Und was, wenn man sich von der Büroliebe trennt?

Viele haben ihre Liebe am Arbeitsplatz gefunden. Doch was, wenn es kriselt? Oder der eine über den Job des anderen entscheiden muss?

Man sieht sich oft und teilt die selben Interessen – kein Wunder, dass jeder Vierte schon mal einen Partner am Arbeitsplatz kennengelernt hat. Foto: Getty Images

Man sieht sich oft und teilt die selben Interessen – kein Wunder, dass jeder Vierte schon mal einen Partner am Arbeitsplatz kennengelernt hat. Foto: Getty Images

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Simone Kasberg war neu in ihrem Job bei einem grossen Discounter. Jochen Stargardt sollte sie einarbeiten. «Wir hatten ein sehr gutes, kollegial-freundschaftliches Verhältnis», sagt er. Auch nach der Einarbeitungsphase habe sich die neue Kollegin «überdurchschnittlich häufig» gemeldet. Die beiden Verkaufsleiter telefonierten mehrmals am Tag, halfen sich als Urlaubsvertretung aus. Ein Dreivierteljahr später waren sie ein Paar. Heute heissen sie beide Stargardt.

Man verbringt so viel Zeit mit den Arbeitskollegen. Man kennt ihren Humor und ihre Marotten. Weiss, wie sie sich verhalten, wenn sie gestresst oder genervt sind, und oft auch, was sie gerne essen oder welchen Hobbys sie nachgehen. Da kann es schon mal passieren, dass einem der Tischnachbar oder die Chefin besser gefällt.

Aber sollte man dem Gefühl auch nachgeben? «Wenn es Aussicht auf Erfolg hat und es nicht gerade der frisch verheiratete Vater mit Zwillingen ist, in den man sich da verliebt hat – warum nicht», sagt Diplom-Psychologin Christine Backhaus. Schliesslich lerne man über einen längeren Zeitraum «einen grossen Ausschnitt der Persönlichkeit eines Kollegen» kennen.

Bei Blind Dates muss alles innerhalb eines Treffens geschehen, bei der Arbeit geht man einfach mal zusammen Mittagessen oder einen Kaffee trinken. «Im Rahmen des Netzwerkens ist das ja sowieso up to date», sagt Backhaus, «da kann man sich ein bisschen vortasten.» Merkt man jedoch, dass der andere absolut kein Interesse hat, sollte man lieber schnell ablassen, rät sie.

Aufpassen, dass man sich nicht isoliert

Bei vielen klappt's allerdings: Knapp jeder Vierte hat schon mal einen Partner am Arbeitsplatz kennengelernt. Die Vorteile einer Büroliebe liegen auf der Hand: Man sieht sich öfter, teilt dieselben Interessen, weiss über die Arbeit des anderen Bescheid. «Und ganz pragmatisch: Man kann gemeinsam zur Arbeit pendeln und ist auf Geschäftsreise nicht mehr alleine im Hotel», sagt Backhaus.

Man müsse aber darauf achten, dass man privat nicht nur über die Arbeit spricht und im Büro wiederum nicht zu eng zusammenarbeitet und ständig flirtet. «Man muss aufpassen, dass man die Kollegen nicht vergisst und sich isoliert.»

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama hat seine spätere Frau Michelle bei einem Praktikum in einer Anwaltskanzlei kennengelernt. Dass man als Paar im Job gemeinsam erfolgreich sein kann, zeigen nicht nur die Ökonomen Esther Duflo und Abhijit Banerjee, die kürzlich zusammen den Wirtschaftsnobelpreis gewonnen haben, sondern auch zahlreiche Familienunternehmen, in denen Ehepartner gleichzeitig Kollegen sind.

«Es ist schön, einen Partner auf Augenhöhe zu haben, mit dem man sich austauschen und gegenseitig unterstützen kann.»Simone Stargardt, Selbständige Unternehmerin

Simone und Jochen Stargardt haben sich vor zwölf Jahren gemeinsam selbständig gemacht und leiten heute zusammen eine Weiterbildungsakademie und ein Coachingunternehmen. «Wir ergänzen uns in unseren Arbeitsstilen sehr gut, und es ist schön, einen Partner auf Augenhöhe zu haben, mit dem man sich austauschen und gegenseitig unterstützen kann», sagt Simone Stargardt, 40.

Die beiden vermarkten sich sogar offensiv als «Unternehmerehepaar». Ihre Website ist mit «die Stargardts» überschrieben und zeigt die Partner Arm in Arm mit erhobenen Daumen. «Das weckt auf jeden Fall Interesse bei den Kunden», sagt Jochen Stargardt, 43.


Haben sich bei der Arbeit kennengelernt und leiten nun gemeinsam zwei Unternehmen: Simone und Jochen Stargardt. Foto: Carola Lenski

Und was wäre, wenn sie sich trennen? «Das wäre dann schwierig», sagt er. Simone Stargardt sieht das nicht ganz so kritisch. «Wenn es mal private Probleme gibt, haben wir es bisher immer geschafft, dass unsere Arbeit dadurch nicht beeinträchtigt wurde.» Zudem seien die Rollen klar verteilt: Er ist für die Firmenkunden zuständig, sie für die Privatkunden.

Doch gerade in grösseren Unternehmen kann ein Team, eine Abteilung oder sogar die ganze Firma darunter leiden, wenn eine Bürobeziehung in die Brüche geht. Um Sexismusvorwürfen vorzubeugen, haben einige amerikanische Konzerne Liebesregeln in ihre Firmenkodizes aufgenommen. In den meisten Fällen bedeuten diese: geht nicht.

Das hat vor Kurzem auch ein Fall bei McDonald's gezeigt: Der Chef Steve Easterbrook musste gehen, weil er eine Beziehung mit einer Mitarbeiterin führte, die ihm unterstellt war. Ähnlich erging es Darren Huston 2016, der die Reiseportale Booking und Priceline leitete und entlassen wurde. Und das, obwohl die Angestellte, mit der er ein Verhältnis gehabt haben soll, ihm nicht direkt unterstellt war. Intel-Chef Brian Krzanich ist 2018 wegen einer Büroliebelei zurückgetreten, obwohl das Verhältnis schon beendet war.

Firmen mischen sich in die Liebe ein

Dass in Europa andere Regeln gelten, hat die US-Einzelhandelskette Walmart gemerkt, als sie ihre Ethikrichtline, die Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern am Arbeitsplatz untersagte, auch in Deutschland anwenden wollte. Ein Gericht in Düsseldorf erklärte dies für unzulässig. «Jedermann hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit», sagt die Rechtsanwältin Marion Leising. «Hierunter fällt auch, dass man eine Liebesbeziehung zu einem Kollegen oder einer Kollegin haben darf», sagt Leising.

Firmen dürften ihren Mitarbeitern also nicht kündigen wegen einer Romanze. Auch in der Schweiz sind Beziehungsverbote nicht zulässig.

Dennoch versuchen manche Firmen, das Thema zu regulieren. Bei BMW etwa wird einer der beiden Partner in eine andere Abteilung versetzt, wenn es zu Beziehungen zwischen Mitarbeitern und ihren Vorgesetzten kommt. «Ebenso wird versucht, eine zu enge Zusammenarbeit von Paaren, aber auch Eltern und Kindern in Projekten zu vermeiden – um Interessenskonflikten vorzubeugen», sagt eine Sprecherin.

Jeder Arbeitnehmer ist schon mal nicht zur Arbeit gegangen wegen Liebeskummer oder Streit mit dem Partner.

Die Allianz geht noch einen Schritt weiter: «Interessenskonflikte sind ein Verstoss gegen den Verhaltenskodex der Allianz», sagt eine Sprecherin des Versicherers. Der Konzern verbiete persönliche Beziehungen am Arbeitsplatz nicht, verlange aber eine aktive Offenlegung, falls sie zu potenziellen Interessenskonflikten führen können – beispielsweise, wenn es sich um eine Beziehung zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten handelt.

«Ob dies einer gerichtlichen Nachprüfung standhält, wage ich zu bezweifeln», sagt Rechtsanwältin Leising. Denn es gäbe kein Gesetz, das vorschreibt, Beziehungen offenzulegen. Es komme aber auf den Einzelfall an. «Ein Gericht wird eine Interessenabwägung zwischen den möglichen negativen betrieblichen Auswirkungen im betroffenen Unternehmen und dem Schutz auf freie Entfaltung der Persönlichkeit des Arbeitnehmers vornehmen.»

Negative Folgen für die Firma kann es schon haben, wenn es in der Beziehung kriselt: Jeder Arbeitnehmer ist schon mal nicht zur Arbeit gegangen wegen Liebeskummer oder Streit mit dem Partner – Männer übrigens ebenso wie Frauen. Und wenn der Partner im Büro sitzt, dürfte die Wahrscheinlichkeit noch geringer sein, bei Beziehungskrach zur Arbeit zu erscheinen.

Erstellt: 12.12.2019, 14:19 Uhr

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