«Von anzüglichen Bemerkungen bis zu unsittlichen Berührungen»

Die Universität Bern kämpft mit Plakaten gegen sexuelle Belästigung von Studenten und Mitarbeitern.

Die Plakate sollen «Neugier wecken».

Die Plakate sollen «Neugier wecken». Bild: Universität Bern/Neidhart Grafik

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Bilder gingen um die Welt: Die Kunststudentin Emma Sulkowicz der New Yorker Columbia-Universität trug wochenlang eine Matratze mit sich herum. Sie protestierte mit dieser Aktion gegen den Umgang mit sexueller Gewalt an den amerikanischen Universitäten.

Der Auslöser war, dass der Kommilitone, den sie und weitere Studentinnen der Vergewaltigung bezichtigten, von der Universitätsleitung nicht belangt wurde. Der Fall sorgte weltweit für Furore – und führte gar zu neuen, umstrittenen Gesetzen. So müssen nun etwa im Staat Kalifornien Studierende öffentlicher Hochschulen vor dem Geschlechtsverkehr die ausdrückliche Zustimmung des Partners einholen.

Kuschelrock-Ästhetik

So weit will man es in Bern nicht kommen lassen. Seit ein paar Tagen hängen in den Räumlichkeiten der Universität und der Pädagogischen Hochschule Plakate einer Sensibilisierungskampagne gegen sexuelle Belästigung: Auf Bildern im Stile der Kuschelrock-CD-Covers prangen Slogans wie «Wir sollten das gemeinsam vertiefen» oder «Ich könnte da schon etwas für Dich tun».

Wie Marcus Moser, der Informationschef der Universität Bern, auf Anfrage ausführt, handelt es sich um die erste Stufe der Kampagne. «Die Plakate sollen bei den Studierenden und den Mitarbeitern Neugier wecken und für die Thematik sensibilisieren.» Am 7. März erfolgt die Fortsetzung der Kampagne, wie auf der Facebook-Seite der Universität zu entnehmen ist.

Rund 20 Prozent der amerikanischen Studentinnen wurden bereits einmal sexuell missbraucht, besagt eine von der US-Regierung beauftragte Studie. Und eine Untersuchung des Schweizerischen Nationalfonds von 2013 kam zum Schluss, dass in der Deutschschweiz 31 Prozent der Frauen angeben, mindestens einmal in ihrem Erwerbsleben am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden zu sein.

Für die Universität Bern existieren keine gesonderten Zahlen. Sprecher Moser betont aber, dass es keine spezifischen Vorfälle gegeben hat, welche die Kampagne ausgelöst hätten. «Die Hochschulen sind gesetzlich verpflichtet, regelmässig Präventionskampagnen zu diesem Thema durchzuführen», sagt er.

Beratungsstelle hat wenig Arbeit

Studierende, die Opfer von sexueller Belästigung werden, können sich an die Beratungsstelle der Berner Hochschulen wenden. Diese steht ebenfalls für Mitarbeitende der Fachhochschule und der Pädagogischen Hochschule offen.

Wie Beraterin Pia Thormann aber ausführt, wird die Beratungsstelle nur selten von Opfern sexueller Belästigung aufgesucht. «Es sind maximal eine Handvoll Fälle im Jahr», sagt sie. Die geringe Zahl an Beratungen zu diesem Thema sage aber nichts über die Dimension der Problematik aus. «Die Dunkelziffer bei sexuellen Belästigungen ist sehr hoch.»

Thormann erhofft sich von der Kampagne, dass Studierende auf die Beratungsstelle aufmerksam gemacht werden und Betroffene den Mut fassen, über die Erlebnisse zu sprechen. Sexuelle Belästigung sei alles, was als solche empfunden werde. «Das geht von anzüglichen Bemerkungen bis zu unsittlichen Berührungen.»

Thormann rät den Opfern in einem ersten Schritt meist, die Vorfälle zu dokumentieren. «Manchmal existieren etwa unangebrachte E-Mails, die sollten auf keinen Fall gelöscht werden.» Zu einer Strafanzeige komme es aber selten. «Meistens steht bei Sexualdelikten Aussage gegen Aussage.»

Zudem seien gewisse Formen von sexuellen Belästigungen auch strafrechtlich gar nicht relevant. In diesen Fällen lohne sich vielleicht ein Gespräch mit Vorgesetzten. In den Beratungsgesprächen versuche sie aber mit den Klienten auch, Strategien zu entwickeln, wie man sich vor weiteren Belästigungen schützen könne.

Erstellt: 03.03.2016, 12:30 Uhr

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Gross-Demo: Mit Schutzmaske und Schwimmbrille schützt sich ein Demonstrant vor einem Tränengas-Angriff der Polizei in Hong Kong am Sonntagabend. (21. Juli 2019)
(Bild: Getty Images / Ivan Abreu) Mehr...