Vorsatz für 2020: Kirchenaustritt

Die Kirchen sind wichtige soziale Projekte. Kann man austreten, ohne sie zu schwächen? Ja, das geht.

Die Religion hat unsere Vorstellungen von Gemeinschaft nachhaltig geprägt. Heiliggeistkirche und Bundeshaus in Bern. Foto: Franziska Rothenbühler

Die Religion hat unsere Vorstellungen von Gemeinschaft nachhaltig geprägt. Heiliggeistkirche und Bundeshaus in Bern. Foto: Franziska Rothenbühler

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Ein jegliches hat seine Zeit: Geboren werden hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit. Tanzen hat seine Zeit, Suchen hat seine Zeit, Verlieren hat seine Zeit. So steht es in der Bibel. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt für den Kirchenaustritt? Dazu findet sich nichts im Buch der Bücher.

Aber offensichtlich gibt es viele, die dafür den richtigen Moment gefunden haben: Die Landeskirchen verlieren laufend Mitglieder. Wenn die Tendenz anhält, wird schon in einem halben Jahrhundert niemand mehr in der reformierten Kirche sein. So stand es in dieser Zeitung.

Mit einem Kirchenaustritt tat ich mich lange schwer, obwohl so viele Gründe dafür sprechen, die einige kennen oder gar teilen werden. Zumindest alle jene, die bereits aus der Kirche ausgetreten sind: In Sachen Religion bin ich unmusikalisch, um hier den deutschen Soziologen Max Weber zu zitieren, finde also keine Kraft und keinen Halt im Glauben an einen Gott.

Die pascalsche Wette kommt mir vor, als würde man als ewiger Buchhalter Nötzli auch noch fürs Jenseits eine Vollkaskoversicherung abschliessen wollen. 

Sogar zum Feiertagschristen habe ich kein Talent: Seit einer Hochzeit und einer Beerdigung vor mehreren Jahren war ich bei keinem Gottesdienst mehr dabei. Auch nicht an Weihnachten. Wenn nichts Unerwartetes geschieht, werden dies meine einzigen Kontakte mit der Kirche bleiben: Hochzeiten, vielleicht mal eine Taufe. Und ­Beerdigungen, hoffentlich nicht zu viele – bis hin zu meiner eigenen, wobei ich alles andere als scharf darauf bin, dass mir jemand, der mich nicht gekannt hat, noch einige warme Worte nachruft.

Auch auf die pascalsche Wette will ich nicht so richtig einsteigen. Selbst wenn der Gedanke sicher gewitzt ist, der Glaube sei vernünftig, wenn man das Restrisiko bannen will, dass Gott tatsächlich existiert – und er einen für seinen Unglauben strafen könnte. Also besser glauben, dann ist man auf der sicheren Seite. So weit Pascal. Aber mir kommt diese Wette albern vor, ganz so, als würde man als ewiger Buchhalter Nötzli auch noch fürs Jenseits eine Vollkaskoversicherung abschliessen wollen.

In Sachen Tod halte ich es mit dem Biologen Francisco Varela, der – schwer krebskrank – den Reichtum der Gegenwart, also die Grossartigkeit des Hierseins, hervorstrich, und auf die Frage, was er sich selbst in Sachen Jenseits erwarte, mit einem lachenden «Surprise, surprise!» antwortete. Mehr gibt es in dieser Hinsicht für mich zu Lebzeiten nicht zu denken.

Die Kirchen leisten viel Unterstützenswertes

Mir ist klar, dass unsere moralischen Wertvorstellungen und vieles, was wir Gesellschaft und Kultur nennen, durchwirkt sind vom Christentum. Aber all das existiert heute weitest­gehend unabhängig von den kirchlichen Institutionen. Muss sogar – in einem säkularen Staat, in dem Wertvorstellungen öffentlich ausgehandelt und auch verändert werden können. Die Kirchen als weitgehend geschlossene und zunehmend schwindende Gemeinschaften, die auf ein Buch zentriert sind, scheinen da keine gewichtige Rolle mehr zu spielen.

Warum also sich mit einem Austritt schwertun, warum die Institution Kirche nicht grundsätzlich infrage stellen? Weil die Kirchen auch nach Abzug aller Glaubensinhalte und aller Bedenken gegenüber Dogmen und Frömmigkeit ein soziales Projekt sind, das unterstützenswert ist: Viele ­Kirchen kümmern sich um ältere Menschen, um Obdachlose, Flücht­linge. Dafür erhalten die beiden ­grossen Landeskirchen substanzielle Staatsbeiträge – neben den direkten Kirchensteuern. Nach einer Hoch­rechnung der NZZ sollen es jährlich rund 440 Millionen Franken sein. Die Kirchen erhalten also Geld, das von allen Steuerzahlern stammt, auch wenn diese nicht Kirchenmitglieder sind. Oder gar einer anderen ­Glaubensgemeinschaft angehören.

Das ist kein Problem, wenn auch andere Religionsgemeinschaften wie die Muslime die Möglichkeit haben, solche Staatsbeiträge zu erhalten – für Leistungen, die sie für unsere Gesellschaft als Ganzes erbringen, etwa im Bereich Integration. Das ist etwas, was ich unterstützenswert finde. Aber dafür muss ich nur ein steuerzahlender Staatsbürger sein – und kein Mitglied in einer Kirche. Deshalb trete ich hiermit aus.

Erstellt: 03.01.2020, 15:21 Uhr

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