Warum schreiben Sie plötzlich genderkorrekt?

Darum greift unser Kolumnist nach den Sternchen.

Die soziale Welt ist keine der heterosexuellen Normen: Genderneutrales WC an einer Schule in Seattle. Foto: Elaine Thompson (AP)

Die soziale Welt ist keine der heterosexuellen Normen: Genderneutrales WC an einer Schule in Seattle. Foto: Elaine Thompson (AP)

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Ich habe Mühe mit Ihrer Schreibweise von Berufsbezeichnungen, zum Beispiel «Ökonom*innen». Tun Sie das, weil Sie als Linker politisch korrekt sein wollen? Am selben Tag hat der «Tages-Anzeiger» einen Artikel so betitelt: «Kantone wollen Primarlehrer besser ausbilden». Ist das falsch, weil sowohl * wie der Zusatz für die weibliche Form fehlen?
R. P.

Lieber Herr P.
Wie Sie wahrscheinlich bemerkt haben, bin ich beim Gendern keineswegs konsequent. Manchmal gebrauche ich das generische Maskulinum, manchmal die weibliche Form und manchmal halt auch das sogenannte Gender-Sternchen. Politische Korrektheit habe ich mir erst als eine Form der Höflichkeit angeeignet, seit manche Leute sich darüber aufregen: als ginge die Welt unter, seit man nicht mehr «Mohrenkopf» sagen darf und Frauen nicht mehr grammatikalisch einfach mitgemeint sind. Meine Gender-Gewährsfrau ist freilich nicht unbedingt Luise F. Pusch, sondern Judith Butler.

Darum ist auch linguistische Identitätspolitik keine meiner Herzensangelegenheiten, wenngleich mir der derzeitige Geifer gegen die sogenannte Identitätspolitik auf den Keks geht. Eigentlich bin ich gegen Identitätspolitik gerade mit dem Argument aus der Gendertheorie, dass (geschlechtliche) Identität nichts Letztes, Unhintergehbares ist, sondern etwas, das wir machen, aber auch etwas, das mit uns gemacht wird.

Ich kann mich nicht für eine «schwule Identität» erwärmen.

Ich habe ebenso etwas gegen die Diskriminierung von Lesben, Schwulen und Transsexuellen, «Queeren» und Intersexuellen; aber ich kann mich nicht für eine «schwule Identität» erwärmen, wie ich auch den Begriff einer heterosexuellen Identität blödsinnig finde. Was soll das sein?

Dass es eine solche Identität nicht gibt, bedeutet aber nicht, dass die soziale Welt eine der heterosexuellen Normen ist. «Ganz normal» sind bestimmte Dinge immer nur aus der Perspektive der ganz Normalen. Ich sehe des Weiteren nicht ein, warum man die sozialen Anliegen von Arbeitslosen gegen die der Schwulen ausspielen sollte, als ob nicht auch Schwule arbeitslos und Arbeitslose schwul sein könnten.

Meine Position ist keineswegs eindeutig – weil mir der Gegensatz von sozialer Frage und dem, was die Leute verächtlich «Genderwahn» nennen, nicht einleuchtet, besonders dann nicht, wenn er völlig kontextfrei behauptet wird. Wenn ich ab und zu das Gender-Sternchen gebrauche, will ich damit zeigen, dass die Fragen, die in diesem Ding symbolisiert sind, durchaus plausibel und wichtig sind. Das Sternchen ist kein Zeichen der Anbiederung, sondern einer Art solidarischer Freundlichkeit. Ich habe mich früher über die «ArchitektInnen und InnenArchitekten» lustig gemacht. Innerhalb der linken Szene war das vielleicht witzig; heute, in einem geänderten politischen Kontext, ist es eher miefig.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2018, 18:35 Uhr

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