Verträumte Egoisten

Wir glauben, dem Reichtum näher zu sein als der Armut. Falsch.

Wer nicht ausschliessen kann, selber einmal aus dem Arbeitsleben ausgemustert zu werden, sollte sich für eine gute Behandlung der Ausgemusterten einsetzen. Foto: Christof Schuerpf /Keystone (Symbolbild)

Wer nicht ausschliessen kann, selber einmal aus dem Arbeitsleben ausgemustert zu werden, sollte sich für eine gute Behandlung der Ausgemusterten einsetzen. Foto: Christof Schuerpf /Keystone (Symbolbild)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Menschen sind Egoisten, behaupten Ökonomen. Man muss das ergänzen: verträumte Egoisten. So zumindest verhalten sie sich politisch.

Erste Umfragen zum neuen Sozialversicherungsgesetz ergeben: 62 Prozent sind gegen das Referendum. 62 Prozent finden es also gut, dass Sozialhilfe- oder IV-Bezüger von privaten Firmen streng überwacht werden können. Erinnern wir uns kurz an die Initiative zur Erbschaftssteuer, die vor drei Jahren scheiterte. 71 Prozent der Stimmenden lehnten es damals ab, dass man Erbschaften von über zwei Millionen Franken mit einer Abgabe belegen soll.

Die beiden Positionen sind erstaunlich. Viele Durchschnittsschweizerinnen und -schweizer gehen offenbar davon aus, dass sie eher Millionäre werden, als irgendwann von einer Sozialversicherung abhängig zu sein. Wer nicht glaubt, selber einmal zwei Millionen zu besitzen, kann – aus rein egoistischen Gründen – nichts gegen eine Erbschaftssteuer haben. Wer nicht ausschliessen kann, selber einmal aus dem Arbeitsleben ausgemustert zu werden, sollte sich – aus egoistischen Gründen – für eine gute Behandlung der Ausgemusterten einsetzen.

Viele Schweizer gehen davon aus, dass sie eher Millionäre werden, als irgendwann von einer Sozialversicherung abhängig zu sein.

In der Schweiz leben je nach Schätzung zwischen 350'000 und 600'000 Millionäre. Rund 190'000 Menschen beziehen Sozialhilfe (ohne Asylsuchende), 220'000 erhalten eine IV-Rente. Zahlenmässig herrscht also ungefähr Gleichstand. Gleich gross wäre theoretisch auch die Chance eines Auf- oder Abstiegs.

Doch diese Rechnung hinkt: Ein bedeutender Teil der Millionäre bekommt seinen Reichtum vererbt. Man gehört entweder dazu oder eben nicht. Mit einem Schweizer Durchschnittslohn – etwa 6500 Franken pro Monat – steigt man kaum aus eigener Kraft in diesen Club auf. Dies gelingt vor allem den Topverdienerinnen und jenen, die erfolgreiche Unternehmen gründen; einer relativ kleinen Gruppe also. Verletzungen oder chronische Krankheiten aber können jeden heimsuchen. Auch gegen längere Arbeitslosigkeit weiss sich kaum jemand geschützt, besonders mit zunehmendem Alter.

Wären die Schweizer reine Egoisten, würden sie die Schwachen stärker schonen als die Starken. Aber dank dem Traum, selber einmal reich zu werden, machen sie das Gegenteil.

Erstellt: 04.05.2018, 20:18 Uhr

Artikel zum Thema

Mehrheit befürwortet Sozialdetektive

Die Tamedia-Umfrage zeigt, wie die Menschen in der Schweiz zum Sozialversicherungsgesetz stehen. Mehr...

«Viele Reiche hadern mit ihrem Wohlstand»

Interview #12 Soziologin Rachel Sherman weiss, warum Reiche sich gern als Mittelklasse bezeichnen und ob es moralisch guten Reichtum gibt. Mehr...

Reiche nützen allen

Kolumne Warum die Globalisierungsängste vieler Schweizer völlig unbegründet sind. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Der Bilderbuchfan: Am Australien Open in Melbourne hat sich dieser Zuschauer eine spezielle Brille gebastelt.(21. Januar 2020)
(Bild: Michael Dodge/EPA) Mehr...