Tödliche Einsamkeit

Das Gefühl ist so schädlich wie 15 Zigaretten pro Tag: Einsamkeit wurde als entscheidender Faktor für die Gesundheit entdeckt.

Das Leiden an der Vereinzelung hat überall zugenommen: Ein Mann versinkt in seiner Einsamkeit. Bild: Sabine Joosten

Das Leiden an der Vereinzelung hat überall zugenommen: Ein Mann versinkt in seiner Einsamkeit. Bild: Sabine Joosten

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Einsame Herzen schmerzen: Dieser alte Schnulzenreim hat neuerdings in sozialmedizinisch aufbereiteter Form Hochkonjunktur – aus gutem Grund. Erkrankungen der Psyche, von Depressionen über Phobien bis zum Burn-out, verursachen immense volkswirtschaftliche Kosten. Und sie nehmen kontinuierlich zu. Einsamkeit scheint dabei eine überraschend grosse Rolle zu spielen. Und nicht nur da: Vom Schnupfen bis zum Schlaganfall ist Einsamkeit ein ernst zu nehmender Faktor bei der Entstehung. Manfred Spitzer, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm und des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen, pointiert daher in seinem neuen Buch, Einsamkeit sei «erblich, ansteckend, tödlich».

Deshalb können sich die Finnen und Skandinavier über die Spitzenplätze im jüngst publizierten globalen Glücksreport freuen – in ihren Gesellschaften wird der soziale Zusammenhalt gut ­gepflegt, die soziale Disparität fällt vergleichsweise gering aus, und es wird viel getan, um ein intaktes Familienleben in der Arbeitswelt zu ermöglichen. Dort, wo diese Daten ein anderes Bild zeigen, konstatiert man hingegen die steigende Vereinzelung. Und auch einen wachsenden Leidensdruck.

In der Schweiz beispielsweise haben 2017 noch einmal mehr Menschen die Notrufnummer für emotionale Erste Hilfe – jene der Dargebotenen Hand – gewählt als im Vorjahr. Und 10 Prozent der Gespräche drehten sich dabei explizit um Einsamkeit und soziale Isolation. Das Gesundheitsmonitoring des Bundes bestätigt diese Entwicklung: Fühlten sich 2007 noch 30 Prozent «manchmal bis sehr häufig» einsam, waren es 2012 schon über ein Drittel (36,1 Prozent). Bei den jungen Frauen bis 34 Jahre äusserte gar jede Zweite solche Gefühle. Überhaupt ist Einsamkeit ein Phänomen unter den Jungen, die Mühe haben, ihren Platz in der Welt zu finden. Aber auch die Gruppe der über 75-Jährigen trifft Einsamkeit mehr als Menschen in der Lebensmitte.

Problemfaktor Einzelhaushalt

In Grossbritannien hat das Problem die Ausmasse einer Seuche angenommen. Die BBC strahlte 2016 den erschütternden Dokumentarfilm mit dem Titel «The Age of Loneliness» aus; und die Abgeordnete Jo Cox hatte sich mit Verve für die Erforschung der Einsamkeit und ihrer Folgen eingesetzt. Im Dezember 2017, anderthalb Jahre nach Cox’ ­Ermordung, erschien der Bericht ihrer Kommission. Er erklärte die Einsamkeit zur nationalen «Epidemie». Von einem Luxusproblem der saturierten Gesellschaft kann keine Rede sein: Über neun Millionen Menschen in England – das sind 13 Prozent der Bevölkerung – fühlen sich oft oder sogar immer einsam. In mehr als einem Viertel der Haushalte wohnt nur eine Person, Tendenz steigend, vor allem bei den Älteren.

Zwar ist soziale Isolation nicht identisch mit dem Erleben von Einsamkeit. Auch ist eine alleinstehende Person nicht zwingend isoliert. Aber die Korrelationen, die sich in Studien dazu zeigten, sprechen eine deutliche Sprache: In Single-Haushalten leben oft Leute, die sich einsam fühlen. Solche Gefühle ­lassen aber auch Menschen leiden, die gut vernetzt wirken. Und das Leiden an der Einsamkeit hat Folgen: Es startet das ganze Programm der Stresshormonausschüttung und geht einher mit dem erhöhten Risiko für Bluthochdruck, Infektionen, Übergewicht, Diabetes, Schlaganfall, gewisse Krebsarten und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Spitzer in seiner neusten Arbeit «Einsamkeit – die unerkannte Krankheit» resümiert.

Vivek Murthy, Barack Obamas Leiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes, addierte dazu das höhere Risiko für Depression, Angststörung und Demenz. Und er versuchte, nicht nur gegen die Alterseinsamkeit anzugehen, sondern auch gegen die unterschätzte Einsamkeit am Arbeitsplatz.

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Tatsächlich liess sich im Experiment sogar nachweisen, dass man mit einem weniger diversifizierten sozialen Netz ­signifikant leichter einen Schnupfen bekommt. Einsamkeit schwächt demnach auch das Immunsystem. Und der britische Report bestätigt: Das Gefühl ist mindestens so schädlich wie 15 Zigaretten am Tag. Der Chef des Londoner Instituts für Behavioural Insights löste ­heftige Diskussionen aus, als er über Ruheständler festhielt: «Hast du jemanden, der dich liebt und dem du dich anvertrauen kannst, ist dies ein überaus starker Indikator dafür, ob du in zehn Jahren noch lebst. Dieser Indikator ist zuverlässiger als fast jeder andere – und auf jeden Fall zuverlässiger als dein Nikotinkonsum.» Die Rentner sollten doch, so schlug er vor, um ihrer Gesundheit willen irgendwie wieder in die Arbeitswelt eingebunden werden.

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Es kam damals zum empörten Aufschrei. Doch das neue britische Ministerium für Einsamkeit, «Ministry for Loneliness», wird den Vorschlag prüfen ­müssen. «Für viel zu viele Leute ist Einsamkeit die traurige Realität des modernen Lebens», sagte Premierministerin Theresa May zur Gründung des Ministeriums im Januar. Besonders auch für die Jungen ist diese Realität gesundheitsschädlich; und die Sterblichkeit beeinflusst sie in allen Altersgruppen.

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Zwei amerikanische Universitäten haben 148 Studien zur Wirkung sozialer Isolation verglichen. Rund 310'000 Menschen wurden über einen Zeitraum von knapp acht Jahren begleitet. Ergebnis: Jene mit den stärkeren sozialen Beziehungen hatten eine um 50 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit, zu überleben – auch, nachdem alle anderen möglichen Faktoren herausgerechnet worden waren, wie etwa das Geschlecht oder das Alter. Oder eben der Lifestyle, inklusive Rauchen oder Bewegungsmangel.

Brennendes Gefühl

Mittlerweile ist Rauchen ja so etwas wie die Negativwährung des Gesundheitssystems. Und wenn Sitzen das neue Rauchen ist, so ist Einsamkeit das neue Sitzen. Nein, schlimmer! Einsamkeit ist der «Killer Nummer 1», notiert Spitzer; vor Glimmstängel, Alkohol, Bewegungsmangel. Nichts ist zerstörerischer als das brennende Gefühl, nicht dazuzugehören; nichts quält das Gemeinschaftstier Mensch mehr. Das habe seinen evolutionären Sinn, erläutert Spitzer. Weil der Sozialverband fürs Überleben entscheidend war, signalisierte der Schmerz über Isolation einst: Alarm!

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Diese These ist nicht bloss ein netter Küchendarwinismus: Spitzer klinkt in sein Buch Fotos von Gehirnscans ein, die zeigen, dass Einsamkeitsmomente unsere Schmerzareale messbar aktivieren. Heruntergefahren wird dieser Ausschlag, wenn dem Probanden ein Bild des Lebenspartners vorgelegt wird. Linderung durchs Triggern des Bindungshormons Oxytocin funktioniert auch bei physischem Schmerz: Die mit einer heissen Thermosonde traktierten Probanden spüren weniger Schmerz, wenn sie dabei Fotos ihrer Lieben betrachten.

Schwer zu stoppende Spirale

Ist das Sozialleben aber erst bachab ­gegangen, ist es sehr schwierig, sich wieder zum integrierten Menschen hochzustrampeln. Neue gesellschaftliche Entwicklungen erschweren die Integration zusätzlich: Spitzer stellt das riesige Spektrum der Kontakthürden in unserer Welt der Social Media, der anonymen globalen Dörfer und auf Gier gestriegelten Ich-AG-Avatare vor. Und er ackert sich durch mehrere Studien, die den dominohaften Charakter von Einsamkeit beleuchten. Das Unwohlsein in der Gruppe führt zu Rückzug, führt zu Unwohlsein, zu Rückzug . . . Und wer dazu neigt, vererbt diese Neigung.

Die Spirale zu stoppen, ist schier unmöglich. Im Gegenteil, wenn Freunde in den Abwärtsstrudel geraten sind, wird man leicht mitgerissen. Und zwar umso leichter, je näher man bei ihnen wohnt, zeigen Recherchen. Die Umwelt schützt sich nämlich mit Ausgrenzungsmechanismen vor Sozialspastikern.

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Der fast ausgestorbene Beruf der Gesellschafterin hat darum eine neue Blüte erfahren, und die Website für platonische Kontakte «Rentafriend» gibts auch in der Schweiz. Philosoph Francis Bacon formulierte bereits im 16. Jahrhundert: «Wer sich an der Einsamkeit erfreut, ist entweder ein wildes Tier oder ein Gott.» Und wer ist das schon?

Was also tun? Der Cox-Report fordert eine konzertierte Aktion von Regierungen, Arbeitgebern, Geschäften, Familien. Und ­Spitzer, der lustvoll – wenn manchmal auch arg chaotisch und spekulativ – einen Wust an Erkenntnissen aus Sozialpsychologie, Spieltheorie und Neurologie durcheinanderwirbelt, plädiert für die Wiederentdeckung des Teamtiers Mensch. Dieses sei in der Ära des Neokapitalismus vergessen gegangen, aber wiederfinden sei gar nicht so schwer: Ein Spaziergang im Gleichschritt in der Gruppe etwa stärke das Vertrauen in ebendiese Gruppe. Selbstloses Helfen fördere das eigene Wohl­befinden ungemein, gemeinschaftliches Singen und Tanzen toppe beweisbar so manche Therapiestunde. Aber der beste Anker für die Seele, die sich «stumm verlassen quält», wie ein Frühromantiker dichtet, sei immer noch die Natur mit ihrer heilenden – Einsamkeit.

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Manfred Spitzer: Einsamkeit – die unerkannte Krankheit. Droemer, München 2018. 318 S., ca. 30 Fr.

Erstellt: 11.04.2018, 21:14 Uhr

«Kontakte bleiben oft oberflächlich»

Jan Holder, Psychiater und Stadtarzt, sieht Erkrankungen aufgrund von Einsamkeit als urbanes Problem.

Mit Jan Holder sprach Alexandra Kedves

Sie sind Arzt an der Psychiatrischen Poliklinik der Stadt Zürich. Ist in Ihrer Praxis Einsamkeit ein Faktor?
Absolut! Einsamkeit ist sicher einer der Faktoren mit massgeblichem Einfluss auf die psychische Gesundheit und trägt zur Entwicklung von Störungen wie Depression bei – die laut WHO weltweit ansteigen. Auch wir haben jedes Jahr mehr Fälle zu betreuen. Typisch ist der Sozialhilfeempfänger, dem die IV-Rente ­gekürzt wurde und der sich aus Scham und Verzweiflung in die Einsamkeit zurückzieht – und dadurch erst recht psychische Probleme bekommt. Es gibt aber auch den voll integrierten Leistungsträger, der plötzlich realisiert, wie allein er im Grunde dasteht, und in eine schwere psychische Krise rutscht.

Wie schätzen die Menschen selbst ihre Situation ein?
Nicht jeder, der wenig Sozialkontakte hat, leidet darunter; es gibt ­gewünschtes Alleinsein. Aber es leiden eben doch die meisten, selbst wenn sie es nicht zugeben. Tragisch ist, wenn Menschen Beziehungen suchen, aber nicht in der Lage sind, sie auszuhalten. Zwei Fälle machten mir das Leid besonders deutlich: Eine schwer traumatisierte junge Frau, die immer wieder den Arbeitsplatz verlor, entschied sich gegen unseren ärztlichen Rat, in einem Bordell zu arbeiten. Weil sie sich wenigstens da in einer Gemeinschaft wertgeschätzt fühle, nicht so elend allein wie daheim. Und da war der junge Mann mit der Impulskontroll­störung. Er lebte, nachdem er den unterstützten Arbeitsplatz verloren hatte, ­allein in einer 1-Zimmer-Wohnung. Langsam entwickelte er die wahnhafte Idee, die Wände würden ihm das Wort «Hass» zuflüstern. Medikamentös und therapeutisch behandelt, konnte er das frühere Verhalten reflektieren – und sagte, im Betrieb habe er sich wenigstens streiten können. Das Alleinsein danach sei das eigentlich Unerträgliche gewesen.

Wieso ist das Einsamkeitsproblem schlimmer geworden?
Die Grossstädte schenken Autonomie und Freiheit, man kontrolliert einander weniger. Oft bleiben die Kontakte aber oberflächlich, soziale Strukturen sind schwächer ausgeprägt als auf dem Land. Statistisch halten feste Beziehungen in der Stadt weniger. Und wen eine finanzielle Krise trifft, der kann das tolle urbane Angebot nicht nutzen. Solidarität und Loyalität scheinen abgenommen zu haben. Kann einer nicht mittun, weil er krank wurde oder arbeitslos, zieht man mit anderen los. Die Begleitung ist austauschbar und der Druck zur Selbstoptimierung immens. Das anspruchsvolle Schulsystem trägt seinen Teil zum ungesunden Einzelkämpfertum bei. Noch ein Faktor ist die Digitalisierung.

Inwiefern die Digitalisierung?
Einerseits sind Menschen ­abgeschnitten, die zu ihr keinen Zugang haben. Anderseits verhindern die digitalen Netzwerke womöglich echte Beziehungen – auch wenn meine eigenen beiden Teenager das vehement bestreiten würden. Der Händedruck, das In-die-Augen-Schauen: So etwas ist wichtig fürs gesamtheitliche Wohlergehen. Daher ermuntern wir in der Therapie zu sozialen Kontakten, vom Brief an die Mutter bis zum Besuch von Singletreffs. Schon das Gespräch bei uns kann helfen: Es gibt Patienten, die sich wochenlang darauf freuen, sich hier aussprechen zu können.

Wie gelingt die Therapie?
Je mehr Menschlichkeit und Authentizität vom Helferteam spürbar ist, desto mehr kann sich ein Mensch in Not auf dem ­langen Weg zurück in die Gesellschaft motivieren. Wir wollen massgeschneiderte Hilfsangebote machen, die nicht primär auf die Psychopathologie des Menschen zielen, sondern auf seine konkreten Wünsche und Ideen. In der psychiatrischen Versorgungsforschung hat sich die Kombination von sozialer, pflegerischer und medizinisch-sozialer Hilfe zu Hause bei den Menschen als gut erwiesen. Zusammen mit der Spitex Zürich haben wir – im Rahmen des ­mobilen Kompass-Teams und des Modellprojekts «Mind the Gap» – diese Ideen umgesetzt, um Hilfe von verschiedenen Seiten direkt vor Ort anbieten zu können, speziell für Menschen, die durch das reguläre Versorgungsnetz gefallen sind. Es gibt auch niederschwellige Gruppen für Achtsamkeit und Freizeitaktivitäten. Die Finanzierung solcher Leistungen ist aber schwierig. Allgemein ist ein grundsätzliches Interesse am Leben der Welt und an anderen ein Schutzfaktor vor Einsamkeit.

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