«Treue wird heute idealisiert»

Die Paartherapeutin Esther Perel erklärt, warum eine Affäre nicht das Ende der Beziehung bedeuten muss – und was man tun kann, damit es erst gar nicht so weit kommt.

«Es täte vielen Paaren gut, auch mal aus dem Alltag auszubrechen», sagt Esther Perel.  Foto: Redux/Laif

«Es täte vielen Paaren gut, auch mal aus dem Alltag auszubrechen», sagt Esther Perel. Foto: Redux/Laif

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Frau Perel, ist der Flirt an der Hotelbar, bei dem man nicht erwähnt, dass man verheiratet ist, schon Betrug?
Wen würde man da betrügen?

Den Partner. Anders gefragt: Wo beginnt Untreue?
Kommt darauf an. Manche Paare geben sich die Freiheit zu flirten, vielleicht erotisiert das sogar ihre Beziehung. In anderen Beziehungen ist schon der Gedanke verboten, dass man – für einen Moment – jemand anderen anziehend finden könnte.

Was würden Sie als Paartherapeutin empfehlen?
Dass jeder für sich eine Antwort findet und nicht mich fragt. Leider stellen sich Paare solche Fragen aber meistens erst, wenn die Kacke schon am Dampfen ist. Vor allem heterosexuelle Paare, sollte ich hinzufügen.

Machen homosexuelle Paare das denn besser?
Zumindest führen sie diese Gespräche. Eine Partnerschaft zwischen Mann und Frau halten viele leider für selbsterklärend.

Das Problem mit der Untreue ist also, dass die Menschen zu wenig darüber reden?
Und dass sie ihre Partnerschaften viel zu wichtig nehmen. Viele halten das Versprechen lebenslanger sexueller Exklusivität für romantisch. Dabei hatte Monogamie nie etwas mit Romantik zu tun, sondern damit, die väterliche Linie zu schützen. Heute wird Treue idealisiert, es ist die heilige Kuh, die nicht angetastet werden darf.

Dabei sind wir doch sexuell so viel offener als früher. Warum ist Untreue immer noch so eine grosse Sache?
Genau deswegen. Nach 10, 15 Jahren des nomadischen Sexlebens trifft man «den einen» oder «die eine», für den oder die man zu suchen aufhört. Er oder sie muss dann alles sein: der beste Freund, die heisse Liebhaberin, der liebevolle Elternteil, die Seelenverwandte, mit der das Leben perfekt zu sein hat. Klappt das nicht, ist das der ultimative Vertrauensbruch.

Gibt es so etwas wie den typischen Ehebrecher oder die typische Ehebrecherin?
Wenn ich bei Vorträgen frage, wer schon mal von Untreue betroffen war, gehen 90 Prozent der Hände nach oben. Untreue ist universell, es gibt sie in jeder Generation und in jeder Gesellschaft.

Gehen die Leute fremd, weil sie sich verlieben?
Selten. Wenn jemand seine jahrzehntelange Ehe und die ganze Familie aufs Spiel setzt, um sich in einem Massagesalon ein Happy End bereiten zu lassen, ist nicht Liebe der Grund.

Sondern?
Einsamkeit zum Beispiel. Man hat das Gefühl, dass sich niemand um einen kümmert, niemand einen berührt. Oder man streitet viel. Verachtung kann ein Grund sein. Ignoranz. Gewalt. Alkoholismus. Sämtliche Probleme, die in Beziehungen vorkommen, können zu einer Affäre führen. In anderen Fällen hat der Seitensprung wenig mit dem Partner zu tun, sondern damit, dass man sich von den alltäglichen Routinen erstickt fühlt. Man will Freiheit und Abenteuer, und dafür überschreitet man die Grenze. Nicht einmal die Abschaffung der Monogamie würde Untreue verhindern.

Was dann?
Wahrscheinlich gar nichts.

Wenn man entdeckt, dass der Partner eine Affäre hat: Was sollte man nicht tun?
Fakten und Bedeutung vermischen. Bevor man totale Transparenz verlangt, sollte man sich fragen, was man wirklich wissen will. Ist es relevant, wie oft mit welchem Körperteil was gemacht wurde? Soll man sämtliche E-Mails lesen? Ich rate davon ab. Ausserdem sollte der Betrogene keinesfalls sofort alle Bekannten anrufen, um zu erzählen, was für ein Stück Scheisse der andere ist. Den Impuls haben leider viele. Lassen Sie das. Wenn Sie reden müssen, suchen Sie sich einen Freund. Am allerwenigsten sollte man die Kinder einweihen. Die wollen nichts über das Sexleben ihrer Eltern wissen – auch dann nicht, wenn sie erwachsen sind.

Was sollte man dann tun?
Erst mal gar nichts. Das Wichtigste ist, die Gefühle, die man wegen der Affäre hat, nicht mit den Gefühlen zu verwechseln, die man zur Beziehung hat.

Wie meinen Sie das?
Oft kommt es zu Untreue nach einer langen Beziehung, und die Leute sagen dann: Mein ganzes Leben war eine Lüge, ich trenne mich sofort. Das ist Unsinn. Die meisten Affären sind Einzelereignisse, und bevor man etwas entscheidet, muss man herausfinden, welche Bedeutung sie haben. Vielleicht ist derjenige, der fremdgegangen ist, schon lange vom anderen innerlich verlassen worden. Vielleicht sagt sie seit Jahren nur Nein im Bett. Vielleicht hat er eine innigere Beziehung zu seinem Handy als zu ihr. Vielleicht kommt ihr seine Affäre ganz gelegen, weil sie sich schon die ganze Zeit trennen wollte. Es gibt viele Wahrheiten in einer Beziehung.

Freunde und Familie raten dem Betrogenen oft, sich zu trennen. Braucht es Mut zu bleiben?
Ich verstehe die Leute, die bleiben, sehr gut. Sie denken: Wieso soll ich mein ganzes Leben wegwerfen, nur weil der andere so dumm war? Doch dann werden sie von ihrem Umfeld beschämt: Was bist du für eine Frau, dass du dich so behandeln lässt?

Ist es für Frauen schwerer zu bleiben, weil sie sich das Recht, gehen zu dürfen, hart erkämpft haben?
Nein, Männer haben es schwerer. Eine Frau, die bei ihrem untreuen Mann bleibt, gilt vielleicht als bedürftig, abhängig, schwach – aber immer noch als Frau. Ein Mann, der sich betrügen lässt, ist in den Augen vieler kein echter Mann mehr.

Betrügen Männer und Frauen anders?
Die Risiken sind unterschiedlich. In sechs Ländern droht untreuen Frauen noch immer die Todesstrafe. Vor allem aber unterscheidet sich das Narrativ: Männer wollen Sex, Frauen wollen Liebe. Dabei könnte nichts falscher sein.

Wie ist es wirklich?
Alle wollen das Gleiche: wahrgenommen werden, berührt werden, gewollt werden. Doch Männer holen sich das über Sex und Frauen über Emotionen, weil sie es eben so gelernt haben.

Könnten die Generationen voneinander lernen?
Auf jeden Fall. Die älteren Männer könnten so viel von den jüngeren lernen. Diese haben weniger Angst, ihre Gefühle zu äussern, und leben ihre Vaterschaft ganz anders, müssen es auch, weil sie berufstätige Frauen haben. Junge Frauen verlangen, sexuell befriedigt zu werden, und sind sich da einig mit den jüngeren Männern, die auch wollen, dass die Frau Spass hat und ihnen nicht nur einen Gefallen tut.

Und was können die Jüngeren von den Älteren lernen?
Dass Kinder nicht der Mittelpunkt von allem sind. Was die Bedeutung von Kindern betrifft, haben wir den Gipfel des Irrsinns erreicht. Man kann nicht alle Energie in die Arbeit stecken, alle Emotionen den Kindern widmen und dann meinen, dass einen die Beziehung durchs Leben trägt. Die Lücke zwischen dem, was wir von unserer Partnerschaft erwarten, und dem, was wir investieren, war nie grösser.

Warum?
Wir erwarten alles vom Partner, der Partnerin: Intensität, Intimität, Lebendigkeit, Stabilität, eine tiefe Verbindung. Wir tun aber nichts dafür. Viele Menschen geben so viel im Job und für die Kinder, dass sie für den Partner nur noch ausgelaugte Reste übrig haben. Und dann beschweren sie sich über Langeweile.

Was raten Sie Paaren, die sich hier wiedererkennen?
Die brauchen keinen Rat, jeder weiss, was hier zu tun wäre. Denn sobald die Leute eine Affäre haben, entwickeln sie eine Energie, die sie davor nicht für möglich gehalten hätten. Sie ziehen sich chic an, machen sich Komplimente, hören sich zu. Würden sie nur zehn Prozent dieser Energie in die Beziehung stecken, bräuchten sie nicht untreu zu werden.

Ein bisschen Make-up, ein paar nette Worte, und schon läuft es wieder mit dem Ehepartner – ist es wirklich so einfach?
Es täte auf jeden Fall vielen Paaren gut, auch mal aus dem Alltag auszubrechen. Wie er die andere dazu bringt, ihn zu begehren, weiss jeder, am Anfang der Beziehung hat das ja auch geklappt. Wer es trotzdem nicht hinkriegt, will gar nicht mehr.

Also müssen sich solche Paare trennen?
Nicht unbedingt. Aber sie müssen anfangen, ehrlich zuein­ander sein. Ein Paar hat keinen Sex miteinander, weiss aber, dass es Sex haben sollte, behauptet auch, Sex zu wollen, und trotzdem wird da nichts draus? Da kann etwas nicht stimmen. Vielleicht riecht er komisch, ­vielleicht ist sie ihm zu dick ­geworden, vielleicht haben sich neue sexuelle Bedürfnisse entwickelt. Das muss ausgesprochen werden.

Kann es sein, dass wir den ausserehelichen Sex zu ernst nehmen – und den Sex in der Beziehung nicht ernst genug?
Das haben Sie schön zusammengefasst.

In Ihrem Buch beschreiben Sie viele Paare, die an einer Affäre gewachsen sind. Ist Fremdgehen also gar nicht so schlecht?
Dass sich etwas Gutes aus einer Affäre entwickeln kann, bedeutet nicht, dass sie etwas Gutes ist. Bei einer lebensbedrohlichen Krankheit versteht das jeder. Viele Menschen, die Krebs überwunden haben, fühlen sich danach stärker. Trotzdem würde man niemandem empfehlen, Krebs zu bekommen. Untreue kann einer dahinsiechenden Beziehung den Todesstoss versetzen – oder ein Weckruf sein.

Erstellt: 28.03.2019, 11:57 Uhr

Die Macht der Affäre

Esther Perel, 60, gilt als Rockstar der Paartherapie. Ihre TED Talks haben mehr als 20 Millionen Aufrufe, ihr Audioformat «Where Should We Begin?» ist einer der erfolgreichsten englischsprachigen Podcasts im deutschsprachigen Raum. Man hört darin eine geschnittene, aber ansonsten unbearbeitete Therapiesitzung. Kürzlich ist ihr Buch «Die Macht der Affäre» erschienen, ausserdem berät sie Unternehmen und coachte die Schauspieler der Serie «The Affair». An zwei Tagen in der Woche sitzt sie in ihrer Praxis in New York und spricht mit Patienten. Die Tochter zweier Überlebender des Holocaust wuchs in Antwerpen auf, studierte in Jerusalem und ist seit 35 Jahren mit dem Traumatherapeuten Jack Saul verheiratet. Das Geheimnis ihrer langen Ehe? Aneinander interessiert bleiben.

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