung – nur sollte es vorher Streit geben, damit klar wird, dass hier etwas nicht normal ist?
Ein sichtbarer Streit ist schon wichtig. Aber wie weit man damit gehen muss? Ich bin da selbst noch unsicher. Darüber sollten wir jetzt beginnen zu diskutieren. Das hier ist primär eine innermuslimische Sache. Ich persönlich halte es jedenfalls für richtig, dass muslimische Geistliche ihren Vorbehalt deutlich machen. Wann und wie diese Personen dann bestattet werden, ist nachrangig.

Der Leichnam des Terrorfürsten Osama Bin Laden wurde nach islamischem Ritus gewaschen und in ein weisses Tuch gewickelt, bevor ihn die US-Marine 2011 im Meer versenkte. Ist das nicht ein guter Ansatz, um zu zeigen, dass man diesen Terroristen nie als Muslim bekämpft und getötet hat, sondern «nur» in seiner Eigenschaft als Verbrecher?
Eine Seebestattung sieht der Islam nicht vor. So haben auch die meisten Muslime diese Bestattung nicht als eine Würdigung des Islam wahrgenommen. Ich erinnere mich, dass ein bekannter Salafist aus Deutschland sogar extra ein Totengebet für bin Laden hierzulande abhalten wollte. Natürlich war das eine Provokation. Aber sonst hat eben kaum ein Muslim in bin Laden zuerst einen Glaubensbruder gesehen, sondern primär einen Terroristen. Also, was die US-Marine damals gemacht hat, war völlig belanglos.

Erstellt: 12.06.2017, 19:17 Uhr

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