«Vergewaltigungen sind eine höchst effiziente Waffe»

Die Schweizer Gynäkologin Monika Hauser setzt sich seit 20 Jahren für Opfer sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten ein. Im Interview spricht sie über den schwierigen Umgang mit den betroffenen Frauen.

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Frau Hauser, Gewalt gegen Frauen wird in Konflikten systematisch genutzt. Weltweite Aufmerksamkeit erhielt zuletzt der Fall von 200 entführten Mädchen in Nigeria durch die Islamisten von Boko Haram. Was steckt dahinter?
Vergewaltigungen werden benutzt, um den Feind einzuschüchtern und damit politische und militärische Ziele zu erreichen – aber auch, um den Zusammenhalt in Familien oder Gemeinden zu zerstören. Es ist eine höchst effiziente Waffe, aber nicht nur. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo etwa wurden Frauen vergewaltigt, um sie mundtot zu machen.

Werden Vergewaltigungen lediglich als Kriegswaffe eingesetzt oder nehmen Männer auch am Krieg teil, um zu vergewaltigen?
Männer vergewaltigen in solchen Konflikten zum einen, weil sie komplette Straffreiheit geniessen. Manchmal, im Osten des Kongo ist dies etwa der Fall, schliessen sich Männer Rebellengruppen an, um zu vergewaltigen. Die Logik funktioniert also in beide Richtungen.

Mitte der 90er-Jahre wurden Fälle von Massenvergewaltigungen im Bosnien-Krieg bekannt, seitdem setzen Sie sich für die Opfer ein. Hat sich die Situation über die Jahre verändert?
Das Phänomen ist nach wie vor weit verbreitet, aktuell etwa in Syrien, dem Südsudan oder im Kongo. Obwohl wir gute UNO-Resolutionen haben, die alle relevanten Punkte festhalten, fehlte bislang der politische Wille, die Zustände zu beenden.

Wie gehen Sie mit den betroffenen Frauen um?
Zum einen betreiben wir Therapiezentren, die psychologische Beratungen, medizinische Untersuchungen und juristische Begleitung für die Frauen anbieten. Daneben unterstützen wir lokale Organisationen und versuchen, das Einkommen von Überlebenden zu sichern. Langfristig versuchen wir, die Gesellschaft aufzuklären und auf die Politik einzuwirken, um die bestehenden Strukturen zu verändern.

Wie schwierig ist es, an die Frauen heranzukommen?
Sehr schwierig. Man kann nicht einfach mit dem weissen UNO-Wagen vorfahren und erwarten, dass die betroffenen Frauen offen mit einem reden. Hier ist es besonders wichtig, einheimische Frauen in der Traumaarbeit zu schulen. Im Kosovo etwa fährt ein gynäkologisches Ambulanzfahrzeug durch die Dörfer entlang der ehemaligen Frontlinien und betreut die betroffenen Frauen vor Ort. Psychologische Unterstützung ist in der dortigen Gesellschaft nicht verbreitet, also helfen wir unter dem Deckmantel der Medizin.

Wie wird Ihre Arbeit in Krisengebieten aufgenommen?
Höchst unterschiedlich. In Liberia etwa unterstützt Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf unsere Arbeit, das Thema ist dort schon lange oben auf der politischen Agenda. In Ländern wie Afghanistan ist dies natürlich viel schwieriger. Es hilft aber, mit den Politikern über ihre eigenen Töchter zu sprechen – dann ändert sich ihre Einstellung.

Wo muss man ansetzen, damit sexuelle Gewalt in Konfliktgebieten gar nicht erst entsteht?
Dafür braucht es gesellschaftliche Aufklärungsarbeit und Traumabewältigung. Vergewaltigte Frauen sind oft so traumatisiert, dass sie ihren Kindern keine Zuneigung zeigen können – und sie sogar schlagen. Diese wachsen dann verwahrlost auf, wenden selbst Gewalt an, der Zyklus kann nicht durchbrochen werden. Um dies zu verhindern, gilt es, dafür zu sorgen, dass diese Kinder zu Menschen werden, die die Rechte anderer respektieren.

Was kann die internationale Gemeinschaft, etwa die Schweiz, konkret tun?
Wichtig ist, die vielen bestehenden Projekte langfristig zu finanzieren und neue Hilfsmassnahmen zu organisieren. Auch braucht es Gerichtshöfe, die die Straflosigkeit von Vergewaltigungen beenden. Gleichzeitig müssen westliche Soldaten entsprechend geschult werden, damit sie sich bei Friedensmissionen im Umgang mit den vergewaltigten Frauen richtig verhalten. Man kann aber nicht einerseits Konferenzen organisieren – und gleichzeitig asylsuchende Frauen bei uns abweisen. In London etwa wurde eine Frau nach Sri Lanka zurückgeschickt, obwohl ihr dort neue Gefahr droht.

Wenn Sie an das Ende der Konferenz denken, die sich noch bis morgen mit sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten beschäftigt: Was möchten Sie einem Vergewaltigungsopfer aus dem Kongo sagen können?
Die Frauen sollen wissen, dass sie auch in Zukunft mit unserer Unterstützung rechnen können. Aber auch, dass Massnahmen getroffen werden, damit andere Frauen nicht vergewaltigt werden. Ich erlebe oft, dass Frauen öffentlich sprechen, damit andere nicht das gleiche Schicksal erleiden – diesen Mut müssen wir würdigen.

Erstellt: 12.06.2014, 19:25 Uhr

Die Schweizer Gynäkologin Monika Hauser leitet die Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale. Sie setzt sich seit 1993 für Frauen ein, die von sexualisierter Kriegsgewalt betroffen sind. 2008 wurde Hauser mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.
(Bild: Ulla Burghardt)

Die Zahlen

Wie oft sexuelle Gewalt als Kriegswaffe eingesetzt wird, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Immer noch als grosses Tabuthema gehandelt, verschweigen viele Frauen das Erlittene aus Angst vor Ausgrenzung oder Stigmatisierung. Alle Opferzahlen sind Schätzungen, die Dunkelziffer dürfte bei Weitem höher sein. Im Bosnien-Krieg in den 90er Jahren sollen 20'000-50'000 Frauen Opfer von sexueller Gewalt geworden sein. Im Osten der Demokratischen Republik Kongo werden schätzungsweise 1100 Frauen im Monat vergewaltigt, seit 1996 sollen es mehr als 500'000 Opfer gegeben haben. (ajk)

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