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Wäre die Welt ohne Religionen besser dran?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktorinnen und Redaktoren die am häufigsten gegoogelten Fragen.

Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai kickt den Fussball in einem jordanischen Flüchtlingslager 2015. Die von glaubensfanatischen Taliban schier ermordete junge Frau fordert mehr Unterstützung für die Bildung von Mädchen, Frauen, Flüchtlingen. Foto: AP Photo/Muhammed Muheisen (Keystone)
Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai kickt den Fussball in einem jordanischen Flüchtlingslager 2015. Die von glaubensfanatischen Taliban schier ermordete junge Frau fordert mehr Unterstützung für die Bildung von Mädchen, Frauen, Flüchtlingen. Foto: AP Photo/Muhammed Muheisen (Keystone)

Bereits das Lehrgedicht «Über die Natur der Dinge» von Lukrez (ca. 99–55 v. Chr.) kennt die rechte Antwort: Der Mensch krümmte sich einst «unter der Last schwerwuchtender Religion». Doch dann brach laut Lukrez der Denker Epikur die Pforten zu Mutter Natur auf und errang «als Siegesbeute die Wahrheit»: die Erkenntnis, dass alles aus winzigen Teilchen besteht, die sich verbinden und wieder lösen. Auch das Ich zerstiebt im Tod.

Seelen seien sterblich, Götter eine manipulative Erfindung, die Erde «ist nur ein Himmelskörper unter unendlich vielen, nicht Mittelpunkt». Relevant sei daher das Hier und Jetzt: Am besten, man lebe glücklich und gut. Doch «grade die übliche Religion ists, die oft gottlose Taten erzeugt».

Religionshüter jagen Gedichte – und Menschen

Lukrez traf den Nagel auf den Kopf. Sein 1417 wiederentdecktes Gedicht beflügelte die Aufklärung derart, dass die Kirche den Text auf die Liste verbotener Bücher setzte, wo er bis zur Aufgabe der Liste 1966 blieb. Wer auf Lukrez verwies, konnte auf dem Scheiterhaufen landen wie Astronom Giordano Bruno.

Schon der Umgang mit dem Gedicht zeigt: Seine Thesen treffen zu. Zwar bekennen sich die Weltreligionen zu Friedfertigkeit und Güte. Aber die Taten ihrer Gläubigen zeugen eher selten davon. In der Irrationalität von Religionen lauern Absolutheitsansprüche samt latenter Gewaltbereitschaft. Zu ihren Begleiterscheinungen zählen heute die Diskriminierung von Frauen und LGBTQ-Menschen, die Aids-Epidemie in Afrika (Kondomverbot), blutige Konflikte zwischen und in den Glaubensgemeinschaften, von Buddhismus über Islam bis Christentum.

Die Bilanz ist mau

Man mag mit Philosoph Larry Siedentop argumentieren, das Christentum habe den antiken Individualismus geadelt, indem es jedem und jeder eine Gottesbeziehung zugestand. Und Klöster brachten neben (oft staatstragender) Indoktrination auch Bildung, Fürsorge sowie herrliche Kunstwerke und Bauten in die Welt. Unverhofft förderten sie gar den – wahrhaft emanzipatorischen – Säkularismus. Im Windschatten offizieller Kirchen entstanden zudem Widerstandsbewegungen wie die gegen die US-Sklaverei und die DDR-Diktatur; die Bekennende Kirche in Nazi-Deutschland, die Befreiungstheologie in Lateinamerika. Aber die aktuelle Bilanz ist mau.

Nicht nur Physik-Nobelpreisträger Steven Weinberg urteilt, dass Religion mehr schadet als hilft. Er setzt auf Moral ohne religiöses Raunen, Altruismus, der uns als sozialen Wesen innewohnt. Selbst Seine Heiligkeit der Dalai Lama predigt, die Neurobiologie bestätige den Altruismus als urmenschliche, essenzielle Überlebensstrategie. «Wir brauchen eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen.» Manchmal wünsche er sich eine Welt ohne Religion. Amen!

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