Wie eine Schweizer Familie im eigenen Land untertauchte

Zusammen mit ihren Kindern floh Silvia Capaul vor ihrem Ex-Mann in einen anderen Kanton. Zehn Jahre lang blieb sie unauffindbar.

Weil ihr Mann sie bedrohte, entschied Silvia, mit den Kindern unterzutauchen: Eine Familie und ihr Schatten. Foto: Getty Images

Weil ihr Mann sie bedrohte, entschied Silvia, mit den Kindern unterzutauchen: Eine Familie und ihr Schatten. Foto: Getty Images

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Auf der Suche nach einem neuen Familiennamen streifte ich mit meinen Kindern durch das Schweizer Dorf, in das wir geflüchtet waren. Wir lasen uns gegenseitig die Namen vor, die auf den Briefkästen standen. Meine Kinder hatten sich bereits neue Vornamen ausgesucht, jetzt fanden wir auch den passenden Nachnamen. Die Kriterien für die Wahl: Er musste uns gefallen und sollte in unserer neuen Heimat verbreitet sein. Auffallen wollten wir um keinen Preis.

Wir waren auf der Flucht vor meinem Ex-Mann. Ich wollte die Scheidung, er drohte: Ich werde dir etwas Schlimmes antun, etwas, das du nie verkraften kannst. Ich wusste, dass er unsere Kinder entführen würde. ­Aufgrund seines Lebenswandels nahmen die Behörden seine Drohungen ernst, aber einsperren konnte man ihn deswegen nicht. Als mein Ex-Mann im Ausland war, nutzten wir die Gelegenheit: Wir wurden zu Flüchtlingen im eigenen Land.

Die ständige Angst war das Schlimmste.

Am Abend vor der Abreise feierte ich mit meinen Freunden Abschied. Sie wussten von meinem Plan, aber wohin wir fliehen würden, durfte nicht einmal meine Mutter erfahren. Die Kinder waren noch klein und glaubten, dass wir in die Berge fahren. Zu gross war das Risiko, dass sie uns verraten könnten. Die Stadt, in der ich mein ganzes Leben verbracht hatte, verliessen wir im Morgengrauen mit dem Zug. Die Kinder trugen einen Rucksack, ich hatte so viele Taschen bei mir, wie ich tragen konnte. Es sollte alles so aussehen, als ob wir bald wieder zurückkehren würden

Die ersten Monate lebten wir in einem Frauenhaus, später fanden wir eine Wohnung in einem Ort, in dem ich nie zuvor gewesen war. Meine Mutter, die ich jeweils mit unterdrückter Nummer anrief, sagte mir, dass mein Ex-Mann bereits auf der Suche nach uns sei.

Den Kindern schärfte ich ein, dass sie mit niemandem mitgehen dürfen und Fremden ihren richtigen Namen nicht verraten sollten. Beide hatten schon von klein auf ein Handy, damit sie im Notfall die Polizei alarmieren konnten. Die hätte dann sofort die Zufahrtsstrassen zum Dorf gesperrt – das hatten wir so vereinbart.

Die ständige Angst war das Schlimmste. Vom Fenster aus beobachtete ich Autos, die vor dem Haus parkierten. Auf der Strasse schaute ich mich nach verdächtigen Personen um. Gegenüber den Kindern überspielte ich die Furcht, sie sollten glücklich aufwachsen. Denn ein altes Leben, in das wir zurückkehren konnten, gab es nicht. Ich hatte möglichst vielen Leuten im Dorf von unserer Geschichte erzählt, ohne meinen eigentlichen Namen zu verraten. Je mehr Augen schützend auf meine Kinder schauten, desto besser. Bei der Bank, der Swisscom, in der Schule, ja sogar beim Vorstellungsgespräch musste ich unsere Situation erklären. Denn unsere neuen Namen waren nicht rechtskräftig.

Andere träumen von einem Leben in Paris oder New York, ich wollte zehn Jahre lang nur zurück nach Hause.

Wahrscheinlich hielten mich die Leute für hysterisch. Aber spätestens wenn ich die Kopie der Polizeiakte zeigte, vermerkte man auf unseren Dossiers: Keine Auskunft, an niemanden! Ich habe nirgendwo mitgemacht, wo ich mich ­registrieren musste, keine Cumulus-Punkte gesammelt, keinen Wettbewerb ausgefüllt – obwohl ich das Geld hätte gebrauchen können.Irgendwann hat mein Ex-Mann die Kinder über Facebook gefunden. Sie waren damals schon fast erwachsen und begannen sich zuerst ohne mein Wissen mit ihm auszutauschen, denn sie wollten wissen, wer ihr Vater ist.

Was für ein Glück, dass zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Jahre vergangen waren und sich mein Ex-Mann in der Zwischenzeit eine neue Existenz aufgebaut hatte! So konnte ich endlich mit dem Gedanken spielen, mich wieder in die alte Heimat zurückzuwagen.

Andere träumen von einem Leben in Paris oder New York, ich wollte zehn Jahre lang nur zurück nach Hause. Als ich zum ersten Mal wieder durch meine Heimatstadt spazierte, war ich der glücklichste Mensch der Welt. Unsere Decknamen tragen wir noch heute, wir haben uns an sie gewöhnt.

Silvia Capaul (Name geändert), 49

(Annabelle)

Erstellt: 14.02.2018, 11:12 Uhr

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