Vagina-Dialog

Was hat man denn nun da unten?

Laura de Weck liest ihre Kolumne.


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Vater und Mutter

Vater: Du?
Mutter: Ja?
Vater: Die Tilda hat mich gefragt, warum sie denn keinen Schniedel habe wie ihr Bruder.
Mutter: Kein Pfiefeli?
Vater: Ja.
Mutter: Und was hast du gesagt?
Vater: Ich habe ihr erklärt, dass sie ein Mädchen ist und dass sie eben etwas anderes hat.
Mutter: Ja sicher.
Vater: Und als sie fragte, was sie denn habe, da wusste ich gar nicht, was sagen.
Mutter: Und dann?
Vater: Dann hab ich irgendwas gesagt, sie habe da eine Scheide, ein Schlitzli, ein Löchli.
Mutter: Schlitzli? Löchli? Du hast unserer Tochter erklärt, sie habe da, wo ihr einen Schwanz habt, gar nichts?
Vater: Na ja, eine Scheide eben.
Mutter: Eine Scheide ist eine Hülse für ein Schwert. Sie hat doch nicht nur die Hülse, sie besitzt doch das ganze Organ.
Vater: Deswegen wollte ich ja mit dir reden, wie wir es nennen sollen?
Vagina? Kindsgerecht Vagi?
Mutter: Die Vagina ist das Gleiche wie die Scheide. Es ist nur die Körperöffnung, aber ohne Schamlippen, ohne Klitoris, ohne . . .
Vater: Klitoris ist wichtig, das seh ich ein.
Mutter: Wir benennen bei euch auch das ganze Ding und sagen nicht nur geile Eichel.
Vater: Unsere Eier sind aber nicht dabei.
Mutter: So wie bei uns auch nicht die Eierstöcke.
Vater: Na gut. Wie heisst denn nun euer Ding mit allem drum und dran medizinisch?
Mutter: Vulva.
Vater: Vulva? Nein . . . Das ist irgendwie so nah an Vulkan, an Wut, Wust . . .
Mutter: Ich mag es auch nicht, aber es muss schon ein Ding sein und keine Leerstelle!
Vater: Dann bring selber Vorschläge. Du musst doch am besten wissen, wie du deine Scham nennst.
Mutter: Meine Scham? Ich schäm mich doch nicht für meine Muschi!
Vater: Muschi? Du nennst es Muschi?
Mutter: Unter Freundinnen sagen wir: Muschi.
Vater: «Ey, traust dich nicht, du Muschi.» Ihr benutzt ein Schimpfwort?
Mutter: Wir finden es eben nicht feige, sondern sexy, ne Pussy zu haben.
Vater: Pussy und Muschi ist nichts für Kinder.
Mutter: Irgendwie sind alle Begriffe entweder unvollkommen, beschämend oder abwertend. Als wären wir selbst nicht so ganz vollständig.
Vater: Bei uns sticht das Ding eben optisch raus.
Mutter: Da, wo unsere Brüste rausstechen, ist es bei euch auch ganz flach, und wir nehmen euch trotzdem für voll.
Vater: Also, suchen wir doch was Kindliches. Mumu?
Mutter: So heisst ein Delfin im Kinderfernsehen.
Vater: Mimi?
Mutter: So nennt sie ihre Cousine.
Vater: Kätzli?
Mutter: Es ist doch kein Tier.
Vater: Bei Max sagen wir auch Pfiefeli, und er ist keine Pfeife.
Mutter: Es kann doch nicht sein, dass uns nichts einfällt!
Vater: Während der Schulzeit war das bei uns Fotze, Fickmöse, Fischbrötchen . . .
Mutter: Jetzt heisst es auch noch, wir würden stinken?
Vater: Blümli?
Mutter: Wenn sie in der Krippe sagt, ihr Blümli habe Aua, verstehen die doch nichts.
Vater: Dann fällt Döschen, Feige und Müscheli auch weg?
Mutter: Es muss etwas sein, was alle verstehen. Bei Jungs gibt es Hunderte Begriffe, wo alle wissen, was gemeint ist. Dödel, Pimmel, Schwanz, Schniedel, Pillermann, Johnny, Schniedelwutz, Lümmel, Glied, Gemächt, bestes Stück, verdammte Scheisse.
Vater: Ist ja gut. Warum wirst denn du jetzt so sauer?
Mutter: Weil ihr Männer jahrelang Wissenschaft, Medizin, Kunst, Psychologie und Literatur so dominiert habt, dass unser bestes Stück nur aus der Perspektive von Männer beschrieben wurde und wir nichts Eigenes entwickeln konnten!
Vater: Du, aber . . . Wie würdet ihr denn unser Glied nennen? Rein aus weiblicher Perspektive?

Erstellt: 21.03.2016, 17:58 Uhr

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