Über den Wolken...ist die Freiheit nicht grenzenlos

Der Beruf Flight Attendant schafft es beharrlich, sein Image als Traumberuf zu wahren. Die Realität sieht anders aus.

Nicht nur glamourös: Flugbegleiterin beim Getränkeausschenken.

Nicht nur glamourös: Flugbegleiterin beim Getränkeausschenken. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Die Welt sehen, heute hier und morgen dort sein, kein Trott und keine Langeweile, weil die Zeit im Flugzeug im Nu vergeht. Abends ein Drink an der Hotelbar mit den Piloten und den anderen Flight-Attendants, tagsüber ausgiebiges Sightseeing, immer wieder eintauchen in fremde Kulturen. Das ist das Image des Flugbegleiter-Jobs, und es hält sich hartnäckig, obwohl die glamourösen Zeiten längst vorbei sind.

Objektiv spricht fast alles gegen den Beruf als Flight Attendant: unregelmässige Arbeitszeiten, ständiges Stehen, hohe körperliche Belastung, Jetlag, Fluggäste mit hohen Erwartungen, und das alles zu einem mickrigen Startlohn von 3400 Franken monatlich, der pro Dienstjahr gerade mal um 50 Franken erhöht wird.

«60 Prozent der Neuangestellten geben innerhalb der ersten drei Jahre wieder auf», sagt Denny Manimanakis, Präsident der Flugpersonalgewerkschaft Kapers und seit 24 Jahren Flugbegleiter bei der Swiss. Die Fluktuation liege dort bei etwa zehn Prozent, was jährlich 350 Stellen entspreche. Das ist deutlich mehr als bei anderen Firmen in der Schweiz. Viele hätten völlig falsche Vorstellungen vom Beruf als Flight Attendant, weiss Manimanakis. «Man merkt spätestens nach einem Jahr, dass es ein Knochenjob ist.»

Schöner als die Realität

Die Fluggesellschaften selber transportieren das Bild des Traumberufes aber nach wie vor, wie etwa die Swiss in den vergangenen Wochen in ihrer Kampagne für die «Cabin Crew Castings», mit denen die Fluggesellschaft zahlreiche neue Mitarbeitende sucht. Der Bedarf ist sehr hoch. Nächstes Jahr sollen rund 800 bis 900 neue Flight Attendants eingestellt werden. Die Swiss-Sprecherin Karin Müller erklärt dies mit dem «starken Wachstum» der Fluggesellschaft.

Werden Enttäuschungen und hohe Kündigungsraten mit diesen gar positiven Werbekampagnen nicht erst recht provoziert? Karin Müller relativiert: «Wir glauben nicht, dass jemand ihre beziehungsweise seine Berufswahl nur auf Basis von Werbung fällt.» Man informiere umfassend an Informationsveranstaltungen und im Web. «Dasselbe gilt auch für die Cabin Crew Castings, wo wir zudem beim Auswahlverfahren Wert darauf legen, dass die zukünftigen Mitarbeitenden ein realistisches Berufsbild vermittelt bekommen.»

Kampagnen schüren falsche Erwartungen

Manimanakis sieht das anders: «Der grosse Teil der Mitarbeitenden soll als Jobber angestellt werden, die kommen und nach kurzer Zeit wieder gehen. So können Lohnkosten gespart werden.» Und langjährige, besser verdienende Cabin-Crew-Mitglieder wie er beginnen immer wieder von vorne mit dem Einarbeiten von neuen Mitarbeitenden.

Der Gewerkschaftspräsident findet schönfärberische Rekrutierungskampagnen ärgerlich, genauso wie Marketingkampagnen, in denen den Fluggästen vermittelt wird, dass die Flight Attendants ihnen alle Wünsche von den Augen ablesen würden. «Wir haben ja kaum Zeit, den Passagieren überhaupt in die Augen zu schauen, geschweige denn, ihnen die Wünsche von den Augen abzulesen.» Auch hier besteht also die Gefahr, dass Erwartungen seitens der Fluggäste enttäuscht werden.

Zahl der renitenten Fluggäste steigt

Leidtragende sind die Angestellten, die den Unmut der Fluggäste über sich ergehen lassen müssen. Und nicht nur den. Erst diesen Mai veröffentlichte die US-Flugbegleitergewerkschaft AFA eine Studie, in der mehr als zwei Drittel der Flight Attendants angaben, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein.

Dass die Zahl von sogenannten unruly passengers, also Fluggästen, die sich aggressiv oder übergriffig gegenüber dem Personal verhalten, zunimmt, bestätigt auch Denny Manimanakis. «Es ist zwar nicht an der Tagesordnung, aber es kommt auch auf unseren Flügen vor.»

Castings sind sehr beliebt

Aber nichts von alledem scheint dem immer noch positiven Image des Berufs etwas anhaben zu können. Die nächsten Bewerberinnen und Bewerber stehen schon wieder Schlange für die sogenannten Cabin Crew Castings, an denen die Swiss ihr Personal im dritten Jahr rekrutiert, «passend zum Zeitgeist unserer Zielgruppe», sagt die Mediensprecherin Karin Müller. Sie erinnern an Castingshow-Formate aus dem Fernsehen.

Wenn es schon nicht zum Topmodel oder Supertalent reicht, dann vielleicht zur Flight Attendant? Alleine bis Ende November stehen noch sieben solcher Castings an; 2018 sei das erfolgreichste seit der Lancierung gewesen, und die Ausbildungskurse für angehende Cabin Crew Members seien bis Februar 2019 ebenfalls voll. «Für viele unserer Mitarbeitenden ist es ein Traumberuf, der sich im Wandel der Zeit wohl verändert, an Faszination aber nur marginal eingebüsst hat», sagt Karin Müller. Der Traum vom Fliegen ist offenbar stärker als die Realität.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.10.2018, 19:07 Uhr

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