Unsere Internatskinder

Unsere Autorin und ihr Mann haben ihren Nachwuchs ins Internat geschickt. Wie fühlt sich das an?

Weit weg von zu Hause: Schüler eines englischen Internats in Berkshire. Symbolbild: Getty Images

Weit weg von zu Hause: Schüler eines englischen Internats in Berkshire. Symbolbild: Getty Images

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Unsere beiden Kinder sind innerhalb eines halben Jahres in ein Internat gezogen. Fern der Zürcher Heimat im deutschen Allgäu. Kein Heim für Schwererziehbare, so wird ja durchaus mal mit uns gescherzt, sondern eine öffentliche Schule, die auswärtigen Kindern neben dem Unterricht noch Kost, Logis, Sport und allerlei Regeln anbietet, die eingehalten werden müssen.

Rund 6400 Franken kostet uns das. Pro Jahr. Und Kind. Dass unsere Kinder nicht jedes Wochenende heimkommen, hat mit dem Weg zu tun. Und manchmal auch, weil sie mit den Allgäuer Schulfreunden Besseres vorhaben.

Gute Gründe

«Da macht ihr es euch gewaltig einfach, die Jungmannschaft schnell mal auszulagern!», hören wir andere Eltern sagen. Klar gibt es genügend Gründe, seine Kinder auf ein Internat zu schicken. Aber ebenso viele, es nicht zu tun. Wir wählten diesen Weg aufgrund der Leidenschaft unseres Sohnes fürs Skifahren, weil Geld und Talent aber nicht reichten für ein Schweizer Skisportinternat.

Bei der Tochter war weniger der Sport, sondern vor allem das Heimweh nach ihrem Bruder der entscheidende Faktor. Beide Kinder innerhalb von ein paar Monaten aus dem Haus zu haben, hatte uns anfänglich arg geschüttelt. Sie fehlten uns sehr. Mehr vermutlich, als wir ihnen fehlten.

Mein Mann, in vielen Sachen pragmatischer als ich, hat die gute neue Zeit schneller entdeckt als ich. Während ich haderte, ob der Entscheid wirklich richtig war, und mich fragte, was sein würde, wenn die Kinder krank würden und ihnen die Nestwärme fehlte, meinte er, wir sollten den Entscheid der Kinder respektieren. Würden sie sich nicht wohlfühlen, könnten sie ja jederzeit zurückkehren.

Wir sind uns wieder nähergekommen.

Vorerst dürften wir einfach stolz sein, dass sie sich zu diesem Schritt entschlossen haben. Hat er so gesagt, mein Mann, und gleich ein Wochenprogramm zusammengestellt, um die plötzliche Leere zu füllen: Kino, Theater, Restaurant … wir müssen niemandem sagen, wann wir wieder zu Hause sind. Es warten ja keine Teenager auf uns, mit denen wir fixe Essenszeiten einhalten und am Küchentisch Diskussionen führen über Sinn und Unsinn von Matheaufgaben oder Streitereien über fixe Handyzeiten und die Legalisierung von Cannabis.

Wir haben früher als gedacht erfahren, was es heisst, wenn die Kinder flügge werden und das Nest verlassen. Zwar proben wir das Ausfliegen erst in Raten – die Kinder lösen sich ja nicht auf, nur weil sie im Internat sind. An den Wochenenden wie in allen Ferien zieht der hundsnormale Familienfrohsinn bei uns ein. Gleichzeitig mit der räumlichen Distanz zu unseren Kindern hat sich auch die räumliche Distanz zwischen uns Eltern verändert: Wir sind uns wieder nähergekommen.

Eine Lücke zu schliessen

Was nicht heisst, dass wir uns vorher auseinandergelebt hätten. Aber sind nur der Mann und die Frau zu Hause, steht da rein physisch schon kein Dritter mehr im Raum. Wir haben uns daran gewöhnen müssen, uns nur auf uns zu konzentrieren, eigene Bedürfnisse anzumelden. Was willst du, was will ich? Haben dabei neue Seiten an uns entdeckt. Bis jetzt ist alles gut gegangen.

Mittlerweile hat sich auch das Wochenprogramm normalisiert. Wir haben festgestellt, dass Zu-zweit-Sein gar keine Leere erzeugt, sondern die Abende toll und voll sind. Also meistens. Und sonst können wir uns immer noch auf die Kinder freuen.

Irma Aregger (54) ist ausgebildete Buchhändlerin und PR-Fachfrau und arbeitet als freiberufliche Texterin. Sie ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und lebt als Heimweh-Bündnerin in Thalwil ZH.

(Annabelle)

Erstellt: 05.08.2019, 16:32 Uhr

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