Unser aller Harvey

Hollywood-Mogul Harvey Weinstein hat während Jahren unzählige Frauen sexuell belästigt. Nimmt man den Glamour weg, ist die Geschichte so billig wie immer.

Ein Mann, der nicht sehr viel von Frauen hält. Eigentlich gar nichts. Foto: Getty Images

Ein Mann, der nicht sehr viel von Frauen hält. Eigentlich gar nichts. Foto: Getty Images

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Vielleicht würde er «Der Fall» heissen. Oder «Der Unberührbare». Es wäre jedenfalls der wohl lausigste Film, den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein je produziert hat: derjenige mit ihm in der Hauptrolle. Das Drehbuch kommt daher wie aus der Retorte, mit einem Plot, der so uralt ist, dass man die Geschehnisse auswendig vorhersagen kann: Ein Mann belästigt Frauen, bekanntermassen. Er hat Macht und Geld. Die Frauen nicht. Sie schweigen. Alle anderen auch. Bis die Bombe platzt. Und am Ende, als die Hauptfigur fällt, geben sich alle ganz betroffen und gratulieren den Opfern zu ihrem Mut und fordern Solidarität und dass sich etwas ändern müsse.

Damit das nicht ganz so langweilig ist, verlegt man die Handlung nach Hollywood, zu den Reichen und Schönen. Das Setting hat also Glamour, eindeutig, und die Liste der betroffenen Frauen genauso: ­Angelina Jolie, Heather Graham, ­Rosanna Arquette, Mira Sorvino, Ashley Judd, Cara Delevingne, Gwyneth Paltrow, Léa Seydoux. Bloss ­ändert das nichts daran, dass die ­Geschichte so billig ist, wie wenn sie irgendwo, sagen wir in der Ostschweizer Gartenbaubranche, spielen würde.

Denn die Geschichte von Harvey Weinstein, einem der einflussreichsten und gefeiertsten Hollywood-Produzenten, ist die Geschichte eines Mannes, den es überall gibt. Der Protagonist ist ein Mann, der nicht sehr viel von Frauen hält. Eigentlich gar nichts. Das würde er nie so sagen, so dumm ist heute kaum mehr einer, aber denken tut er es. Und deshalb findet er, Frauen hätten ihm gefügig zu sein, wegen seines Geldes, seiner Macht und vor allem ganz einfach deswegen, weil er ein Mann ist.

Aussagen der Opfer werden noch immer angezweifelt

Daran ist nichts neu und nichts schockierend. Jede Frau hat irgendwann mit dieser Form der für ihr Geschlecht reservierten Verachtung zu tun und damit auch mit ihrem persönlichen Weinstein; bloss bucht der für seine Übergriffe keine Suite in einem Luxus­hotel, es ist alles ein paar Nummern kleiner. Aber die Hässlichkeit der Tat bleibt dieselbe und die Haltung, die dahintersteckt, auch. «Schmierig» oder «klebrig» nennen Frauen untereinander Vertreter dieser Gattung, und jede versteht sofort. Es geht daher nicht um Abgründe in Hollywood, es ist umgekehrt: Hollywood ist der Spiegel dessen, wie es um das Verhältnis von Frauen und Männern steht.

Nach den ersten Anschuldigungen und den ersten aufgeregten Berichten gehts dann verlässlich weiter im Drehbuch: mit den ersten misstrauischen Fragen. Wieso reden die belästigten Frauen erst jetzt, Jahre später? Ist das nicht verdächtig? Beziehungsweise: unglaubwürdig? Sie ist immer noch sehr populär, die Masche mit dem Anzweifeln der Opfer. Männer heulen, sie könnten sich heutzutage ja nicht mehr allein mit einer Frau in einem Raum aufhalten, ohne mit einem Bein im Gefängnis zu stehen. Sie unterstellen den Frauen damit nicht nur Hysterie, sondern auch kriminelle Absichten. Das Opfer-Täter-Ding wird auf den Kopf gestellt.

Aber wenn Frauen Opfer von sexueller Gewalt werden, sind sie nie einfach Opfer. Sie sind Ja-aber-Opfer. Man findet es schon schlimm, ja, aber: Ist die nicht blöd, sich allein mit dem zu treffen? Oder: Hat die das nicht provoziert? Trägt die nicht immer kurze Röcke und tiefe Ausschnitte? Im Fall Weinstein übernahm diese Rolle US-Designerin Donna Karan, die mit Mode für Karrierefrauen Karriere gemacht hat. Frauen, befand sie, müssten sich schon überlegen, was sie mit ihrer oft so aufreizenden Aufmachung aussagen würden. «What are they asking for?», fragte sie und gab die Antwort gleich selbst: «Trouble.» Was nichts anders hiess als: Die sind selbst schuld.

Die mangelnde weibliche Solida­rität ist verheerend, aber verbreitet. Dahinter steckt die irrige Überlegung, dass Übergriffe verhindert werden können, wenn man sich denn nur richtig ver­halte, dass es die Frauen selbst in der Hand hätten, ob ihnen «so was» passiert oder eben nicht. Und natürlich schwingt da mit: Einer anständigen Frau passiert das nicht. Auch das: nichts Neues.

Diese Männer gehören eben zu den Guten, da fällt Wegschauen leichter

Frauen sind auch deswegen Ja-aber-Opfer, weil es sehr darauf ankommt, wer die sexuelle Gewalt ausübt. Täter ist nicht gleich Täter. Weinstein gehörte zu den Guten. Er machte nicht nur wegweisende Filme. Er war auch Demokrat. Er verkehrte mit den Clintons. Er unterstützte Abtreibungskliniken. Er entsprach eben gerade nicht dem Klischee des Chauvinisten, wie das Donald Trump fast schon karikaturesk tut. Just das machte aber die Beisshemmung noch grösser und untergrub die Glaubwürdigkeit der Opfer zusätzlich.

Dieselbe Relativierung liess sich bei Roman Polanski beobachten, dessen Vergewaltigung einer 13-Jährigen ihm nie so richtig übelgenommen wurde. Oder bei Casey Affleck. Der Bruder von Ben Affleck wurde 2016 von einer Produzentin und einer Kamerafrau wegen sexueller Belästigung angeklagt. Man einigte sich aussergerichtlich, es floss Geld. Die Medien berichteten kaum darüber, Fragen stellten sie schon gar nicht, lieber schrieben sie Hymnen auf ihn, der zu lange im Schatten seines Bruders gestanden habe. Auch Affleck gehört zu den Guten, er schimpfte auf Donald Trump und unterstützte Hillary Clinton, wie sich das in der Branche gehört. Gänzlich unbefleckt von den Vorwürfen bekam er Anfang Jahr den Oscar für seine Rolle in «Manchester by the Sea».

Wie relativ Verbrechen an Frauen bewertet werden, wurde nie so deutlich wie bei den Massenübergriffen in der Silvesternacht in Köln 2015. Auch da gehörten die Täter zu den Guten: Sie waren Migranten oder Flüchtlinge, und auf einmal war die Sachlage nicht mehr ganz so eindeutig. «Ja, aber» bekamen jene zu hören, die mitten in Deutschland zum Freiwild geworden waren, wir wollen jetzt doch bitte nicht rassistisch werden.

Genauso klang es, nachdem unlängst die neuste Kriminalitätsstatistik in Deutschland veröffentlicht wurde, die, wie die «Süddeutsche Zeitung» schrieb, eine «verstörende» Zunahme von sexuellen Übergriffen durch Migranten nachwies. Das mochte kaum jemand so richtig und so richtig laut verurteilen. Vergewaltigungsopfer sind offenbar eine Art Kollateralschaden, wenn es um eine höhere Sache wie die Flüchtlingspolitik geht.

Das Drehbuch ist absehbar, es gibt ein Happy End

Und genau deshalb, weil Frauen aus bitterer Erfahrung wissen, dass man ihnen entweder nicht glaubt oder eine Mitschuld anlastet, dass man ihnen niedere Motive unterstellt oder Verständnis für den Täter abverlangt , weil meist Aussage gegen Aussage steht, es um Macht geht und sie am kürzeren Hebel sitzen, genau deshalb schweigen sie.

Video: Stars belasten Harvey Weinstein

Auch darin unterscheiden sich die bestbezahlten Schauspielerinnen Hollywoods nicht von all den anderen Frauen hier und überall sonst auf der Welt, die nach einem Übergriff kaum je Anzeige erstatten. Sie haben einfach verstanden, wie die Welt nun mal funktioniert. Dass man den Betroffenen jetzt auch noch Scheinheiligkeit vorwirft, weil sie sich anderswo gegen sexuelle Gewalt engagiert haben, passt. Ihre männlichen Kollegen nahm deswegen kaum jemand in die Pflicht.

Weil das Drehbuch absehbar ist, gibt es dann ein Happy End. Harvey Weinstein ist von seiner eigenen Firma ­entlassen worden. Und es heisst, die ersten Geldgeber würden bereits abspringen. Aber weil die Weinsteins ja eben zahlreich sind, geht es nicht um moralische Beweggründe. Es heisst, die Männer mit dem Geld befürchteten, ohne den Mann mit dem sensatio­nellen Riecher für grandiose Filme würde sich ihr Investment fortan nicht mehr auszahlen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.10.2017, 08:10 Uhr

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