Warum das komplizierteste Familienmodell auch das beste ist

Eine Familie gründen und sich Job und Haushalt je zur Hälfte aufteilen – klingt schön. Aber die Realität macht viel Arbeit.

Immerhin sind gerade beide zu gleichen Teilen entnervt: Elisabeth Niederer und Eric Bergkraut in einer Szene im neuen Schweizer Spielfilm «Wir Eltern». Foto: PD

Immerhin sind gerade beide zu gleichen Teilen entnervt: Elisabeth Niederer und Eric Bergkraut in einer Szene im neuen Schweizer Spielfilm «Wir Eltern». Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Will man eine Aufgabe mit hundertprozentiger Verantwortung gerecht aufteilen, scheint die Rechnung kinderleicht. 50/50 – so simpel, elegant und einfach sieht die gerechte Lösung auf dem Papier aus. Obschon man solche Dinge ja selten niederschreibt, wenn man eine Familie gründet. Wie die meisten jungen Menschen hatten auch ich und mein Partner eine nur vage, dafür aber romantische Idee davon, wie Familien- und Erwerbsarbeit aufgeteilt und ein solcher Alltag gestaltet werden könne. Aber immerhin hatten wir eine.

Denn obschon gerade junge und urbane Eltern in der Familienplanungsphase oft mit dem 50/50-Modell liebäugeln, leben es am Ende nur sehr wenige. Nach wie vor arbeiten heute knapp 90% der Männer in der Schweiz Vollzeit – und die meisten Teilzeiter auch mindestens 80.

Dabei passt das 50/50-Modell bestens in unsere Zeit: Beide können eine Beziehung zum Kind aufbauen, schultern zu gleichen Teilen finanzielle und erzieherische Verantwortung; beide sind eher in der Lage, flexibel auf Anforderungen zu reagieren, bleiben unabhängiger. Männer müssen keine blossen Bezahlväter mehr sein, Mütter können in ihren besten Jahren noch andere Erfahrungen machen als kochen, putzen und mit den Kindern basteln.

Gerechtigkeit hielt ich für eine Grundvoraussetzung, wenn man zusammen eine Familie gründet.

Auch die Risiken sind besser verteilt: Ein Jobverlust ist verkraftbarer als beim traditionellen Modell, und bei einer allfälligen Scheidung wären die Weichen zum Wechselmodell, bei dem man die Obhut teilt, bereits gestellt.

Für mich ging es im Moment der Familienplanung zudem noch um etwas anderes: Gerechtigkeit, gleiche Spiesse für beide, das hielt ich für eine Grundvoraussetzung, wenn man zusammen eine Familie gründet. Eigentlich hat 50/50 also nur Vorteile. Zumindest auf dem Papier. Bis man dann feststellt, dass die simple Rechnung im realen Leben eine komplexe Operation mit mehreren kaum lösbaren Brüchen ist.

Esstisch oder Verhandlungszimmer? Szene aus dem Film «Wir Eltern». Foto: PD

Die gute Nachricht: Wenn man mit 50/50-Paaren redet, sagen die meisten, es sei das beste Modell, und ich teile diese Meinung. Wobei «Rückblick» der Schlüsselbegriff ist. Steckt man mittendrin, sieht die Sache etwas anders aus. Um etwas gerecht zu teilen, muss man es quantifizieren können, sonst gibt es endlose Diskussionen. Das Management einer Familie aber ist eine Gleichung mit so vielen Unbekannten, dass es oft genau dahin mündet: in endlose Diskussionen.

Es ist für beide anstrengend

Nach der Geburt meines zweiten Kindes wohnten wir in Basel, ich arbeitete 80 Prozent und in Zürich, der Partner blieb zu Hause, arbeitete selbstständig, Pensum nach Möglichkeit. Wie oft wankte ich nach einer unruhigen Nacht nach Zürich und nach dem anstrengenden Arbeitstag wieder nach Hause, wo es bereits zu ersten Diskussionen kam, weil ich später als angekündigt eintraf. Sobald ich die Wohnung betrat, warfen sich die Kinder mit Anlauf auf mich und blieben da, bis es Zeit war, sie ins Bett zu bringen. Am Ende des Tages waren wir Eltern nudelfertig – und argwöhnten heimlich, der andere sei punkto Belastung besser weggekommen.

Die Wahrheit ist: Es ist für beide anstrengend – und oft auch zu viel, denn sowohl die finanzielle wie auch die emotionale Verantwortung für eine Familie zu tragen, wiegt schwer.

Meistens ist die Mutter in der Managementposition.

Die gerechte Aufteilung familiärer Verantwortung ist auch deshalb schwierig, weil Familien schon von Natur aus volatil sind. Kinder wachsen heran, verändern sich, und entsprechend verändern sich auch die Eltern, ihre Beziehung, Aufgaben, Ansprüche. Deshalb wird in 50/50-Familien dauernd verhandelt: Wer gibt von seiner Zeit wie viel preis, wer leistet wie viel, wer hat Anspruch auf was. Wer dieses Modell wählt, sollte dem nicht abgeneigt sein.

Ein besonderer Streitpunkt ist das sogenannte Familienmanagement, das vor allem aus Graubereichen besteht. Oft sieht sich die eine Partei, meistens die Mutter, in der Managementposition, nicht ohne sich aber darüber zu beschweren, dass Männer nie an Kindergeburtstage denken und auch im Haushalt einen Tunnelblick an den Tag legen. Die Väter geben dann entnervt zurück, sie würden solche Aufgaben mit Freuden übernehmen, wenn die Mütter sie ihnen ausdrücklich zuteilen würden, was sie aber nicht täten. Worauf die Mütter die Augen verdrehen und sagen, dass er endlich lernen müsse, sich von selbst um diese Aufgaben zu kümmern.

Es ist in jeder Familie von Vorteil, wenn Mutter und Vater sich grundsätzlich mögen, aber im 50/50-Modell ist es besonders wichtig. Ansonsten haben solche Diskussionen die Tendenz, von etwas so Belanglosem wie Brotkrümel im Bett zum grundsätzlichen Charakterfehler des anderen zu wandern, was einer Lösung des jeweiligen Problems selten Vorschub leistet.

Studie findet positive Effekte bei 50/50-Modell

Und dennoch ist es das beste Modell. Wer flexibel und kreativ genug ist, die schwierigen Anfangsjahre zu meistern, wird diesen Einsatz nie bereuen. Zu einem ähnlichen Resultat kommt auch eine gerade erschienene Langzeitstudie der Universität Zürich. Demnach wirke sich die zunehmende Freiheit, Familien- und Erwerbsarbeit individuell einteilen zu können, positiv auf moderne Familien aus.

Ein guter Anfang ist dabei das Eingeständnis, dass es immer nur annähernd gerechte Lösungen gibt. Ein bisschen Glück gehört auch dazu. In meinem Fall war die Aufteilung in Wirklichkeit eher ein 50/80-Modell, wobei beide phasenweise mehr zu Hause waren und dann wieder mehr arbeiten gingen. Was für beide eine wichtige Erfahrung war.

Jede Familie ist auch eine Art lebender Organismus, ein klarer 50/50-Schnitt ist gar nicht denkbar. Man kann höchstens hoffen, ihn so zu gestalten, dass er sich den immer wieder neuen Anforderungen anpassen kann. Doch auch wenn die Rechnung nicht ganz so leicht ist wie auf dem Papier, gewinnen letztlich alle: Beide Eltern haben ihre Erfahrungen als Elternteil und als Erwerbstätige, von dem beide profitieren, wenn die Familienphase sich dem Ende zuneigt. Und die Kinder durften einen Vater und eine Mutter kennen lernen – und kennen nun das Familienmodell der Zukunft.

Der Spielfilm «Wir Eltern»
Wie soll man das nennen: ein satirisches Selbstporträt eines linken urbanen Bürgertums, das seinen Kindern zu viel erlaubt? Dokumentarfilmregisseur Eric Bergkraut («Zimmer 202») und Schriftstellerin Ruth Schweikert spitzen den Familienalltag in der eigenen Wohnung in Zürich heftig zu, Vater und Söhne spielen Vater und Söhne, die Rolle der Mutter übernimmt die Schauspielerin Elisabeth Niederer. «Wir Eltern» macht aus Realitätsmaterial eine Dokufiktion, wo die Teenager-Söhne die Schule schwänzen und überall Sauereien hinterlassen, bis sich die Eltern entscheiden, diese Bengel sich selbst zu überlassen. Abgedreht in nur zwei Wochen, kommt dieser komödiantische Selbstversuch bei aller Verschärfung von Erziehungsproblemen ganz locker daher. Immer wieder ordnen Experten die Lage ein, darunter Kinderarzt Remo Largo sowie Michèle Binswanger, Autorin dieser Zeitung. (blu) Ab 10.10. in den Kinos.

Erstellt: 09.10.2019, 15:59 Uhr

Artikel zum Thema

Der Mann von der Förderung fragte: «Ist das ein Thema?»

Natascha Bellers Komödie «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» ist der einzige Schweizer Film auf der Piazza in Locarno. Das Drehbuch wollte niemand finanzieren. Mehr...

Jesper Juul ist tot

Der Familientherapeut und Bestsellerautor stellte die Erziehung auf den Kopf. Nun ist Juul nach langer Krankheit gestorben. Mehr...

Hilfe, mein Kind trägt Dieter-Bohlen-Kleider

Essay Der Sohn unserer Autorin liebt Autos, Geld und Partys, wo halb nackte Frauen tanzen. Wie konnte es so weit kommen? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...