Verschont mich mit euren Ferienbildern!

Die Diashow ist nicht tot, sie hat sich nur digitalisiert. Doch Reisen für die eigene Instagram-Galerie ist ein inhaltsleeres Wettrüsten.

Und immer dieser Sonnenuntergang (in diesem  Fall aus Kalifornien, Solana Beach). Foto: Mike Blake (Reuters)

Und immer dieser Sonnenuntergang (in diesem Fall aus Kalifornien, Solana Beach). Foto: Mike Blake (Reuters)

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Kaum ein Volk reist so viel wie die Schweizer. 7000 Kilometer legen sie jedes Jahr im Flugzeug zurück. Tendenz stark steigend. Auch abgelegene Destinationen wie Burma oder der Oman, einst Abenteurern vorbehalten, rutschen in den Mainstream. Der Planet ist schon lange nicht mehr lonely: Überall sind Schweizer.

Das zeigt sich im Alltag eindrücklich – besonders jetzt nach den Herbstferien. Als ein Kollege am Mittagstisch über seinen USA-Trip referiert, wo er den Yosemite-Nationalpark besuchte, stimmen zwei Sitznachbarn mit ein. Kennen wir! Zu dritt fachsimpeln sie über die Qualitäten verschiedener Lodges und werweissen, von welcher Seite aus der Half Dome am fotogensten sei. Eine Kollegin schweigt. Auch sie war schon da, aber schon vor 15 Jahren.

Der Niederschlag dieser hektischen Reisetätigkeit verstopft Monitore und Handys. Die Timeline auf Facebook gleicht einem Reisekatalog. Und wenn das Handy zehnmal direkt hintereinander vibriert, weiss man Bescheid: Ein Freund oder Verwandter ist auf Reisen und schickt Bilder in die Whatsapp-Runde. Viele Bilder. Er auf der Vulkanspitze, er und sein Abendessen, er und die alte Frau, die Kokosnüsse verkauft. Ebenfalls vertreten sind ein Strauch, man weiss nicht recht, warum, und der Sonnenuntergang.

Die Diashow von einst ist nicht tot, sie ist bloss digitalisiert. Und im Gegensatz zum analogen Pendant gibt es dazu nicht einmal den mitgebrachten einheimischen Wein zu trinken. Langeweile pur. Doch ignorieren darf man die Kunde aus fernen Landen trotzdem nicht. Ein Daumen hoch oder ein «Sieht toll aus!» werden als Vorschuss erwartet, die ausführlichere Würdigung dann bitte nach der Rückkehr.

Der Hinterwäldler möge schweigen

Kritische Gedanken zum Reisen allgemein sind unerwünscht. Wer auf die enormen Klimakosten von Flugreisen und Kreuzfahrtschiffen hinweist oder den Umbau ganzer Innenstädte zum Touristen-Disneyland, gilt als Spassbremse. Schon wer es wagt, selbst nicht zu reisen, macht sich verdächtig. Möge er schweigen, der Hinterwäldler.

Denn in einer streitlustigen Welt ist das Reisen eines der seltenen Themen, bei denen sich alle einig sind. Bildende Kräfte werden ihm zugeschrieben, ja es mache Personen sogar interessant. Dieser Effekt ist anzuzweifeln. Unter den meistgereisten Bekanntschaften befinden sich einige der grössten Langweiler, unter den Stubenhockern originelle Köpfe.

Reisen an sich ist noch keine Leistung. Reisen ist Konsum. Der Historiker Frank Trentmann schreibt in «Die Herrschaft der Dinge»: Wir konsumieren nicht in erster Linie, um zu geniessen, sondern um unseren Platz in der Gesellschaft zu markieren. Einfacher gesagt: Reisen ist ein Statussymbol. Bilder und Geschichten aus fernen Kontinenten sollen dem Gegenüber zeigen: Ich bin offen, abenteuerlustig und kann es mir leisten. Dass die Schweizer doppelt so weit reisen wie alle Nachbarvölker, hat weniger mit ihrer Weltgewandtheit zu tun als mit ihrem Portemonnaie. Doch Reisen für die Instagram-Galerie ist ein inhaltsleeres Wettrüsten. Es macht nicht nachhaltig zufrieden und verleitet dazu, für das Umfeld zur Nervensäge zu werden. Glücklicherweise sind Erholung und das Erweitern des eigenen Standpunkts nicht ortsgebunden: Sie möchten aus Ihrer Komfortzone ausbrechen und neue Weltsichten kennen lernen? Reden Sie mit dem Sitznachbarn im Tram. Sie möchten ein interessanter Gesprächspartner sein? Dann werden Sie zum Macher statt zum Konsumenten. Alles Engagement und alle Leidenschaft sind immer lokal verwurzelt.

Schreiben Sie Postkarten!

Und wenn Sie doch reisen müssen und der Welt davon erzählen möchten, wählen Sie die einzig anständige Art: die Postkarte. Sie begrenzt jeden Redeschwall auf 10 mal 15 Zentimeter und verlangt nach keiner Antwort. Und im Gegensatz zum gratis gestreuten Facebook-Foto können die Daheimgebliebenen sich sicher sein: Ihre Aufmerksamkeit ist dem Absender zumindest das Porto wert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2017, 19:45 Uhr

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