Um 6 Uhr früh alles schon erledigt

Ein neuer Selbstoptimierungs-Trend macht die Runde: Neuerdings soll man die frühen Morgenstunden möglichst aktiv nutzen.

Manche Tipps klingen eher nach manischem statt magischem Morgen: Eine Frühaufsteherin beim Yoga. Foto: Getty Images

Manche Tipps klingen eher nach manischem statt magischem Morgen: Eine Frühaufsteherin beim Yoga. Foto: Getty Images

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Früher war das mal so: Um acht Uhr klingelte der Wecker. Der Mensch stand auf, duschte, trank Kaffee, strich sich Honig auf sein Brot und las die Nachrichten. Ein guter Start in den Tag.

Heute sieht ein gelungener Morgen anders aus: Der Wecker klingelt zwischen vier und fünf Uhr. In einem Tagebuch werden noch im Bett mindestens drei Dinge notiert, für die man in seinem Leben dankbar ist. Nach einer Meditation folgt der Frühsport: eine Runde im Park, ein paar Yogaübungen oder Schwingen mit der Kugelhantel. Der Tag beginnt nach mindestens zehn Seiten Lesen oder dem Lernen von Wörtern einer Fremdsprache. Das Frühstück ist entsprechend, mit Tee, Haferbrei und Gemüsesaft, Hauptsache gesund, und nicht vergessen, ein paarmal tief ein- und ausatmen. Schliesslich wird der Tag so, wie der Morgen beginnt. Also voll?

Früh aufzustehen, ist zu einer Art Heiligtum geworden.

Zahlreiche Ratgeber, Podcasts, Apps und Instagram-Konten erinnern derzeit in einer überwältigenden Fülle daran, wie wichtig es ist, sich die «richtige» Morgenroutine anzueignen. Nichts könne einen mehr aus der Ruhe bringen, als wenn man sogar «Pflicht-Elemente wie das Zähneputzen mit mehr Achtsamkeit ausführt».

Früh aufzustehen und diese Zeit intensiv für sich zu nutzen, ist zu einer Art Heiligtum geworden. Wem dies gelingt, ohne dabei mehrfach an die Schlummertaste des Weckers zu stossen, gilt als leistungsfähiger, ausgeglichener und disziplinierter. Und der Rest der Menschheit? Faules Pack oder auch: der Wurm im frühen Vogel. Nachdem lange davon die Rede war, wie der moderne Mensch am besten zum erholsamen Schlaf findet, wird nun also der Morgen in Form gebracht.

Tim Cook ist schon um 3.45 Uhr wach

Beim Durchsehen der Tipps wundert man sich, warum wir ausgerechnet so früh so geschäftig sein sollen. Gleich 127 Ideen hat die Website Themorningeffect.com zusammengetragen. Vermutlich hätten fünf Tipps gereicht, denn auf Zahnseide anwenden, Kaffee trinken, Kreuzworträtsel lösen wäre man vermutlich von allein gekommen.

Deutlich origineller ist das Buch «Magic Morning», in dem überwiegend Yogabegeisterte davon berichten, wie sie den Tag irgendwo zwischen Kristallen, Salbeibündeln und Tarotkarten mit Öl zwischen den Zähnen beginnen. Profitipp: Wer jeden Morgen aufs Neue vergisst, was er sich vorgenommen hat, bastelt eine Collage mit seinem Stundenplan und hängt sie übers Bett.

Gehört aber wirklich jede Sekunde eines Lebens optimiert?

Um hingegen Mitglied im «The 5AM Club» zu werden, steht man eine Stunde früher auf und gliedert sie in drei 20-Minuten-Abschnitte für Sport, Persönlichkeitsentwicklung (kurz- und langfristige Ziele visualisieren) und Bildung (Instrument üben) ab. Das klingt eher nach manischem statt magischem Morgen.

Beliebt sind auch Ratgeber, die das Leben erfolgreicher Menschen unter die Lupe nehmen. Ein Wink mit dem Zaunpfahl: Nur wer so früh aufsteht wie sie, bringt es auch zu was, so die Annahme. Ihr Motto lautet: Be Wise, Early Rise. Bei Tim Cook von Apple klingelt der Wecker demnach gnadenlos um 3.45 Uhr, bei «Vogue»-Chefin Anna Wintour geht es zwischen 4 und 5.30 Uhr los, da steht Schauspieler Dwayne «The Rock» Johnson schon längst im Fitnessstudio.

Update für mehr Leistungsfähigkeit

Wer die «Hour of Power» morgens für sich nutzen möchte, darf das natürlich tun. Doch bei all dieser Dringlichkeit, für sich die perfekte Morgenroutine zu etablieren, bekommt man eher den Eindruck, dass es hier um ein Update für mehr Leistungsfähigkeit der Maschine Mensch geht. Gehört aber wirklich jede Sekunde eines Lebens optimiert? Sport treiben, ginge das nicht auch abends? Und lässt sich die Mittagspause nicht auch anders nutzen als in der Kantine? Wenn man sein Leben nicht in einem Tag unterbringen kann, scheint etwas Grundsätzliches schiefzulaufen.

Über das frühmorgendliche Programm spötteln derweil diejenigen, die früh aufstehen und sofort funktionieren müssen wegen Schichtdienst, schreienden Babys, schulpflichtiger Kinder, Pendeln zur Arbeit. Da wird es eng, dreissigmal «Ich liebe mich» in den Spiegel zu hauchen.

Die Eulen unter uns hieven sich weiterhin nur bei voller Blase früh aus dem Bett. Sie wissen: Ein guter Morgen ist auch, wenn man es in 20 Minuten vom Bett Richtung Büro schafft.

Erstellt: 22.10.2019, 20:24 Uhr

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