Viele Deutsche haben keine Lust mehr auf die Schweiz

Die Statistiken zeigen: Die Deutschen mögen die Schweiz immer noch. Aber nicht mehr ganz so fest. Die Gründe.

Keine einfache Sache: Mitglieder des Swiss German Club treffen in Sarnen OW Vorbereitungen für ein Networking-Treffen. Foto: Keystone

Keine einfache Sache: Mitglieder des Swiss German Club treffen in Sarnen OW Vorbereitungen für ein Networking-Treffen. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hilfe, die Deutschen gehen? Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Und für die, welche die Schweiz verlassen, kommen andere nach. Sie bleiben mit rund 308'000 Personen die zweitgrösste Gemeinschaft ausländischer Staatsangehöriger nach den Italienern (circa 323'000, 15,4% der ausländischen Bevölkerung). Allerdings: Die Tendenz ist klar rückläufig seit der grossen Welle von 2008 (warum sie wieder heimkehren erzählen Peter Kastenmüller und Martin Sautter in diesem Artikel).

In Zahlen heisst das: Über 46'000 deutsche Zuwanderer zur ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz zählte das Bundesamt für Statistik im Spitzenjahr. 2006 waren es noch rund 25'000 gewesen, ein Jahrzehnt davor gar nur um die 8000. Seit 2008 aber sinken die Zahlen wieder. Und im ersten Halbjahr 2019 rangierten unter den Top 5 der Bestandszunahme der ausländischen Wohnbevölkerung: Frankreich, Eritrea, Italien, Syrien und Polen.

2017 und 2018 zählte man jeweils rund 20'000 deutsche Zuwanderer, das entspricht in etwa dem Jahr 2005. Verglichen mit dem Höchstwert von 2008, sind das über 50 Prozent weniger. Letztes Jahr gab der Bund eine allgemeine Entwarnung durch: Die Zuwanderung aus dem EU-Raum sei sehr tief, die Nachfrage an Fachkräften konstant hoch, Verdrängungseffekte auf dem Arbeitsmarkt daher kaum wahrnehmbar. In der Tat war die generelle Zuwanderung in die Schweiz im ersten Halbjahr 2019 im Vergleich zur Vorjahresperiode erneut rückläufig, wie das Staatssekretariat für Migration berichtet (das geringfügig anders zählt als das BfS).

Laut Bundesamt für Statistik kennt auch der deutsche Wanderungssaldo, also die Differenz zwischen Zu- und Abwanderern, im Vergleich zu 2008 nur eine Richtung: nach unten. Selbst wenn sich dieser Saldo in den letzten Jahren stets rund um die Zahl 6000 bewegte, handelt es sich innert eines Jahrzehnts doch um eine Reduktion von über 80 Prozent. Mit der erleichterten Einbürgerung allein – auch Doppelstaatsbürger fallen aus der Statistik – erklärt sich das nicht. Zumal auch hier auffällt: Die Einbürgerungen der Deutschen gehen zurück; im Juni 2019 etwa betrug die Veränderung zum Vorjahresmonat mit 424 Einbürgerungen minus 15,5 Prozent.

Gleicht man diese Befunde mit jenen der Stadt Zürich ab, wohin es die meisten Deutschen zieht, zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Zuzüge knackten 2007 locker die 9000er-Marke – und sanken wieder auf 5600 (2018). Und der Wanderungssaldo, der von 2005 bis 2008 stets über 2000 Personen lag (2007: 3375), hat sich seit 2012 auf dem Stand der späten 1990er eingependelt. 2018 belief sich das deutsche Zuwanderungsplus auf 501 Personen (1998: 457).

Die Beweggründe

Über die Gründe für diese Entwicklungen wurde heftig diskutiert: Von der Wirtschaft bis zur Psyche und die Ablehnung hiesiger Trends im politischen Klima (MEI-Initiative, Minarettinitiative) wurde alles ins Feld geführt. 2007 schenkte die neue volle Personenfreizügigkeit ein, besonders, weil zugleich die Arbeitsmarktsituation in Deutschland nicht so rosig war wie heute. So wurde die Schweiz mit ihrem Fachkräftemangel zum Lieblingsland deutscher Auswanderer.

Laut einer ausführlichen Studie der OECD zum deutschen Auswanderungsverhalten (Der Bericht über deutsche Auswanderer) spielen Karriereerwägungen denn auch die wichtigste Rolle beim Wegzug. In der Schweiz machen die Hochqualifizierten den Löwenteil der einwandernden Deutschen aus; sie steigen auf der Karriereleiter beim Umzug häufig nach oben.

Für die Rückkehrer nach Deutschland stehen, so die OECD-Studie, zwar ebenfalls die Berufsaussichten im Fokus. Noch mehr fallen aber Familie und Freunde ins Gewicht. Die Integration entpuppte sich als Herausforderung. Zwar verbessere sich das persönliche Wohlbefinden der deutschen Auswanderer nach der Emigration meist. In Deutschland seien sie durchschnittlich unzufriedener als die deutsche Restbevölkerung. Andererseits: Das Wohlbefinden der Auswanderer «verharrt im Durchschnitt auf einem niedrigeren Niveau als das Wohlbefinden der Personen, die in Deutschland bleiben».

Das Leid der Immigranten

Vielleicht sind Auswanderer ja grundsätzlich kritischere Zeitgenossen, die sich prinzipiell weniger leicht zufriedenstellen lassen. Allerdings belegen aktuelle schweizerische Einsamkeitsstudien, dass Menschen, die aus dem Ausland in die Schweiz kommen, wirklich ein signifikant höheres Risiko haben, unter dem gesundheitsschädlichen Gefühl zu leiden als in der Schweiz geborene.

Speziell die «Einsamkeit der Deutschen in der Schweiz» wuchs sich zu einem Thema aus. 2017 veranlasste der Nationalfonds gar eine Befragung von 2000 deutschen Einwanderern in der Schweiz. Ergebnis: Ein Drittel der Befragten wäre gern wieder heimgekehrt. 2018 sekundierte eine Forscherin an der Universität Bern mit einer eigenen Studie: Mehr als 20 Prozent der befragten in der Schweiz lebenden Deutschen fühlen sich nicht willkommen. In den Niederlanden etwa ist das laut dieser Untersuchung völlig anders. Die Integration sei nicht ganz einfach, heisst es auch beim Verein für Deutsche in der Schweiz.

In der Tat verliessen laut Staatssekretariat für Migration 2018 14'000 deutsche Staatsbürger die Schweiz (Zuwanderung: 20'200). Da wird nicht nur die verbesserte Wirtschaftslage in Deutschland sichtbar: Schon ein Blick in die diversen Netzforen zum Thema verrät einiges über die Probleme der Deutschen in der Schweiz, vom schlechter ausgebauten Wohlfahrtsstaat bis zum Schulsystem.

Da sagt etwa die junge deutsche Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin Irem Güney-Frahm, die wie ihr Mann nun zeitweilig an der Hochschule St. Gallen beschäftigt war und die wir beim Packen für den Umzug nach Deutschland treffen: «Wir haben uns für unsere längerfristige Orientierung alles genau angeschaut. Und kamen dabei auch zur Erkenntnis: Wir wollen unser Kind, das hier bald in den Kindergarten käme, nicht in diesem stressigen System einschulen, das mit Dauerdruck und Prüfungen operiert.» Ihr Mann Ole Frahm ergänzt: «Das war unter vielen deutschen und internationalen Kollegen ein grosses Thema: Wenn man länger bleibt, müssen die Kinder ja ins hiesige Bildungssystem einsteigen. Dieses macht aber den – für eine internationale Karriere entscheidenden – Bildungsweg Gymnasium extrem schwer zugänglich. Das ist nicht attraktiv.»

Das Schulsystem und das Sozialsystem: Beides ist für Deutsche hier nicht so attraktiv.

In der Online-Zeitung «WiWi-Treff» schreibt einer dazu: «Mit Familie und Wunsch nach einem Eigenheim» sei es ohne reiche Eltern oder sehr hohem Führungsjob in der Schweiz «nicht machbar. Vieles, was in Deutschland gratis oder fast gratis ist, muss man in der Schweiz selbst bezahlen, Kinderbetreuung ist teuer, der Zahnarzt wird nicht bezahlt, und jedes Kind und auch ein nicht arbeitender Partner braucht eine eigene Krankenversicherungspolice. Es gibt keine Mitversicherung wie in Deutschland.»

Ein anderer betont, dass es wegen der Einsamkeit gerade für Singles hart sei: «Ich kenne keinen Single, der es dort über einen längeren Zeitraum ausgehalten hat (meist nach zwei Jahren wieder abgehauen).» Und auf dem Portal www.auswandern-schweiz.net postet Mitte Juli eine Juristin, die mit Sohn im Primarschulalter und Mann in der Region Zürich lebt: «Die Altersdiskriminierung auf dem Schweizer Arbeitsmarkt ist haarsträubend, viel schlimmer als in Deutschland. Und wer seine Kinder aufs Gymnasium schicken will, muss wissen, dass es sehr, sehr schwer ist, aufs Gymnasium zu kommen.» Die Juristin moniert zudem die soziale Ausgrenzung, unter der sie als Deutsche gelitten hätten. «Fazit: Wir ziehen nach zehn Jahren zurück.»


Zwei deutsche Väter sagen, weshalb sie heimgehen (ABO+) Jahrelang lebten die beiden mit Frau und Kindern in der Schweiz und tauchten ganz ins hiesige Leben ein. Nun haben sie alles für ihre Rückwanderung organisiert.

Erstellt: 05.09.2019, 19:20 Uhr

Artikel zum Thema

Wir da draussen

Die deutsche Korrespondentin Charlotte Theile über ihre vier Jahre in der Schweiz. Mehr...

Integration macht ­glücklich – genauso wie der Schweizer Pass

SonntagsZeitung Bessere Integration führt zu höherer Lebenszufriedenheit. Eingebürgerte Jugendliche sind ausserdem weniger kriminell. Mehr...

Einsamkeit macht die Jungen krank

Über ein Drittel der Schweizer fühlt sich einsam, bei den 15- bis 24-Jährigen ist der Anteil massiv höher. Die Folgen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Mit Augenringen: Kinder präsentieren in der Shougang-Eishockey-Arena Bing Dwen Dwen das Maskottchen der Winterspiele 2022 in Peking. (17. September 2019)
(Bild: Xinyu Cui/Getty Images) Mehr...