Transfeinde sind überall – oder ist es doch Paranoia?

Transpersonen sind wütend wegen der Berichterstattung über Chelsea Manning.

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Die Verhaftung von Wikileaks-Gründer Julian Assange war ein dramatisches Medienereignis. Noch dramatischer wurde die Berichterstattung über eine der wesentlichen Personen im Fall: Chelsea Manning. Manning diente im Jahr 2010 im Irak und lieferte geheime Informationen an Wikileaks. Damals lebte sie noch unter ihrem Geburtsnamen Bradley als Mann. Erst Jahre später glich sie das Geschlecht der gefühlten weiblichen Identität an.

Für Transpersonen sind Namen und Personalpronomen eine sensible Sache. Eine Transgenderperson unter ihrem alten Namen zu nennen, wird «Deadnaming» genannt und ist in der Community sehr verpönt. Ebenso die Verwendung des falschen Personalpronomens, selbst wenn es in Anführungs- und Schlusszeichen gesetzt ist. Das aber geschah bei verschiedenen Medien, unter anderem der «New York Times», den Fernsehsendern MSNBC, Fox News, aber auch SRF. Sie zogen damit den Zorn von Transgender-Aktivisten auf sich. Auch scheinbar harmlose Redewendungen, etwa Manning habe das «Geschlecht gewechselt», wurden heftigst kritisiert. Korrekt müsse man nämlich von «Geschlechtsangleichung» sprechen.

In der Schweiz beschwerten sich am Wochenende weitere Aktivisten auf Twitter über die Berichterstattung von SRF. Der Sender befeuere mit der falschen Verwendung von Personalpronomen «transfeindliche Narrative», hiess es, die Nennung des alten Namens sei nichts anderes als Hate-Speech. Ein heftiger Vorwurf, insbesondere weil dahinter kaum böse Absicht, sondern Unkenntnis stehen dürfte. Dies sei aber, wurde man von den Aktivisten flugs belehrt, keine Entschuldigung.

Miteinander reden

Der Wunsch einer Transperson, mit ihrem neuen Namen und dem von ihr gewünschten Personalpronomen bezeichnet zu werden, ist legitim. Ebenso legitim ist aber das Anliegen von Journalisten, historische Tatsachen im damaligen Kontext korrekt wiederzugeben, auch wenn das heute als störend gilt.

Die Engagiertesten in der Transcommunity sehen das aber anders. Als ein Twitterer am Samstag in der Diskussion um die Berichterstattung auf SRF die Frage stellte, ob der Name Bradley Manning als Figur der Zeitgeschichte auch aus sämtlichen Archiven gestrichen werden solle, wurde er heftigst angegriffen, blockiert, und man drohte mit einer Meldung wegen Hate-Speech bei Twitter. Was auch nicht gerade die feine Art des Diskutierens ist.

Transmenschen nicht ernst zu nehmen, ist falsch. Ebenso falsch aber wäre es, die Geschichte zu verfälschen, nur um ja keine Identitätsgefühle einer Transperson zu verletzen. Denn Fakt bleibt Fakt. Sicher gibt es in Sachen Transgender-Sprachregelungen eine Lösung, aber dazu muss man miteinander reden. Und zwar ohne dauernd diszipliniert zu werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2019, 21:04 Uhr

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