Ungleichheit schadet

Thomas Piketty hat seine These belegt, dass die Welt ungleicher wird. Das zu ändern, ist schwierig.

Krasse Gegensätze: Sao Paulos grösste Favela, Morumbi, grenzt direkt ans reichste Viertel der Stadt. Bild: Keystone

Krasse Gegensätze: Sao Paulos grösste Favela, Morumbi, grenzt direkt ans reichste Viertel der Stadt. Bild: Keystone

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Als «Hohepriester der Linken» schmäht die NZZ Thomas Piketty, den französischen Ökonomen, der 2013 eine globale Diskussion über wirtschaftliche Ungleichheit entfachte.

Man könnte Piketty umgekehrt den «Albtraum der Rechten» nennen. Ihm ist es gelungen, eine alte linke Warnung mit Zahlen zu belegen: dass der Kapitalismus Ungleichheit fördert. Dadurch hat er die Verteilung des Reichtums zu einem Thema gemacht, das sich nicht mit dem Neidvorwurf wegwischen lässt.

Piketty wurde vorgehalten, mit teils ungenügenden Zahlen gearbeitet zu haben. Nun haben er und mehrere Forscherkollegen eine neue Studie veröffentlicht, die sie auf die Grundlage von zusätzlichen Quellen erstellten. Das Resultat bestätigt Pikettys These: Seit 1980 hat die Ungleichheit auf der ganzen Welt zugenommen.

Dabei gibt es Unterschiede. Im relativ egalitären Westeuropa besitzen die obersten 10 Prozent 37 Prozent des Gesamteinkommens. Im Nahen Osten sind es 61 Prozent. Am weitesten öffnet sich die Kluft zwischen Arm und Reich in Russland und den USA. Dort hat sich seit 1980 der Anteil, den das reichste eine Prozent am Gesamtvermögen besitzt, beinahe verdoppelt. Die ärmere Hälfte der Gesellschaft hat dagegen fast die Hälfte ihres Anteils von 1980 eingebüsst.

Wenn die Entwicklung so weitergeht, sagt Piketty voraus, werde im Jahr 2050 das reichste Tausendstel der Weltbevölkerung so viel besitzen wie die globale Mittelschicht zusammen, diese macht etwa 40 Prozent aller Menschen aus.

Der Grund dafür: Einkünfte aus Kapital, zum Beispiel Aktiengewinne, wachsen stärker als die Löhne. Wohlhabende haben auch mehr Zeit und mehr Wissen, um ihre Anlagen zu pflegen. Grosse Vermögen vergrössern sich also schneller, die richtig Reichen hängen alle anderen ab.

Wie gut grosse Vermögen prosperieren, lässt sich in der Schweiz beobachten. Laut «Bilanz» sind die 300 reichsten Schweizer im letzten Jahr um 60 Milliarden Franken reicher geworden. Zum Vergleich: Die Gesamtlohnsumme aller Schweizerinnen und Schweizer hat sich im gleichen Jahr um gerade mal 5,1 Milliarden Franken erhöht. Mit Lohnarbeit allein schafft man es also unmöglich an die Spitze.

Alles nicht schlimm, sagen libertäre Denker. In der Ungleichheit sehen sie kein Problem, solange auch die Armen ein wenig reicher werden, wie das derzeit fast überall geschieht. In diesem Fall könne es uns egal sein, dass die Reichen ihr Vermögen noch effizienter mehrten.

Ein «wissenschaftlich erwiesenes Idealmass an Ungleichheit» gebe es nicht, schreibt auch Thomas Piketty. Doch vieles weist darauf hin, dass Ungleichheit schadet, der Wirtschaft und den Menschen – egal, ob die Armen ein bisschen mitprofitieren. Die Ballung des Geldes bei wenigen, das sagen auch nicht-linke Ökonomen, dämpfe die Nachfrage, weil Reiche einen kleineren Teil ihres Geldes wieder in den Umlauf bringen. Wenn sich Menschen unterbezahlt fühlen, schrumpft zusätzlich ihre Motivation, sie arbeiten schlechter.

Ungleichheit verstärkt zudem gesellschaftliche Spannungen und macht unzufrieden. In Glücksrankings liegen Länder, in denen tiefe Ungleichheit herrscht, immer zuvorderst.

Mehr Steuern für mehr Bildung

Unbestritten ist: Ohne staatliche Eingriffe vertieft sich die Kluft. Das zeigt etwa die Gegenüber­stellung von Westeuropa und den USA, wo die Ungleichheit seit den 80er-Jahren viel rascher gewachsen ist. Das hat laut Piketty zwei Gründe: das US-Bildungssystem, das vor allem Menschen mit Geld offensteht, und ein Steuerrecht, welches die Reichen im Vergleich zu Europa schont.

Um die Welt künftig etwas ausgewogener zu machen, schlägt Piketty ein globales Finanz­register vor. Dort wären alle, die Vermögen haben, eingetragen. Das soll Steuerflucht und Geldwäscherei erschweren. Piketty fordert auch deutlich progressivere Steuern. Das so eingenommene Geld müssten Staaten in die Bildung investieren.

Weiter geht der britische Ökonom Anthony Atkinson, der sich schon lange mit dem Thema befasst: Die Gesellschaft müsse neue Technologien daraufhin prüfen, ob sie den Ärmeren schadeten. Für zentral hält Atkinson eine Reform des Erbrechts, weil viele grosse Vermögen auf Erbschaften beruhen. Um ausgeglichenere Startbedingungen herzustellen, fordert Atkinson hohe Abgaben auf Schenkungen und Erbschaften. Aus diesen Einnahmen sollen alle 18-Jährigen eine Art Mini-Erbschaft erhalten. Auch ein bescheidenes Grundeinkommen befürwortet er.

Solche Ideen haben es schwer, daran sind nicht nur die Reichen schuld. Die Schweiz, ein Land mit stark ungleicher Vermögensverteilung, hat eine bescheidene Erbschaftssteuer an der Urne abgelehnt, 71 Prozent sagten Nein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2017, 19:11 Uhr

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