Um die halbe Pension gebracht

Anna B. hat aus Gutgläubigkeit 140'000 Franken verloren. Noch schwerer als der Verlust wiegt die Scham, dass sie sich hat täuschen lassen von dem Mann, der vorgab, sie zu lieben.

Anna B. ist fest entschlossen, weitere Opfer zu verhindern. Foto: Esther Michel

Anna B. ist fest entschlossen, weitere Opfer zu verhindern. Foto: Esther Michel

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Es war im September 2018, als Anna B.* verstand, dass sie ihr Geld nie wiedersehen würde. Draussen schien die Sonne, es war ein warmer Tag. Drinnen, am Küchentisch, kroch die Scham in ihr hoch. Der Mann, mit dem sie drei Jahre lang liiert gewesen war, hatte sie betrogen. Um 140'000 Franken. Das entspricht der Hälfte ihres Alterskapitals, das sie sich mit 59 hatte auszahlen lassen.

«Ich war auf einmal eine jener Frauen, von denen man in der Zeitung liest und sich fragt, wie sie nicht merken konnten, dass sie ausgenützt werden», sagt Anna B. und sitzt jetzt, etwas mehr als ein Jahr später, wieder an ihrem Küchentisch. Sie ist 61, seit über 20 Jahren geschieden, Mutter dreier erwachsener Söhne, Pflegefachfrau. Sie hatte in einem Spital als Nachtwache gearbeitet, 12 Jahre lang, während ihrer Schicht sah sie viele Menschen sterben.

Er nutzte ihre Loyalität und ihre Grossherzigkeit aus

«Ich staunte immer wieder», sagt sie, «wie ein Körper zuerst ganz weich und dann sehr schnell hart wird.» Sie richtete die Verstorbenen her, kümmerte sich um die Angehörigen: «Ich kann nicht anders als helfen. Mein Beruf ist mir in Fleisch und Blut übergegangen.» Dass R. R.* genau das ausgenutzt hat, dass er ihre Loyalität und ihre Grossherzigkeit missbrauchte, ja, dass er sie just deswegen ausgesucht hat, lässt ihr bis heute keine Ruhe.

Vor ihr liegt das Tagebuch, in dem sie sich alles von der Seele geschrieben hat, viele Seiten in ihrer runden, regelmässigen Schrift. Um Distanz zu gewinnen, verwendete sie nicht die Ichform, sondern nannte sich Anna, deshalb heisst sie hier ebenfalls so.

In Deutschland war R. R. wegen Betrugs verurteilt worden

Neben dem Tagebuch liegen zwei dicke Ordner, darin die ganze Katastrophe reduziert auf A4-Blätter, auf Tabellen, den nüchternen Schriftverkehr mit Behörden, Betreibungsämtern, der Staatsanwaltschaft, der Anwältin. Nicht nur Anna B. schuldet ihr Ex-Partner sehr viel Geld. Er steht auch beim Bund, mehreren Kantonen, Gemeinden, Spitälern, Krankenkassen, Versicherungen, Handwerkern und dem Strassenverkehrsamt in der Kreide. Mit einer Gesamtsumme von nochmals über 100'000 Franken.

In einem der beiden Ordner befinden sich Kopien von Prozessunterlagen aus Deutschland. Aus ihnen geht hervor, dass R. R. 2015 in sieben Fällen wegen Betrugs zu einer Gefängnisstrafe von 18 Monaten verurteilt worden war. Das deutsche Gericht hatte ihn einen «typischen Hochstapler» genannt. «Auf so einen bin ich reingefallen», sagt Anna B., und schüttelt den Kopf, noch immer fassungslos.

«Ein so perfides Vorgehen übersteigt mein Vorstellungsvermögen.»Anna B.

Alles wäre nicht passiert, wenn ihr nicht mit zunehmendem Alter die Nachtschicht Mühe bereitet hätte; sie fand keine Ruhe mehr, wenn es draussen hell war. 2014 musste sie den Job im Spital aufgeben. Zur finanziellen Überbrückung wollte sie die obere Etage ihres Hauses vermieten und selbst nur noch das Parterre nutzen; wenn sie bescheiden leben würde, gäbe ihr das ein wenig Luft, um zu überlegen, wie sie ihren Lebensunterhalt noch bestreiten wollte bis 65. Auf Rosen gebettet ist sie nicht.

Sie glaubte ihm, auch als er ihr seine Liebe gestand

Auf ihr Inserat meldete sich: R. R., 65. Charmant, kommunikativ, weltläufig. Pensionierter Arzt und Chemiker, wie er erklärte, der sich nach seiner Scheidung verkleinern und viel reisen wolle.

Das alte, mit Efeu umrankte Haus im kleinen Weiler gefiel ihm, noch während der Besichtigung wurden sie handelseinig.

Einen Betreibungsauszug verlangte Anna B. nicht. Man wohnte unter einem Dach, da musste eine gewisse Sympathie vorhanden sein, und ohne Vertrauen ging es erst recht nicht. Sie setzte aber einen Vertrag auf. Er unterschrieb, ohne ihn gelesen zu haben, das fiel ihr auf. Dann verschwand er.

Die erste Miete bezahlte er nicht. Das Depot auch nicht. Sie fragte nach. Er behauptete, schwer krank zu sein, längere Zeit im Spital verbracht zu haben, sobald sich sein Zustand bessere, überweise er den ausstehenden Betrag. Anna B. entschuldigte sich. Einen Mann, der gerade dem Tod von der Schippe gesprungen war, bedrängt man nicht wegen Geld.

Er gesteht ihr seine Liebe

Anfang 2015 zog er ein, mit Sack und Pack. Das Bad befand sich auf seinem Stock, sie mussten es sich teilen, es störte Anna B. nicht. Sie mochte Menschen. Sie kam zurecht mit störrischen und verwirrten Alten, mit Schizophrenen und mit Depressiven. Sie nahm sie alle, wie sie waren. Auch R. R. Der redete viel und gerne, seine Geschichten waren immer blumig und dramatisch, oft war ihm angeblich übel mitgespielt worden, insbesondere von seinen vier Ex-Frauen, die nur auf sein Geld aus gewesen seien. Aber er war auch unterhaltsam, er mochte die Natur, auf den Spaziergängen, die sie häufig gemeinsam unternahmen, fotografierte er Pflanzen.

Mit der Miete war er Monate später immer noch in Verzug. Er sei bald flüssig, erklärte er und zeigte ihr Fotos von Häusern in Frankreich, die er geerbt habe und zu verkaufen gedenke. Sie glaubte ihm. Wie sie ihm auch glaubte, als er ihr seine Liebe gestand. Sie war etwas überrascht, fühlte sich aber geschmeichelt. Ihr Interesse für klassische Musik verband sie, und Anna B. fand, dass es schön wäre, jemanden an ihrer Seite zu wissen – dank der eigenen Wohnungen würden sie sich dennoch nicht einengen.

«Das wars», sagt sie,«ab diesem Moment hatte er mich im Griff. Er wusste, dass ich mich nun definitiv verpflichtet fühlen würde, ihn finanziell zu unterstützen.» Und so war es auch. Sie sprach mit niemandem darüber, dass er chronisch klamm war, sie ihm Geld lieh. Er war ihr Partner, da hält man zusammen und unterstützt sich.

Im Nachhinein ist sie oft gefragt worden, weshalb sie ihm um Himmels willen immer wieder Darlehen gewährt habe, wenn er doch fast seit Anfang die Miete schuldig geblieben war. «Er konnte mich lesen wie ein Buch», sagt sie, «ich ihn aber nicht. Er hatte einen Plan, von dem ich keine Ahnung hatte, von dem ich nicht einmal ahnte, dass man ihn haben könnte, weil so ein perfides Vorgehen mein Vorstellungsvermögen übersteigt. Er manipulierte mich nach allen Regeln der Kunst.»

Die Trennung machte ihr Angst, weil sie um das Geld fürchtete

Er hatte immer eine Antwort bereit, er war gewohnt zu fabulieren und sich herauszuwinden, verstand es, die Wogen zu glätten, im richtigen Moment Reue zu zeigen und ein romantisches Picknick vorzuschlagen. Und natürlich war da immer wieder seine angeblich schwere Krankheit. Sie hatte Mitleid, half, wo sie konnte. Hakte sie angesichts einer besonders abenteuerlichen Ausrede einmal nach, fragte er: «Aber das habe ich dir doch erzählt, weisst du nicht mehr? Wirst du langsam vergesslich?» Und sie zweifelte an ihrem Gedächtnis. «Er machte mich irr und wirr im Kopf», sagt Anna B. «Mami», sagten auch ihre Söhne, «da ist doch was komisch, mit ihm und mit dir langsam auch.»

Sie wurde krank. Bekam Schwindelanfälle, so heftig, dass sie manchmal mehrere Tage nicht mehr aufstehen konnte. Alles drehte sich. Er war nie da, um sich um sie zu kümmern; wenn sie sich darüber beklagte, tat er so, wie wenn er nicht wüsste, wovon sie sprach. «Du hast eine verzerrte Wahrnehmung», sagte er. Oder: «Du klammerst.» Manchmal wurde er laut und ausfällig, er hatte etwas Cholerisches. Er tat ihr nicht gut. Aber sie fürchtete sich davor, die Beziehung zu beenden, dachte, dass ihr Geld dann für immer verloren sei. «Was für eine komische Überlegung, nicht?», fragt sie und fährt sich durch die grauen, kurzen Haare.

Die Staatsanwaltschaft liess Anna B. auflaufen

Im April 2018 beliefen sich seine Mietschulden bei ihr auf genau 46'200 Franken, jene aus Darl­ehen und Vorschüssen auf 89275Franken. Anna B. wusste das so präzise, weil sie aller Verwirrtheit zum Trotz sämtliche Ausgaben fein säuberlich in einem Kassenbuch festgehalten und ihn jeweils hatte unterschreiben lassen. Die Situation erschien ausweglos. Um einen klaren Kopf zu bekommen, fastete sie. Das tat sie seit Jahren, es half ihr dabei, Abstand zu gewinnen, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen. Es funktionierte auch dieses Mal: Sie erschrak über die Schadensbilanz ihrer Beziehung, musste da sofort raus. Sie trennte sich. Kündigte ihm die Wohnung. Er hielt zunächst beides für einen Witz. Im Juli zog er aus, endlich.

Erst danach, also viel zu spät, forderte sie seinen Betreibungsauszug an. Als sie sah, dass sich dieser auf vier Seiten erstreckte und eine fünfstellige Gesamtsumme ergab, musste sie gegen Übelkeit ankämpfen. Sie rief R. R. an. Zum ersten Mal hatte er keine blumige Geschichte parat, sondern schwieg.

Er war zwar aus ihrem Leben verschwunden, aber sie war schwer verwundet zurückgeblieben. Das verlorene Geld schmerzte, die Demütigung noch mehr. Trotzdem stellte sie weitere Nachforschungen an. Kam in Kontakt mit zwei Frauen, die ebenfalls mit R. R. liiert gewesen und von ihm um viel Geld betrogen worden waren. Die Geschichten, die er den beiden erzählt hatte, kamen ihr bekannt vor: Mal hatte er vorgegeben, Pathologe zu sein, dann wieder Restaurantbesitzer. Immer war er schwer krank oder gerade von einer schweren Krankheit genesen, mal war es Knochenkrebs, mal Prostatakrebs. Und immer war er kurz davor gewesen, zu sehr viel Geld zu kommen.

Sie fand heraus, dass er nicht nur in Deutschland, sondern bereits früher auch in der Schweiz verurteilt worden war, mehrfach, wegen Betrugs, Urkundenfälschung, Titelanmassung, Zuwiderhandlung gegen das Waffengesetz. «So jemanden habe ich in meine Nähe gelassen, in mein Haus!» – Anna B. zweifelte an allem. An ihrem Urteilsvermögen. An ihrer Menschenkenntnis. An ihrer Intelligenz.

Aber R. R. hatte sie unterschätzt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Bedürfnis, anderen zu helfen, sich gegen ihn richten könnte – indem sie fest entschlossen war, weitere Opfer zu verhindern. «Er hat sein Leben lang gelogen, andere betrogen und ihnen geschadet, so einer muss doch gestoppt werden, bevor er noch mehr Unheil anrichtet.» Sie schluckte ihren Stolz hinunter und erstattete im November 2018 Anzeige. Doch die Staatsanwaltschaft beschied ihr, ausgeführt auf zweieinhalb Seiten, dass keine Untersuchung eröffnet werde, weil sie, Anna B., «fahrlässig» gehandelt habe und «die Opfermitverantwortung derart schwer wiege». Es war, wie wenn man sie ins Gesicht geschlagen hätte.

Wie er sich heute finanziert, ist unklar

Sie konnte das nicht hinnehmen, es ging einfach nicht. Es widersprach allem, woran sie glaubte, wonach sie stets gelebt hatte. Sie nahm sich eine Anwältin. Re­kurrierte gegen die Nichtanhand­nahmeverfügung, legte das 32 Seiten lange Urteil aus Deutschland bei, um zu zeigen: «Ich war keine dumme, liebesblinde Frau, das hatte System.» Und auf einmal kam Bewegung in den Fall: Vor ein paar Wochen, fast ein Jahr, nachdem man sie abgekanzelt hatte, wurde Anna B. zur Einvernahme vorgeladen und bei R. R. eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Seither wartet sie. Man sagte ihr, die Ermittlungen würden laufen.

Sie weiss, wo er heute wohnt. Aber nicht, wie er seine Bleibe finanziert, wovon er lebt. Anna B. vermutet, dass er wieder irgend­jemandem die Geschichte von einer schweren Krankheit und Häusern in Frankreich auftischt.

* Namen geändert



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Erstellt: 15.12.2019, 07:40 Uhr

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