Vergeben und vergessen

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema, ob Verzeihen auch Vergessen nach sich ziehen muss.

Nicht alles, an das wir uns noch erinnern können, bewahrt etwas von dem Stachel, den es einst einmal gehabt hat: Bei diesem Paar scheint der Schmerz noch frisch. Foto: Getty Images

Nicht alles, an das wir uns noch erinnern können, bewahrt etwas von dem Stachel, den es einst einmal gehabt hat: Bei diesem Paar scheint der Schmerz noch frisch. Foto: Getty Images

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Ich höre immer wieder, dass sie sagen: «Ich vergebe dir, aber ich kanns nicht vergessen.» Ist das wirklich möglich? Ich denke nämlich: nein. Da bleibt doch immer noch was von schlechten Gefühlen, irgendwo. Und wartet bloss auf die nächste Gelegenheit, möglichst eruptiv an die Oberfläche zu kommen. F.F.

Lieber Herr F.

Man muss da zwei Dinge auseinanderhalten. Das eine ist die Frage, ob es möglich ist, etwas zu verzeihen, auch wenn man es nicht vergisst; das andere, was es bedeutet, wenn jemand sagt: «Ich vergebe dir, aber ich kanns nicht vergessen.» Letzteres ist nämlich eher weniger ein Sprechakt des Verzeihens, als vielmehr die (nicht einmal sehr gut) versteckte Bekundung, dass jemand nicht besonders geneigt ist, einem zu vergeben, und jederzeit bereit ist, auf das angeblich Verziehene zurückzukommen.

In diesem Fall kann man sich also getrost auf eine Retourkutsche bei passender Gelegenheit gefasst machen, wie eruptiv diese auch immer ausfallen mag. Dieses «Vergeben, aber nicht vergessen» ist daher das Gegenteil von Vergeben, es ist eine implizite Drohung. Ehrlicher wäre es, die Vergebung schlicht zu verweigern. Aber ich glaube durchaus, dass man sich oft auch an etliche Missetaten (tatsächliche oder eingebildete) anderer durchaus erinnern kann, auch wenn man sie längst verziehen hat.

Nicht alles, an das wir uns noch erinnern können, bewahrt etwas von dem Stachel, den es einst einmal gehabt hat. Vieles verliert an Bedeutung, vieles wird von besseren, gegenteiligen Erinnerungen überlagert. Nicht zuletzt allein dadurch, dass derjenige, der uns etwas angetan hat, Bedauern zeigt. Das wiederum ist nicht gleichbedeutend damit, dass es im Gedächtnis auch völlig ausgelöscht ist, also wirklich und uneinholbar vergessen. Es ist nur kein aktiver Bestandteil mehr in unserer Erinnerung, der danach drängt, irgendwie (durch Rache zum Beispiel) «erledigt» zu werden.

Der Charakter der Erinnerung ändert sich mit der Zeit. Nicht, dass die Zeit alle Wunden heilt, aber doch viele kleine Wunden, die verschwinden, ohne Narben zu hinterlassen. Oder, um ein anderes Bild zu verwenden: Es ist damit wie mit verliehenen Büchern oder kleinen geliehenen Geldbeträgen – irgendwann werden sie einfach abgeschrieben.

Manche Leute können das indessen besser als andere; bei manchen Menschen bleiben solche Posten sehr lange bis immer in der psychischen Buchhaltung. Solche Menschen würde man wohl zu Recht als sehr nachtragend bezeichnen. Ausserdem gibt es gewiss auch den Fall, dass ein neuer Anlass all die vergangenen, längt für unwichtig gehaltenen Anlässe mit einem wiederbelebt. Dieser neue Anlass bildet dann den berüchtigten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Erstellt: 20.11.2019, 09:33 Uhr

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