Wände weg

Sind Grossraumbüros wirklich besser? Eine neue Studie belegt das Gegenteil.

Nicht jedermanns Sache: Arbeit im Grossraumbüro. Foto: Getty Images

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Im Arbeitsalltag gilt die Massenhaltung von Angestellten fast schon als Wundermittel. Führungskräfte schwärmen, in freien, offenen Flächen verbessere sich das Miteinander der Bürobesatzung, weil mit den Wänden auch die Grenzen der Kommunikation niedergerissen würden. Jeder könne jederzeit mit jedem reden, ohne erst seine Einzelwabe verlassen zu müssen – das steigere die Produktivität ganz gewiss, so die Theorie. Natürlich schwingt dabei immer der Verdacht mit, dass Bürobewohner in Einzelzimmern hauptsächlich prokrastinieren und sich Youtube-Filmchen ansehen.

Aber wie so oft, wenn sich Manager etwas ausdenken, sträuben sich die Menschen. So berichten Ethan Bernstein und Stephen Turban von der Universität Harvard im Fachjournal «Philosophical Transactions B», dass Grossraumbüros die Kommunikation hemmen, statt sie zu fördern – und dadurch die Produktivität eher mindern. Für ihre Studie analysierten die Forscher das Verhalten von Mitarbeitern in zwei grossen US-Unternehmen, die gerade ganze Abteilungen in offene Büroflächen verlegt hatten. Eine der Firmen bejubelte die Umgestaltung sogar als «War on Walls».

Sobald sie in Grossraumbüros arbeiten mussten, sprachen die Angestellten weniger miteinander.

Allerdings verzeichnet dieser Krieg gegen Wände vor allem hohe Verluste: Sobald sie in den Grossraumbüros arbeiten mussten, sprachen die Angestellten deutlich weniger miteinander. Die Gespräche von Angesicht zu Angesicht nahmen um etwa 70 Prozent ab. Die Mitarbeiter wichen auf E-Mail oder Messenger aus, deren Nutzung um etwa die gleiche Rate nach oben schnellte.

Überraschend sind die Ergebnisse keinesfalls. Schon zuvor hat eine Reihe von Untersuchungen zahlreiche negative Wirkungen von Grossraumbüros belegt. Im offenen Gehege unter den Augen von Kollegen und Vorgesetzten zu arbeiten, reduziert die Zufriedenheit vieler Angestellten. Sie lassen sich leichter ablenken und vermissen das Gefühl, gelegentlich vom Radar zu verschwinden.

Wenn Rückzugsräume fehlen, «entwickeln Angestellte andere Strategien, um sich Privatheit zu verschaffen», sagen Bernstein und Turban. Statt unter den Blicken ihrer Kollegen aufzustehen und zwei Tische weiter mit dem Chef zu reden, schreiben sie also lieber eine E-Mail. In einem Büro geht es eben niemals nur um die Sache, sondern immer auch darum, wer wann mit wem redet. Welch ein Segen dagegen, wenn Gespräche in Einzelbüros stattfinden, ohne dass alle lauschen. Die Legende vom produktiven Grossraumbüro müssen sich Leute erdacht haben, deren Platz im Einzelzimmer sicher ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2018, 21:43 Uhr

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