«Zwischen 60 und 70 fühlt man sich jünger, als man ist»

Gesunde Senioren, die eine sinnvolle Beschäftigung suchten, würden zu wenig unterstützt, sagt Altersforscher François Höpflinger.

Fähig und kompetent: Rüstige Senioren sind für den Arbeitsmarkt leider noch zu wenig attraktiv.

Fähig und kompetent: Rüstige Senioren sind für den Arbeitsmarkt leider noch zu wenig attraktiv. Bild: Keystone

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Senioren werden immer zahlreicher. Ab wann gilt man heute eigentlich als alt?
65-Jährige sind oft beleidigt, wenn sie Prospekte von der Pro Senectute bekommen. Zwischen 60 und 70 fühlt man sich heute deutlich jünger, als man tatsächlich ist. Es gibt auch mehr Menschen über 80, die noch Gartenarbeit verrichten. Erst wenn die Menschen nicht mehr Autofahren können oder nicht mehr gut zu Fuss sind, empfinden sie sich selber als alt. Meist ist es erst ab 80 oder 85 Jahren der Fall.

Statistiken zeigen, dass sich immer mehr Senioren zu leichten Delikten wie Diebstahl oder Beleidigungen hinreissen lassen – als eine Art Ersatzbeschäftigung. Langweilen sich die jungen Senioren?
Teilweise bestimmt. Sie haben viel Freizeit und da kann es sein, dass man sich mit Dingen ablenkt oder wegen Sachen aufregt, für die man früher keine Zeit verschwenden wollte. Zudem haben manche auch entsprechende Beziehungen, um krumme Geschäfte zu drehen.

Woran denken Sie da?
Sie arbeiten beispielsweise schwarz, weil sie gute Kontakte haben. Oder sie schmuggeln Ware, weil sie vielleicht in ihrem Geburtsland die entsprechenden Leute kennen. Sie ‹importieren› dann zum Beispiel Champagner aus Ungarn.

Weshalb arbeitet nur rund ein Drittel der Senioren über das Pensionsalter hinaus?
Weil viele nach dem stressreichen Arbeitsleben das Gefühl haben, sie müssen erst einmal aufatmen. Sie haben eine Art Sabbatical nötig. Es gibt momentan aber auch keinen echten Arbeitsmarkt für Senioren. Einige Kantone dürfen über 65-Jährige gar nicht weiterbeschäftigen. Bei Firmen sind meist nur Senioren mit einer sehr guten Ausbildung gefragt, die man für Beratungsgeschäfte einsetzen kann. 43 Prozent jener, die nach 65 weiter arbeiten, sind selbstständig.


Video – Rabatt für Senioren

In bestimmten Migros-Filialen erhalten Rentner einmal im Monat 10 Prozent Rabatt – was Senioren darüber denken. (Video: Mario von Ow)


Liegt es auch daran, dass unsere Leistungsgesellschaft Senioren keine Funktion zutraut?
Die Frage ist eher, ob man die Norm der Leistungsgesellschaft auch auf die Senioren ausweiten soll. Momentan passiert Folgendes: Senioren betätigen sich sportlich, sie wollen fit und gesund bleiben, auch im Kopf. Sie passen sich also auf der gesundheitlichen Ebene langsam den Leistungsnormen an. Andere tendieren dazu, ihr Hobby wie Dart oder Eisenbahnbau quasi vollamtlich auszuüben, was auch wieder einem Leistungsdenken entspricht. Es passiert viel bei den Senioren, aber es wird gesellschaftlich zu wenig wahrgenommen.

Weshalb?
Es hat sicher mit unserem Altersbild zu tun, dass Senioren nicht mehr zum aktiven Teil der Gesellschaft gehören, dass sie im Alter keine klare Tätigkeit haben. Dabei haben sie sehr viele Möglichkeiten, aktiv zu sein. Es ist wie wenn tausend Hasen im Feld herumrennen, aber alle in eine andere Richtung.

Sind einige mit all den Möglichkeiten nicht auch überfordert?
Im Prinzip ist es heute nach der Pensionierung wie bei der Berufswahl. Man muss herausfinden, womit man sich die nächsten 20 bis 30 Jahre beschäftigen will, was einem liegt, welche Rolle man sich geben will. Das ist nicht ganz trivial, und da gibt es sicher noch Handlungsbedarf.

Zum Beispiel?
Es gibt immer mehr ältere Menschen, die ihre Fähigkeiten und Kompetenzen nutzen wollen. Aber sie werden dabei zu wenig unterstützt. Für Gemeinden sollten nicht nur Wasserversorgung und Abfallbewirtschaftung zu den Kernaufgaben gehören. Sie sollten auch Gemeinschaftsräume für Senioren zur Verfügung stellen, Beratungen einführen und interessierte Senioren an Firmen vermitteln oder Generationen- und Nachbarschaftsprojekte fördern. Solche Projekte gibt es bereits, aber meist sind es Privatinitiativen. Kantone und Gemeinden unternehmen oft noch zu wenig.

Woran liegt das?
Die Alterspolitik konzentriert sich momentan lediglich auf die Kosten der Pflege, die Senioren verursachen. Es gibt aber keine flächendeckende kompetenzorientierte Alterspolitik. Sprich: Eine Politik, die vorhandene Ressourcen und Kompetenzen gesunder älterer Frauen und Männer koordiniert und fördert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2018, 14:53 Uhr

Altersforscher François Höpflinger. (Bild: Keystone )

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