Warum Sie besser im Büro arbeiten

Immer mehr Menschen wünschen sich flexible Arbeitsmodelle. Doch die Freiheit hat einen hohen Preis.

Homeoffice kann Vorteile bieten, aber auch Nachteile – vor allem, wenn es um Zusammenarbeit geht. Foto: Unsplash

Homeoffice kann Vorteile bieten, aber auch Nachteile – vor allem, wenn es um Zusammenarbeit geht. Foto: Unsplash

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Vor zwei Wochen stellte Ryan Hoover, ein Gründer aus San Francisco, der Netzgemeinde auf Twitter eine Frage: «An die, die von zu Hause arbeiten: Was ist euer grösster Frustfaktor?» Die Antworten waren teils unterhaltsam – «Hose anziehen oder nicht?», «Laubbläser», «Kinder» – teils sehr ernsthaft: «Die Isolation kann dich brechen.» Die Reaktionen zeigen einmal mehr, dass Heimarbeiter einen Preis für die vermeintliche Freiheit zahlen. Einsamkeit, Ablenkungen, technische Störungen sind nur ein paar Beispiele.

Derzeit aber kann man das Gefühl bekommen, das Arbeiten von zu Hause oder unterwegs sei das Ideal, das möglichst überall erreicht werden soll. Zwar kommt es einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge vor allem für privilegierte Arbeitnehmer in Betracht: gut und hoch qualifizierte Angestellte, Führungspersonal sowie Beamte ab dem gehobenen Dienst.

Arbeitszeitplanung wird immer individueller

Seit Jahren wird die Arbeitszeit zunehmend individualisiert. Modelle mit Gleitzeit, oder bedarfsorientierter Schichtplanung nehmen Rücksicht auf die Bedürfnisse des Einzelnen. Dafür gibt es gute Gründe, es fördert die Effizienz, trägt zur körperlichen und geistigen Gesundheit der Menschen bei. So argumentiert auch die «New Work»-Bewegung. Doch je stärker der Blick auf die individuelle Arbeitsplanung gerichtet wird, desto grösser ist die Gefahr, dass etwas verloren geht: das Arbeiten miteinander. Bedeutet also die neue Flexibilität das Ende der Teamarbeit, wie wir sie bisher kennen?

Vermutlich ja. Menschen, die heute ihre erste Stelle antreten, werden ein anderes Verständnis von Teams und Teamarbeit entwickeln. Weg von einer dauerhaften Kollegenbeziehung, in der das Feierabendbier zum guten Ton gehört und man gemeinsam Geburtstage feiert. Hin zu temporären Teams, die nur für ein Projekt zusammenwirken müssen, virtuell und multinational. Das kann auch funktionieren – wenn allen Beteiligten klar ist, dass bei aller Rücksicht auf individuelle Belange die Arbeit im Zentrum steht.

Dass Menschen sich als Teamarbeiter verstehen, ist historisch gesehen eine Errungenschaft.

Im «Millennial Survey 2018» der Unternehmensberatung Deloitte antworteten die Befragten – zwischen 1983 und 1999 geboren –, dass ihnen bei einem potenziellen Arbeitgeber neben einer guten Bezahlung vor allem eine positive Arbeitsatmosphäre und Flexibilität in Bezug auf Arbeitszeit und -ort wichtig seien. Nur: Wer soll die positive Atmosphäre im Betrieb eigentlich schaffen und gestalten, wenn viele Kollegen lieber zu Hause bleiben?

Ein Team ist, vereinfacht gesagt, eine Gruppe von Individuen, die zusammenarbeiten, um ein Ziel zu erreichen. Es soll Mitarbeiter handlungsfähiger machen und Hierarchien abbauen. Dass Menschen sich als Teamarbeiter verstehen, ist historisch gesehen eine Errungenschaft. Als ein Auslöser dieser Entwicklung gelten die Hawthorne-Studien, die zwischen 1924 und 1932 in den Hawthorne-Werken der Western Electric Company in Chicago durchgeführt wurden. Die Forscher sollten der Frage nachgehen, wie man die Arbeitsleistung von Arbeitern steigern kann.

Das Gemeinschaftsgefühl geht verloren

Eine wesentliche Erkenntnis war, dass menschlich-soziale Beziehungen, also die Art, wie Vorgesetzte mit ihren Mitarbeitern kommunizieren und wie Kollegen miteinander umgehen, für die Produktivität wichtig sind. In der Folge setzten sich Forscher zunehmend mit Teams und deren Dynamik auseinander. Ihre Ergebnisse wurden in zig Seminaren an Führungskräfte vermittelt. Das Verständnis von Teamentwicklung als Chefsache erreichte ungefähr in den 2000er-Jahren seinen Höhepunkt, als Manager ihre Mitarbeiter scharenweise in Hochseilgärten schleppten, um bei Übungen mit wenig subtiler Symbolik angeblich Vertrauen zueinander aufzubauen.

In den meisten Fällen ist der Kontakt zwischen Mitarbeitern immens wichtig und positiv.

Dahinter steckt aber ein wichtiger Gedanke. Ein Team ist eben nicht nur eine Gruppe von Menschen, die organisatorisch einer Abteilung angehören. Sondern es ist aus Sicht der Arbeitsforschung eine Gruppe, die eine Aufgabe löst, sich als Gemeinschaft definiert oder daraus eine gemeinsame Identität entwickelt. Eine Gruppe muss also daran arbeiten, zu einem Team zu werden. Und das wird durch unterschiedliche Arbeitsorte und die Digitalisierung nicht unbedingt einfacher.

Das stetige Gerede von der Work-Life-Balance ist ebenfalls wenig hilfreich. Der Begriff suggeriert, dass Arbeit nicht zum Leben gehört. Das ist aber eine absurde Haltung. Ja, Kollegen können einen in den Wahnsinn treiben. Aber in den meisten Fällen ist der Kontakt zwischen Mitarbeitern immens wichtig und positiv. In den mehr als 1500 Antworten auf Ryan Hoovers Twitter-Frage ist dieses Gefühl immer wieder zu finden: Daheim vermissen Nutzer die soziale Interaktion im Büro, den Austausch von zufälligen Ideen im Team, Wertschätzung von Kollegen in der Zentrale.

Entscheidend ist die «psychologische Sicherheit»

Eine weitere Unwucht: Eines der Hauptargumente für Heimarbeit und New Work ist, dass neue Kommunikationsmittel wie Messenger und Videotelefonie die räumliche Trennung zwischen Firmen- und Heimbüro aufheben. Befürworter von Home-Office und Vertrauensarbeitszeit schwärmen gern von der Flexibilität, die sich daraus ergebe. Nachmittags die Kinder betreuen oder sich mit Freunden treffen und dafür abends noch ein paar Stunden arbeiten. Gleichzeitig sollen Mitarbeiter vor Anrufen und Mails zu jeder Tages- und Nachtzeit geschützt werden. Was denn nun?

Das Unternehmen Google hat in einem jahrelangen Projekt aufwendig untersuchen lassen, wie es seine Teams produktiver und effizienter machen kann. Unter dem Arbeitsnamen «Aristotle» befragten und untersuchten Forscher 180 Teams des Suchmaschinenbetreibers. Sie stellten fest, dass die Zusammensetzung nach Charakteren nicht entscheidend ist. Auch spielte es keine Rolle, ob die Mitglieder zielgerichtet miteinander umgingen oder ob sie zu Beginn ihrer Meetings erst mal den neuesten Klatsch austauschten. Entscheidend war, dass die Teammitglieder sich «psychologisch sicher» fühlten, sich gegenseitig zuhörten und für die Gefühle und Bedürfnisse der anderen sensibel waren. Genau das ist aber ein Lernprozess und entsteht nicht einfach so.

In Zukunft müssen nicht nur vermehrt Zeitzonen überbrückt werden, sondern auch kulturelle Unterschiede.

Zurzeit streiten noch die Experten, wie Arbeiten im Jahr 2050 tatsächlich aussehen wird. Fest steht, es wird globaler und digitaler. Dabei müssen nicht nur Zeitzonen überbrückt werden, sondern auch kulturelle Unterschiede. Um das zu gestalten, muss in Unternehmen zukünftig noch mehr kommuniziert werden. Je nach Beruf wird es gerade bei sogenannten Wissensarbeitern mehr temporäre Teams geben, deren Mitglieder hauptsächlich von auswärts arbeiten und sich kaum persönlich kennen. Inwieweit sie sich überhaupt als Team im Wortsinn begreifen können, ist unter diesen Voraussetzungen fraglich.

Denn kollaborative Software und elektronische Nachrichten können das persönliche Gespräch unter Kollegen nur schlecht ersetzen. 2010 liessen Forscher der George Mason University und der University of Illinois in einer Studie 200 Studenten in Gruppen komplexe Aufgaben bewältigen. Einige kommunizierten dabei per E-Mail, andere per Videokonferenz und weitere von Angesicht zu Angesicht. Im Ergebnis schnitten diejenigen am besten ab, die persönlich miteinander sprachen – während die Gruppen, die sich per E-Mail abstimmten, die Aufgaben am schlechtesten lösten. Die Forscher führten das unter anderem darauf zurück, dass Teamarbeit auf Vertrauen fusst. Und Vertrauen entstehe, wenn die Kollegen anhand der Körpersprache ablesen können, dass sich alle im Team gleichermassen in die Arbeit hineinhängen.

Es braucht Kommunikationsregeln

In Zukunft wird es drei Gruppen von Menschen geben, die mobil oder von zu Hause arbeiten. Diejenigen, die es immer wieder müssen, um Kinder oder Angehörige zu betreuen. Diejenigen, bei denen es der Job so vorsieht, Aussendienstler zum Beispiel. Und diejenigen, die Bürogemeinschaften als einengend oder uncool empfinden. Damit sie sich bei der Arbeit in einem Team «psychologisch sicher» fühlen können, bedarf es einiger Anstrengungen.

Erstens: Kommunikationsregeln. Alle im Team müssen wissen, wer wann wo zu erreichen ist. Auch regelmässige Updates, wer gerade woran arbeitet, sind wichtig: Transparenz schafft Vertrauen. Vor allem aber müssen diejenigen, die im Betrieb arbeiten, schnelle Entscheidungen über den Schreibtisch hinweg vermeiden, das grenzt jene, die auswärts arbeiten, aus. Stattdessen sollten sich die Teammitglieder regelmässig zu Treffen verabreden, in denen sie gemeinsam über Fortschritte befinden – persönlich oder virtuell.

Die Arbeit darf nicht an einigen wenigen hängen bleiben.

Um Konflikte im Team zu vermeiden, braucht es offene Kommunikation. Da das über digitale Kanäle schnell zu Missverständnissen führt, gilt zweitens: Ohne Präsenztage geht es nicht. An Tagen, in denen alle im Betrieb sind, lassen sich Probleme direkt ansprechen und lösen. Auch Vorgesetzte verlieren ihre Mitarbeiter so nicht aus dem Blick: Ist jemand gesundheitlich angeschlagen und braucht Unterstützung? Haben alle den gleichen Kenntnisstand? Und weiss jeder, was im Unternehmen sonst gerade passiert?

Drittens: Problembewusstsein. Ja, Home-Office und Rücksicht auf die individuelle Freizeitplanung sind toll. Die Arbeit darf dennoch nicht an einigen wenigen hängen bleiben. Entscheidet die Gruppe gemeinsam, wie sie mit den unterschiedlichen Arbeitsweisen umgehen will und welche Regeln gelten, steigert das die Akzeptanz.

Teams – das werden in Zukunft eher Projektgruppen sein. Dauerhafte Beziehungen, Freundschaften gar, entstehen dabei selten. Viele der mobilen Arbeiter streben das auch gar nicht an. Wer allerdings die Isolation fürchtet, der muss eine andere Arbeitsweise wählen.

Erstellt: 04.04.2019, 11:56 Uhr

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