«Zuletzt online um ...» wurde zu einem Ausdruck der Sehnsucht

Ein Paar hat eine Fernbeziehung über Whatsapp. Dann wird der Chat-Verlauf zum Archiv ihrer Liebesgeschichte.

Über unsere Handys sind wir stets verbunden: Eine junge Frau liest eine Nachricht auf ihrem Smartphone. Symbolbild: Getty Images

Über unsere Handys sind wir stets verbunden: Eine junge Frau liest eine Nachricht auf ihrem Smartphone. Symbolbild: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.


2. Oktober 2016 18.46 Uhr

Ein Typ mit Bart lächelt niedlich in die Selfiekamera. Er sitzt in einer Raststätte hundert Kilometer vor Wien, hinter ihm ein Schild der Autobahngesellschaft Asfinag.

In seinem Blick liegen die Naivität und Selbstsicherheit von einem, der in 25 Lebensjahren noch nie auf die Schnauze geflogen ist. Zumindest nicht so, dass es wirklich wehgetan hätte. Er hatte noch nie echten Liebeskummer, er war noch nie auf einer Beerdigung. Eine Krise ist für ihn, wenn sein Lieblingsfussballclub zweimal hintereinander verliert. Er sieht aus wie ich, aber er ist mir fremd. Gleich steigt er wieder in seinen roten Renault Twingo, und in einer Stunde beginnt dann das nächste Abenteuer, Studienbeginn in Wien. Er schickt seiner Freundin noch schnell das niedliche Selfie, aus dem Auto noch eine Sprachnachricht.

Hi L., noch eine Stunde, ich höre gerade Fest&Flauschig. Wie gehts?

«Fest & Flauschig» ist ein Podcast, den sie oft zusammen hören. Am Schluss der Nachricht macht er ein Kussgeräusch. Wie er redet. Für seine Freundin hat er eine eigene Tonlage, höher als seine normale Sprechstimme. In seinen ersten Tagen in Wien schickt er seiner Freundin jeden seiner Blicke: Blick aus dem Fenster, Blick aus der Küche, Blick aus dem Bett. Selfie vom Schreibtisch und Selfie vom Balkon. Gute-Nacht-Sprachnachrichten in dieser Tonlage, die wenig mit seiner tatsächlichen Stimme zu tun hat.

Hab dich lieb und schlaf schon fast. Muss morgen um Acht an der Uni sein. Schlaf ganz schön, du Schuh.

«Schuh», so nennen sie sich gegenseitig liebevoll, keine Ahnung mehr, wo das überhaupt herkommt, wahrscheinlich war das mal ein lustiger Versprecher in irgendeiner Unterhaltung.

13. Oktober 2016 14.45 Uhr

Seine Freundin schickt eine Nachricht aus dem ICE von München nach Frankfurt. Sie macht sich Sorgen, ob das alles klappt, in der neuen Stadt, mit den 750 Kilometern, die bald zwischen ihnen liegen, zwischen Frankfurt und Wien. Er denkt gar nicht gross nach. Was soll schon passieren? Sie sind seit fünf Jahren zusammen, seit vier Jahren haben sie eine Fernbeziehung. Ein Pärchending von ihnen ist, dass sie sich auf Whatsapp manchmal die Namen von Desserts als Kosenamen geben: Sie nennt ihn manchmal Baklava, weil er mal in Istanbul studiert hat, er nennt sie Pastel de Nata, weil sie zur gleichen Zeit in Lissabon war. Da haben sie sich in acht Monaten nur zweimal gesehen. Jetzt halt Frankfurt – Wien, ein Kinderspiel im Vergleich. Auch wenn sie sich nur alle vier Wochen besuchen, nehmen sie sich ja trotzdem jeden Abend mit ins Bett, flüstern sich ein «Gute Nacht» zu, und am nächsten Morgen sitzen sie zusammen am Frühstückstisch. Whatsapp ist ihr gemeinsames Zuhause. Da ist es nicht wichtig, wie weit die Zweitwohnungen auseinanderliegen.

Dieser Whatsapp-Chat ist die Niederschrift meiner ersten grossen Liebe. Er ist kein Zeugnis des Scheiterns, nur ein Zeugnis der Entwicklung. Aber trotzdem: Diesen Chat mit knapp drei Jahren Abstand zum ersten Mal wieder zu öffnen, diesen Typen mit Bart auf der Autobahnraststätte kurz vor Wien zu sehen, den man kaum noch verstehen kann in seiner Unbeschlagenheit und Naivität, der so aussieht wie man selbst, den man hinter sich gelassen hat, wühlt auf. Seine Stimme zu hören und die Stimme der Frau, die er geliebt hat, die Nuancen in der Stimmfärbung, die sich verändert haben über die Zeit, es ist alles da. Dieser Whatsapp-Chat ist ein Wiedererleben. Er macht Dinge sichtbar, die man sonst übersieht oder vergisst. Er holt alles ganz nah ran.

Für eine Generation der Liebenden, die in Ausbildung, Studium und Job so mobil sein muss wie keine andere davor, ist Whatsapp mehr als nur ein Messengerdienst: Der Chat ist ein Ort, der eine Fernbeziehung mit ungewisser Dauer für viele Paare überhaupt erst denkbar macht. In Whatsapp entsteht eine Unmittelbarkeit und Direktheit und damit eine Nähe in der Kommunikation, die es vorher noch nie gegeben hat.

In Whatsapp laufen alle Beziehungen zusammen. Nicht nur Liebende, auch Familien können hier Kontakt halten, über alle Generationen und Ländergrenzen hinweg. Whatsapp, das kann auch das Vergnügen sein, wenn die Mutter immer noch jede Nachricht unterschreibt mit: Deine Mama, Tausend Küsse. Oder die Trauer, wenn ein geliebter Freund einmal wirklich zum letzten Mal online war.

Ich bin jetzt 27 Jahre alt, ich war auf einer Beerdigung. Mein Freund S. war zuletzt online am Sonntag, den 4. März 2018 um 23.04 Uhr. Danach war wohl der Akku von seinem Handy leer. Gestorben ist er in der Nacht zuvor. Mittlerweile hat Whatsapp sein Profilbild gelöscht, anscheinend passiert das, wenn man ein paar Monate nicht online war. Ich kann bei Whatsapp nie mehr sein Lächeln sehen, den Blick nach rechts, die umgedrehte Baseballcap, die den früh kahl gewordenen Kopf kaschiert. Ich wünsche mir manchmal, das Bild wäre noch da, denn jetzt ist mein Chat mit ihm komisch gesichtslos. Dabei war er das Gegenteil von gesichtslos, er war Schauspieler. Bei Whatsapp hat er mir mal einen Werbespot für Hosen geschickt, in dem er mitspielt. Er sagt darin:

Ich leg den Bund um und krempel zwei, drei mal hoch. Easy.

Bis heute kremple ich meine Hosen nach dieser Anleitung hoch, damit sie cooler aussehen. Zum Glück gibt es bei Whatsapp Back-ups, und nichts geht verloren.

Mit einem Back-up kann man in Whatsapp alle Chatverläufe speichern, in einer digitalen Cloud. Man verliert sein Whatsapp nicht, wenn man sein Handy verliert. So ist Whatsapp für seine Benutzer zu einer digitalen Briefschatulle geworden, zu einem Archiv des eigenen Lebens. Alles da, Streits, Flirts, alle kleinen und grossen Dramen, die das Leben schreibt.

Jeder Chat ist ein privater Raum, der nach den Regeln derer funktioniert, die ihn teilen. Da, wo man jemanden Baklava nennen kann und er sofort versteht, was damit gemeint ist. In Whatsapp können die Liebenden sich Textnachrichten schicken, aber auch Bilder, Videos, Gifs und Memes, Emojis und Sprachnachrichten. SMS-Nachrichten sind dagegen so limitiert in den Ausdrucksmöglichkeiten, dass sie sich anfühlen wie moderne Morsesignale. Keiner nutzt sie mehr wirklich, höchstens noch gelegentlich zur distanzierten Kontaktaufnahme. Vermietern, Vorgesetzten, Leuten, mit denen man per Sie ist, solchen Leuten schreibt man SMS.

«Zuletzt online um …» ist bei Whatsapp von einer blossen Statusmeldung zu einem Ausdruck der Sehnsucht geworden. Zuletzt war sie online um 21.39 Uhr, der Tag war anstrengend, jetzt schläft sie schon. Zuletzt online um 7.21 Uhr, er ist jetzt in den Flieger gestiegen, in ein paar Stunden sehen wir uns. Ein Herzchen-Emoji kann sich anfühlen wie eine Umarmung. Ganz beiläufig entsteht in Whatsapp eine neue Form der Romantik, die einerseits so privat ist wie nie, weil zwei Liebende kommunizieren, ohne dass die Aussenwelt Notiz davon nimmt.

Andererseits kommunizieren sie so beobachtet wie nie, weil Whatsapp Daten sammelt und speichert. Whatsapp arbeitet dabei mit einer Verschlüsselung, die sicherstellen soll, dass nur Absender und Empfänger die Nachrichten sehen können. Der Mehrheit der Nutzer scheint das genug Sicherheit zu geben, um sich kleine Liebesbriefe, Sehnsuchtsbekundungen und Nacktfotos zu schicken.

17. Dezember 2016 19.55 Uhr

Der Typ mit Bart ist gerade in Wien umgezogen und sendet seiner Freundin Grüsse aus der neuen WG. Er hat wenig erzählt von seinen schrecklichen Mitbewohnerinnen, von seiner Einsamkeit und seinen Startschwierigkeiten in der neuen Stadt. Kein Wort davon, dass er nicht glücklich ist mit seinem Studium, keinen Job findet und kaum neue Freunde. Er kriegt es nicht hin, ihr davon zu schreiben, es fühlt sich an, als würde er dadurch ihr gemeinsames Zuhause mit schmutzigen Schuhen betreten. Dreck reintragen. Whatsapp ist für ihn ein wirklicher Ort, der einzige, den nur sie beide teilen, wo keine Mitbewohner oder Eltern stören, niemand sieht zu. Hier soll nichts problematisch sein, man soll sich freuen, nach einem schwierigen Tag zurückzukommen und ein bisschen abzuschalten. Deshalb schweigt er über seine kleineren und grösseren Probleme, lieber schickt er viele, viele Emojis: die ganze Tierwelt einmal durch, Bärchen, Äffchen, Löwen, Walfische, Bienen. Dazu Herzen und Küsse. Alles ist niedlich.

So entwickelt sich eine Pärchensprache, angereichert mit Witzen, die nur die beiden verstehen. Sie parodieren in Sprachnachrichten zum Beispiel gern die Stimmen ihrer Eltern, manchmal auch die Vorlesestimme von Martin Walser, von dem sie mal gemeinsam ein Hörbuch gehört haben. Der rollt das R so komisch, er redet so, als wäre er schon immer alt gewesen. Aberrr dann errr, hinterrr ihrrr herrr, aberrrr sie, berrreits forrrt.

Der jüngste Walser, den sich die beiden vorstellen können, ist ein Walser genau in dem Schwellenalter, bei dem man nicht weiss, ob man ihm eine Freude macht oder ihn beleidigt, wenn man ihm im Zug seinen Platz anbietet.

Nichts ist schwer im Whatsapp-Chat. Nichts soll schwer sein. Für ihn jedenfalls. Vielleicht ist es bei ihr genauso, aber das ist nur eine Vermutung. Für solche Fragen ist im Chat kein Platz.

Seit zehn Jahren gibt es Whatsapp. In Deutschland nutzen es vier von fünf der 45- bis 60-Jährigen, unter 45 nahezu alle. Es ist ein demokratischer Ort, es gibt Emojis in allen Haut- und Haarfarben und Altersgruppen. Es gibt Familien-Emojis, die zwei Väter zeigen oder zwei Mütter, es kommen immer neue Motive hinzu. Es entwickelt sich ein Abbild der Gesellschaft, immer differenzierter.

Und weil alle es haben, entstehen in Whatsapp auch neue Normen des Zusammenlebens: Die Lesebestätigungen an- oder auszumachen, hat das Zeug zu einem zwischenmenschlichen Politikum. Verfügbar sein oder nicht, das wird hier verhandelt. Für die einen ist es ein letzter Rest Freiheit, den Chatpartner nicht sofort sehen zu lassen, dass sie eine Nachricht gelesen haben. Sie wollen nur dann antworten, wenn sie sich danach fühlen, und nicht dann, wenn sie unter den sozialen Druck der blauen Häkchen geraten. Andere erkennen in der Verweigerung der Lesebestätigungen etwas Egoistisches, ein Verstecken vor dem Chatpartner. Für sie bedeutet das einen Kontrollverlust. Die Unsicherheit, ob der Freund oder die Geliebte die Nachricht jetzt gelesen hat oder nicht, ist für sie kaum auszuhalten, so sehr sind sie von der unmittelbaren Resonanz abhängig.

Wenn man den Mut und die Musse hat, seine wichtigsten Chatverläufe genau anzusehen, hat man ein Dokument der eigenen Entwicklung vor Augen. Das gab es in dieser Form noch nie zuvor, das wird mir klar, je länger ich den Chat meiner ersten grossen Liebe durchscrolle.

16. Februar 2017 20.09 Uhr

Zum ersten Mal seit langer Zeit, zum ersten Mal überhaupt, kräuselt sich die Oberfläche im Whatsapp-Chat der beiden ein wenig, als würde jemand einen Stein in einen ruhigen See werfen. Er schreibt:

Heute gehts mir leider nicht so gut.

Das hat Gründe, die nicht in diesem Chat stehen, diese Gründe sind zu wichtig, sie werden am Telefon besprochen, man sieht es nur an der Anzeige «Verpasster Sprachanruf». Die beiden telefonieren auch über Whatsapp, weil sie ja jetzt in unterschiedlichen Ländern wohnen und es so nichts kostet. Er kann nur auf der rechten Bettseite telefonieren, weil da sein Wlan stark genug ist. Seine Freundin macht sich nach dem Telefonat Sorgen, sie macht ein zweites Fragezeichen hinter das erste, als sie später in einer Nachricht fragt, ob alles okay ist bei ihm. Die Emojis werden weniger für ein paar Tage.

In den nächsten Monaten bricht er sein Studium ab und zieht zurück zu den Eltern. Sie ist gut angekommen in dem neuen Umfeld in Frankfurt, wo sie für sich sein kann, wo keine Eltern stören, wo sie frei sein kann. Er versucht, sich zu sortieren und dabei das gemeinsame Zuhause unberührt zu lassen. Sie ist seltener da, oft unterwegs, viele neue Orte erkunden. Er schickt die gleichen Nachrichten, Witze und Bilder wie immer. Imitiert die Stimme von Martin Walser, weil der so lustig redet und das R so seltsam rollt, aberrr dann errr, hinterrr ihrrr herrr, aberrrr sie, berrreits forrrt. So geht es noch ein paar Monate.

Wie alles hat auch Whatsapp eine Gegenseite: Es ist kein Ersatz für das tatsächliche Erleben, man steht nicht wirklich auf den Partys nebeneinander und stösst mit dem Bier an. Man schreibt dauernd mit irgendwem, aber in den entscheidenden Momenten ist man eben doch allein. Die Nähe in Whatsapp hat ihre Grenzen, sie kann nie die körperliche Nähe ersetzen, nicht mal die Nähe eines Telefonats. Manchmal kann sich die bunte, niedliche Bärchen-Äffchen-Whatsapp-Nähe anfühlen wie eine Illusion, eine reine Oberfläche.

18. Juni 2017 19.19 Uhr

Im Whatsapp-Chat merkt man nichts. Die Sprache, wie immer. Die Emojis und Fotos, kein Anzeichen von Veränderung. Bärchen hier, kleine Insider-Bemerkung da. Dann kommt eine Lücke im Chat. Zwischen den beiden ist auch eine Lücke entstanden. Sie hat sich unbemerkt eingeschlichen. Sie haben sich viele wichtige Sachen nicht erzählt, stattdessen zu viele Äffchen und Küsse hin- und hergeschickt. Die letzte Nachricht ist eine kleine Alltäglichkeit:

Bin gerade noch bei einem Flohmarkt. Gibt coole Klamotten hier! Du wieder daheim?

Danach liegt, unangekündigt und plötzlich, ein Schweigen über dem Zuhause. Bis zum 15. August, fast zwei Monate. Die grösste Schreibpause in den vergangenen vier Jahren war vier Tage lang. Jetzt zwei Monate Schweigen, in denen sich alles ändert. Dann kommt eine Sprachnachricht.

15. August 2017 10.08 Uhr

Da spricht plötzlich eine erwachsene, reflektierte Frau, mit fester Stimme, einem warmen Nachklang, sie hat nichts mehr von der Stimme, die ich sonst gehört habe. Sie sagt: Es geht nicht mehr. Und jemand, den ich wiedererkenne, antwortet.

Ich bin das. Mit meiner eigenen Stimme, in meiner eigenen Tonlage.

Die Niedlichkeit ist weg. Zwei Menschen hören sich zu und nehmen sich wahr als die, die sie jetzt sind. Alles hat sich verändert, und es gibt keinen Weg in das Vorstadium, in die selbstverständliche, kindliche Zärtlichkeit, die dieser Chat jahrelang war. Trotzdem versuchen sie es noch mal, weil sie sich noch nicht loslassen können.

15. August 2017 23.58 Uhr

Komisch wieder so zu schreiben oder? Ich überlege oft lange, ob ich mal wieder ein auflockerndes Smiley oder einen Kosenamen oder so benutzen sollte, aber so natürlich fühlt sich das noch nicht an – trotzdem finde ich es schön.

Die nächsten zwei Monate lesen sich wie ein letztes Aufbäumen, mit Smileys, alten Geschichten, der andauernden Erkundigung nach den gleichen Dingen: Nervt der Hund von der Kollegin? Hundeemoji. Wie war es beim Tennis? Tennisspieleremoji. Ein hoffnungsloser Versuch, nach den alten Regeln zu spielen, wieder eine Normalität zu schaffen in einem Raum, der dabei ist, sich zu schliessen.

Das Wiederverwenden der Pärchensprache, die sich über die Jahre entwickelt hat, in die alle gemeinsamen Erlebnisse einfliessen. Nachmi statt Nachmittag, Abi statt Abend, Walser und sein gerolltes R. In der Sprache zeigt sich, wie wir zusammen erwachsen geworden sind: Die Stimmen der Eltern parodieren wir in den Sprachnachrichten nicht, weil wir sie lächerlich machen wollen. Wir machen sie zu Kunstfiguren, damit wir uns leichter von ihnen lösen können.

Unsere reale Beziehung hat sich jahrelang in den Elternhäusern abgespielt, wir hatten keinen Rückzugsraum, aber hier bei Whatsapp können wir eigenständig sein, und niemand schaut oder hört zu. Ich scrolle durch all die schönen Momente, Bilder vom Strand in Brasilien, vom Campingplatz am Gardasee, von dem roten Renault Twingo, mit dem wir durch halb Europa gefahren sind. Ich scrolle weiter, durch die Entfremdung am Schluss, mit der Gewissheit, dass es bald vorbei ist.

Es läuft auf den Moment der Entscheidung hin, man muss diesen Moment im Nachhinein, beim Lesen mit drei Jahren Abstand, einweben in den Chat, der die Beziehung war, man muss all die kleinen Gewissheiten und Zweifel, die man erst jetzt erkennt, einweben wie neue Fäden in einen abgetretenen Teppich.

Der Whatsapp-Chat. Die Niederschrift meiner ersten grossen Liebe. Sie zeigt, was sich verändert hat. Sie zeigt, was unverändert ist. Die niedlichen Bärchen, Äffchen, Herzen und Kuss-Emojis, ich mag sie auch heute noch. Damals standen sie für echte Nähe. Errr hinterrr ihrrr herrr, das war für mich Beständigkeit, Geborgenheit und das Wissen, dass da jemand an einen denkt. Das kleine Licht rechts oben am Smartphone, das anzeigt, dass da eine neue Nachricht ist, war wie ein Signal von einem anderen Seeufer, dazwischen liegen Nebel und Wasser, aber da ist jemand auf der anderen Seite und sendet ein Signal. Wenn diese kleinen, alltäglichen Signale wegfallen, steht man plötzlich ziemlich orientierungslos da.

Und je näher ich auf das Ende hinscrolle, das unvermeidliche Ende, das ich ja kenne, ich war schliesslich dabei, umso atemloser werde ich. Das ist nicht Helene-Fischer-mässig gemeint, ich höre mich selbst schnaufen wie eine Dampflok, während ich scrolle.

Zuletzt online am 1. Oktober 2017 22.05 Uhr

Wir sind am Ende angekommen.

Ich konnte mich dir immer so ohne Angst öffnen und so ehrlich sein, wie zu niemandem sonst, vielen vielen Dank dafür! Du kannst immer anrufen! Wenn es in Ordnung ist, rufe ich auch an, wenn mir danach ist. Ich denke voller Liebe an dich!

Danach noch im Wochenrhythmus Nachrichten, die schon typografisch gegenseitige Achtung und Wertschätzung ausdrücken. Absätze, Gross- und Kleinschreibung, Förmlichkeit, die der Briefform nahekommt. Mitte November hört es dann ganz auf. Unser Zuhause, Whatsapp, haben wir verlassen. Zu Geburtstagen schreiben wir jetzt SMS.

Korrektur: In einer ersten Version dieser Geschichte stand im Lead, der Mann sei gestorben. Das stimmt nicht, tatsächlich ist einer seiner Freunde gestorben. Der Lead wurde korrigiert.

Erstellt: 05.05.2019, 13:52 Uhr

Artikel zum Thema

Swisscom will Kunden mit «SMS 2.0» zurückholen

Der SMS-Nachfolger RCS soll eine Alternative zu Whatsapp und Messenger sein. Der Dienst funktioniert aber nicht auf allen Geräten. Mehr...

Liebe Studentin, schlimmer Finger

Anna Todd schreibt, was Millionen lesen wollen: Erotik, klare Rollen. Nun ist ihre Tessa-Story im Schweizer Kino. Mehr...

Was ist in der Liebe zu dritt möglich?

Im neusten Projekt «All In» widmet sich Daniel Hellmann dem Wesen von Dreiecksbeziehungen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...