Verständnis für Frauenhasser

Was zum Teufel soll bitte diese «strukturelle Gewalt» sein? Über einen nebulösen Begriff.

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Wenn Schwarze zusammengeschlagen werden, weil sie schwarz sind, nennt man das Rassismus. Wenn Juden zusammengeschlagen werden, weil sie Juden sind, nennt man das Antisemitismus. Wenn Frauen zusammengeschlagen werden, weil sie Frauen sind, nennt man das «strukturelle Gewalt».

Taten, die rassistisch, antisemitisch oder frauenfeindlich motiviert sind, heissen in den USA «Hate Crimes», Verbrechen aus Hass. Weil die Wahl des Opfers nicht zufällig erfolgt, sondern dieses wegen seiner Hautfarbe, seines Glaubens oder seines Geschlechts angegriffen, misshandelt und manchmal gar getötet wird. Hier spricht niemand von einem Verbrechen aus Hass, wenn Frauen auf offener Strasse ins Koma geprügelt werden. «Strukturelle Gewalt» klingt ja auch netter, nicht nach blinder Wut, gebrochenen Rippen und Schädel-Hirn-Trauma.

Sondern: aseptisch und wissenschaftlich und politisch korrekt, weshalb alle, die den Begriff verwenden, die Stirn in gepflegte Falten legen und anklagend dreinschauen. Denn er suggeriert, dass nicht die Täter schuld sind. Dass sie vielmehr Opfer sind von dieser «Struktur», von der niemand weiss, was damit gemeint sein soll. Die Täter werden damit aus der Verantwortung entlassen.

«Strukturelle Gewalt» ist auch ein wohliger Begriff, weil er einlullt mit seiner Schwammigkeit und unangenehme Fragen gar nicht erst aufkommen lässt wie die, vor der sich viele fürchten: ob Männer aus patriarchalisch geprägten Ländern womöglich Schwierigkeiten haben, mit der Freiheit und Unabhängigkeit von hier lebenden Frauen umzugehen, und was man dagegen tun könnte. Der Begriff vernebelt. Wer ihn verwendet, verharmlost.

Und vor allem spricht aus ihm eine ungeheure Geringschätzung Frauen gegenüber. Sie sind es offenbar nicht wert, dass man Verbrechen an ihnen beim Namen nennt. Die Gewalt von Rassisten und Antisemiten wird nicht als «strukturell» bezeichnet. Mit so viel Milde können nur jene rechnen, die Frauen halb tot schlagen.

Erstellt: 23.08.2018, 15:59 Uhr

Bettina Weber, Ressortleiterin «Gesellschaft».

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