Von wegen Erholung

Warum sind Ferien mit Kindern eigentlich so unglaublich anstrengend? Weil der Nachwuchs um jeden Preis glücklich gemacht werden soll.

Machen vor, wie man sein Kind in den Ferien problemlos stundenlang ignorieren kann: Das Film-Ehepaar Löffler aus der Urlaubssatire «Man spricht deutsh» von 1988. (Bild: ddp images)

Machen vor, wie man sein Kind in den Ferien problemlos stundenlang ignorieren kann: Das Film-Ehepaar Löffler aus der Urlaubssatire «Man spricht deutsh» von 1988. (Bild: ddp images)

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Es lohnt sich, die Urlaubssatire «Man spricht deutsh» von 1988 heute noch einmal anzuschauen. Vor allem für Eltern. Man lernt dabei nicht nur etwas über den noch etwas zurückhaltenderen Einsatz von Sonnencreme («am Anfang immer Lichtschutzfaktor 12!»). Man lernt auch, dass Eltern ihre Kinder schon vor der Erfindung des Smartphones hervorragend stundenlang ignorieren konnten.

Das Film-Ehepaar Löffler verbringt seine Ferien wie jedes Jahr in Italien, wo sie auf der Liege über die unmöglichen Italiener schimpfen. Sohn Heinz-Rüdiger quält unterdessen strandgelangweilt einen Krebs. Irgendwann fischt er einen Schweinskopf aus dem Wasser. Elterliche Kontaktaufnahme – Erfrischungstuch für die Hände, ein Anschiss für den Buben – ist für einen kurzen Moment unabdingbar. Ansonsten ist das Motto: Bier trinken und Eis essen lassen.

Der Film wurde in Terracina gedreht, einem Badeort zwischen Rom und Neapel, wo auch meine Familie zwischen 1980 und 2003 häufig ihre Sommer verbrachte; immer dabei waren Freunde meiner Eltern. Es waren wunderschöne Ferien, die sich vor allem dadurch auszeichneten, dass Erwachsene und Minderjährige einander nur zur Einnahme der Mahlzeiten zu Gesicht bekamen. Im Ferienhaus machten wir Kinder unser Ding auf der Dachterrasse, die Erwachsenen machten ihres ein Stockwerk darunter.

Das Haus ist inzwischen verkauft und nicht mehr zu mieten, und ohnehin ist mein Eindruck, dass Familienferien heute anders funktionieren als damals. Meinen Mann und mich jedenfalls, wir verreisen dieses Jahr mit unseren beiden kleinen Söhnen nach Spanien, beschäftigt die Frage: Sind Ferien mit Kindern wirklich die Hölle? Oder liegt es an uns?

Endlich wieder Montag!

Bei der Umfrage eines deutschen Reiseportals gaben kürzlich knapp 40 Prozent der Befragten an, dass die Ferien für die Kleinen vermutlich schöner sind als für sie selbst; 23 Prozent fanden Reisen mit Kindern unter zwölf «sehr anstrengend». Wir fühlten uns also verstanden, obwohl einer Mehrheit von 52 Prozent Ferien mit Kindern angeblich mehr Spass machen als ohne. Wobei natürlich die Frage bleibt, wie ehrlich herzlos man erscheinen will. Viele unserer Freunde, die ihre Eltern sonst nicht mal für die Dauer eines Mittagessens ertragen, verreisen plötzlich mit Oma und Opa, um den Betreuungsschlüssel zu erhöhen. Offensichtlich sind wir mit unserem Ferienblues nicht allein.

Der Blues trifft viele, das zeigt auch ein Blick in die Buchhandlung. Humorvoll erzählte Schauergeschichten mit Titeln wie «Von Erholung war nie die Rede» sollen vermutlich genau jene ansprechen, die ahnen, dass sie ihre Bücher grösstenteils ungelesen wieder mit nach Hause bringen werden. Dazu kommen Ratgeber wie «Auf alles vorbereitet – Wie ein Zip-Beutel den Urlaub rettet und 222 andere erprobte Tipps und Kniffe für entspanntes Reisen mit Kindern». Klare Botschaft: Ferien mit Kindern sind nichts für Amateure.

Vor allem aber sind es keine Ferien.

Im Netz kursierte vor einigen Jahren ein Comic, der mein Leben treffend beschreibt. Er trug den Titel «Returning to work after a long weekend» – zurück zur Arbeit nach einem langem Wochenende. Darauf sieht man zweimal eine Ente, die offenbar einen Bürojob hat. Auf dem linken Bild hat die Ente keine Kinder, und man sieht ihr an, dass sie nach dem langen Wochenende unglücklich ist, wieder ins Büro zu müssen. Die Ente auf dem rechten Bild, die mit Kindern, hüpft erleichtert aus dem Lift und ruft «Helllloooo work!»

Die erste Reise, nach der ich mich wie eine solche Glücksente fühlte, die endlich wieder im Büro untertauchen kann, liegt drei Jahre zurück. Unser älterer Sohn war eineinhalb und zuckersüss, wir fuhren beschwingt von den guten Vorjahreserfahrungen mit einem dreimal täglich schlafenden und stationär auf dem Rücken liegenden Baby nach Korsika. Nach fünf Tagen dachte ich: Wenn Ferien jetzt immer so sind, möchte ich nie wieder verreisen.

Das Kind hatte gerade laufen gelernt und rannte grob fahrlässig über den Campingplatz, Richtung Strasse, Richtung Abhang, immer Richtung Kindernotaufnahme. Wir sassen nie länger als zwei Minuten auf einem Stuhl. Der entspannteste Moment der Reise waren drei Stunden in einer von Meer und Bergen eingefassten Bucht, in der das Kind zumindest nur zu ertrinken drohte.

In den Ferien arbeitet man am schlechten Gewissen

Vor ein paar Wochen las ich die folgenden Sätze von einem Entwicklungspsychologen, in denen mehr Wahrheit steckte, als mir lieb war: «Für viele Eltern klappt es unter der Woche im durchgetakteten Alltag kaum, sich richtig aufeinander und aufs Kind einzulassen, ohne gestresst zu sein.» Die Ferien seien eine notwendige Auszeit – von Job und Kita, vom Alltag und seinen Routinen. Eine Reise mit der Familie ist demnach keine Zeit der Erholung, sondern Zeit für Beziehungsarbeit. Tagsüber mit den Kindern, nachts mit dem Partner.

Den Stress, den Ferien mit Kindern ohnehin bedeuten, steigert diese Anforderung leider ins Unermessliche. Das liegt vor allem daran, wie sehr sich in vielen Familien die Zeit zwischen den Sommerferien verändert hat.

Ich war, wie die allermeisten Kinder in meinem Umfeld, in keiner Krippe, auch während der Schulzeit war meine Mutter mittags zu Hause. In den Ferien fand sie wahrscheinlich, dass sie auch mal ihre Ruhe vor mir haben durfte. Wer seinen Nachwuchs allerdings viele Stunden am Tag fremdbetreuen lässt, für den sind Ferien die Momente im Jahr, in denen man an seinem schlechten Gewissen arbeitet. Endlich mal Zeit füreinander, und zwar nicht irgendeine, sondern am besten Quality Time.

Reden, spielen, vorlesen, kuscheln. Zusammen etwas erleben, weshalb man gemeinsam mit dem eher panischen Vierjährigen in Thailand zu einem zahmen Elefanten ins Wasserloch steigt. Oder in Mallorca in einem sogenannten Aquapark landet. Momente fürs Familienalbum.

Sind das noch Ferien, oder ist das schon Stress? Trailer zu «Man spricht deutsh» (1988). (Video: Youtube)

Das Kind soll in den Ferien um jeden Preis glücklich gemacht werden, denn: Wenn nicht jetzt, wann dann? Aber wehe, wenn es schon am ersten Tag den Strand zusammenbrüllt, anstatt wie geplant vergnügt zu sein. Und wollte man selbst nicht mal ausschlafen, Sport machen, ein Buch lesen?

Wie bei jedem Dilemma des modernen Menschen gibt es auch für dieses eine käufliche Lösung: Kommerzielle Anbieter, die den Nachwuchs in den Ferien wegorganisieren und den Eltern trotzdem das Gefühl vermitteln, dass sie ihren Kindern etwas Gutes tun. Viele Eltern, die wir kennen (und die es sich leisten können), verreisen etwa mit dem Anbieter Vamos: «Die Vamos-Kinderbetreuung fördert die Entwicklung zu fröhlichen, mutigen und selbstbewussten Kindern», heisst es da, und das ist wirklich mehr, als man von einem Pauschalarrangement erwarten kann.

Verkauft wird bestes Gewissen aus dem Reisekatalog, auch Familienhotels und ähnliche Anbieter boomen. Vielleicht ist es ja auch in Ordnung, wenn Eltern sich ein paar Stunden am Tag auf ihrer Liege ausstrecken? Wenn man die Familienferien mit ein bisschen weniger Bedeutung auflädt?

Kleines Zeitfenster für die perfekte Reise mit Kindern

Am Ende ist der einzige Weg zum Ferienglück wohl die Akzeptanz der Realität. Die besteht darin, dass kleinen Kindern manchmal langweilig ist, wenn sie keine anderen Kinder zum Spielen haben; dass sie selten Lust haben, antike Ruinen zu besichtigen; dass sie auch in den Ferien nie so lange schlafen, wie ihre Eltern das gerne hätten; dass Eltern keine Animateure sind. Und dass keine Reise alle immer gleichzeitig glücklich macht.

Die heutige Generation von Eltern will ihre Reisevorlieben nach der Geburt der Kinder am liebsten beibehalten. Aber die Wahrheit ist doch: Das Zeitfenster für die richtig tollen Reisen mit Kindern – Safari in Afrika, Wandern im kanadischen Nationalpark, Bummeln in New York – ist klein.

Mit etwa acht Jahren sind sie gross genug, um nicht ständig zu jammern und um den echten Elefanten cooler zu finden als Benjamin Blümchen aus dem Kopfhörer. Mit der Pubertät schliesst sich das Fenster wieder, die Teenies schauen aufs Handy und finden alles langweilig beziehungsweise Flugreisen ohnehin ethisch nicht vertretbar. Für die perfekten Familienferien ist der Nachwuchs fast immer entweder zu gross oder zu klein; hat man mehrere Kinder, ist das Abpassen des richtigen Zeitfensters quasi unmöglich.

Im Herbst habe ich noch mal kurz frei, geplant ist ein Wochenende alleine mit meiner Freundin. Die Kinder verbringen solange Quality Time mit ihrem Vater. Zu Hause, wo es ja eh am schönsten ist.

Erstellt: 08.08.2019, 08:32 Uhr

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