Tödliche Intelligenz

Warum Stanley Kubricks Dystopie «2001» über einen derangierten Bordcomputer unerreicht bleibt.

Kapitän Bowman (Keir Dullea) nimmt den Computer HAL auseinander. Foto: Moviestore Collection (Alamy)

Kapitän Bowman (Keir Dullea) nimmt den Computer HAL auseinander. Foto: Moviestore Collection (Alamy)

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Die Kinosäle waren so leer wie das All gross, als «2001: A Space Odyssey» anlief, der Science-Fiction-Film von Stanley Kubrick nach einer Kurzgeschichte von Arthur C. Clarke. Auch die Rezensionen blieben durchzogen. Die einflussreiche Kritikerin Pauline Kael etwa fand den Film «monumental fantasielos» und nannte Kubrick einen Amateur. Das war vor fünfzig Jahren.

Die Ersten, die den Wert des Films erkannten, waren Hippies unter Drogen; sie rauchten Marihuana oder schluckten LSD und rauschten mit Kubrick durchs Weltall. Dann interessierten sich auch andere Zuschauerinnen und Zuschauer dafür. Zuletzt avancierte «A Space Odyssey» zum erfolgreichsten amerikanischen Film von 1968. Seither gilt er als Klassiker seines Genres.

Unerreichte Ästhetik

Kubricks Film hat Regisseure wie Steven Spielberg, George Lucas oder Ridley Scott beeinflusst, wirkt in Filmen wie «Close Encounters of the Third Kind», «Alien», «Blade Runner» oder «Contact» nach.

Verschiedene Regisseure reden über «A Space Odyssey». Quelle: Youtube

Er hat Studenten zur Nasa getrieben und nächtelange Debatten über ausserirdische Intelligenz und die Gefahr von Computern befeuert. Denn «A Space Odyssey» bleibt in vielem unerreicht: der Ästhetik, dem rätselhaften Ende, den spektakulären Aufnahmen aus dem All, der von Kubrick wie immer kühn eingesetzten Musik. Ein Landemanöver im Weltall mit «An der schönen blauen Donau» zu vertonen, dem Walzer von Johann Strauss: Das konnte nur ihm einfallen. Unvergesslich auch der Schnitt, bei dem ein fliegender Knochen aus der Vorzeit von einem Raumschiff der Zukunft abgelöst wird. Eine millionenjährige Evolutionsgeschichte, in einer halben Sekunde nacherzählt.

HAL, der Bordcomputer, hinterfragt die Motivation von Pilot Bowman. Quelle: Youtube

Und da ist noch die Hauptfigur des Filmes. Sie besteht aus einer rot leuchtenden Lampe und einer Stimme. Diese gehört HAL, dem Bordcomputer des Raumschiffes (die nächsten drei Buchstaben im Alphabet ergeben IBM). HAL kontrolliert alles, sieht alles, hört alles, weiss alles. Er kennt auch den wahren Grund für diesen Flug zum Jupiter, den die Astronauten noch nicht wissen: Auf dem Mond wurde ein schwarzer Monolith gefunden, der Signale zum Jupiter schickt, offensichtliches Zeichen für eine hoch entwickelte, ausserirdische Intelligenz.

Es ist aber nicht die fremde Intelligenz, die einem an diesem Film so fasziniert, sondern die künstliche. HAL tönt wie ein vertrauensvoll besonnener Freund. Die beiden Astronauten reden mit ihm wie mit einem Menschen. Er spielt Schach mit ihnen, regelt alles, wacht über sie. Alles funktioniere in bester Ordnung, sagt er. Mit ihm seien keine Fehler möglich.

Die beiden Piloten unterhalten sich darüber, HAL abzustellen. Quelle: Youtube

Dennoch werden die beiden Piloten misstrauisch, als HAL bei einem funktionierenden Gerät einen Defekt meldet. Sie ziehen sich in eine der Raumkapseln zurück und einigen sich darauf, ihn abzustellen. Aber HAL kann auch Lippen lesen.

Wie loyal bleibt die Maschine?

Damit dramatisiert Stanley Kubrick einen Konflikt, der die Debatte über künstliche Intelligenz antreibt: Bleibt eine Maschine dem Menschen gegenüber auch dann loyal, wenn sie ihr eigenes Ende riskiert?

Der russisch-amerikanische Biochemiker Isaac Asimov hat das Problem 1952 mit den drei berühmten Robotergesetzen gelöst:

  • Ein Roboter darf kein menschliches Wesen wissentlich verletzen.
  • Ein Roboter muss menschlichen Befehlen gehorchen – ausser wenn er damit Regel eins brechen würde.
  • Ein Roboter muss sich schützen, solange er dabei nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

HAL verweigert einen Befehl. Quelle: Youtube

HAL beschliesst, die Astronauten zu töten, weil er die Mission bedroht sieht und er dazu programmiert wurde, sie zu erfüllen. Kubricks Film war seiner Zeit weit voraus, wie man heute immer stärker merkt, da Menschen sich Maschinenteile einpflanzen lassen und Maschinen Aufgaben erledigen, die von Menschen durchgeführt wurden. Mit jeder Automatisierung nimmt der menschliche Einfluss ab. Und wird die künstliche Intelligenz mächtiger.

Immerhin wurde dieser Artikel nicht von HAL geschrieben. Er wollte ihn nur gegenlesen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2018, 00:09 Uhr

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