Unwahrscheinlich, aber wahr

Eine Antwort auf eine Leserfrage zur Existenz parapsychologischer Phänomene.

Stanser «Spukhaus»: Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Phänomene nicht real sind.

Stanser «Spukhaus»: Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Phänomene nicht real sind. Bild: Urs Flüeler/Keystone

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Glauben Sie an parapsychologische Phänomene? Ich eigentlich auch nicht, aber was sagen Sie zu folgendem Erlebnis? An meinem Arbeitsplatz gab es einen Angestellten aus Portugal namens Dos Santos. Er ging aus Krankheitsgründen in seine Heimat zurück. Jahre später sitze ich in einem Café, sehe in der Zeitung ein Bild eines GC-Stürmers namens Dos Santos, dessen Physiognomie sehr stark an meinen Bekannten erinnert. Und genau diesen Mann sehe ich am Nebentisch sitzen. Er sei heute aus Portugal in die Schweiz gekommen, da er einen Arzttermin habe, sagt er mir. H. F.

Lieber Herr F.

Ich weiss nicht, ob ich an parapsychologische Phänomene glaube. Ich selber hatte noch kein derartiges Erlebnis; aber ich will auch nicht grundsätzlich ausschliessen, dass es hin und wieder spukhafte Ereignisse gibt, die sowohl real als auch unerklärlich sind. Ich glaube allerdings, dass sich auf der Existenz solcher Phänomene noch keine revolutionäre neue Weltanschauung errichten lässt. Und wie Sie sagen, ist das von Ihnen geschilderte Erlebnis auch kein parapsychologisches. Sie haben weder mit Ihrer Vorstellungskraft Tische gerückt noch zukünftige Ereignisse vorhergesehen.

Was Ihre Begegnung in die Nähe der Parapsychologie rückt, ist deren extreme Unwahrscheinlichkeit und damit Seltenheit. Dass jemand anruft, an den man gerade gedacht hat, ist zwar auch verblüffend, aber liegt statistisch betrachtet in einem recht normalen Bereich der Wahrscheinlichkeit.

«Dass jemand anruft, an den man gerade gedacht hat, ist zwar auch verblüffend, aber liegt statistisch betrachtet in einem recht normalen Bereich der Wahrscheinlichkeit.»

C. G. Jung und Wolfgang Pauli haben versucht, ein äusserst ungewöhnliches Zusammentreffen von Ereignissen durch eine Art sinnhafter Anziehungskraft zu erklären. In der Biologie bietet Rupert Sheldrake seine Theorie der «morphischen Felder» an, die Informationsübertragungen zwischen Lebewesen erklären sollen. Ich habe keinen Grund, anzunehmen, dass die Phänomene, die dadurch erklärt werden sollen, nicht real sind. Ob die Erklärungen aber nicht vor allem naturwissenschaftlich aufgemotzte Spökenkiekerei sind, kann ich nicht entscheiden.

Artur Koestler hat in seinem Buch «The Roots of Coincidence» süffisant darauf hingewiesen, dass nicht nur die Parapsychologie immer wissenschaftlicher, sondern auch die Physik immer mysteriöser wird. Die Quantenverschränkung, also die Fernwirkung, die subatomare Teilchen sogar zeitlich «rückwirkend» aufeinander ausüben, ist eines ebendieser Mysterien. Braucht nun Ihre «unerklärliche» Begegnung im Café eine quantentheoretische, morphische oder sonstige Erklärung? Man kann von ihr ja nicht einmal behaupten, dass sie Ihnen irgendetwas sagen will. Sie ist einfach unwahrscheinlich, aber wahr.

Erstellt: 21.06.2017, 11:04 Uhr

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