Warum sind alle so schnell beleidigt?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktorinnen und Redaktoren häufig gegoogelte Fragen.

Empörung über die Darstellung von Transgender-Menschen und Schwarzen: Ein verschmiertes Wandbild des Cartoonisten Ralf König in Brüssel.

Empörung über die Darstellung von Transgender-Menschen und Schwarzen: Ein verschmiertes Wandbild des Cartoonisten Ralf König in Brüssel. Bild: Rainbow

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Seit mehreren Jahren schwebt die «Snowflake Generation» durch unsere Gesellschaft, die Schneeflocken-Generation. Das Phänomen begann als rechter amerikanischer Kampfbegriff, der in Grossbritannien auch für Brexit-Gegner verwendet wurde. Und hat sich zu einer kollektiven Irritation erweitert. Denn ja: Es kommt einem manchmal vor, als würden viele Jüngere schon vom Ansatz einer Kritik weggefegt.

Die Empörungswellen in den sozialen Medien scheinen immer höher und häufiger aufzuschlagen. Dass Frauen und Männer sich darüber aufregen, wenn man keine Stern*innen-Texte schreiben will, weil man die nämlich so hässlich findet – es macht einen fassungslos. Wie reflexartig mit Rassismus- und Sexismus-Vorwürfen reagiert wird; dass politisch Andersdenkende in mehreren Städten am Reden gehindert werden; dass eine Brüsseler Wandmalerei von Ralf König, dem tolerantesten Karikaturisten des deutschsprachigen Raums, hätte verschwinden sollen, nur weil er eine schwarze Lesbe mit grossen Lippen und eine mürrisch dreinschauende Transfrau malte – man hört und liest solches Zeug und kriegt sich nicht ein. Kommt nach dem rechtsfrommen Moralismus der linke Meinungsterror? Sind denn alle verrückt geworden?

Ein Teil der Achtundsechziger-Generation betrieb an den Universitäten eine Fertigmach-Rhetorik. Wer nicht gescheit oder arrogant genug war, wurde oft verhöhnt oder weggeschrien. Das hatte etwas Totalitäres. Jetzt scheint die Windhauch-Generation der Millennials dran zu sein, kränkbar, humorlos und geradezu bebend vor Sensibilität über sich selber. Wie der Autor Bret Easton Ellis in «White» geschrieben hat, seiner Polemik über die Wehklage-Generation seines jüngeren Liebhabers: «Sie reagieren überempfindlich, wähnen sich dauernd im Recht und können nichts in seinem Kontext lesen.»

Das ist das eine. So gerne man in diesem Ton weiterschreien möchte, so unehrlich wäre diese Kritik, weil sie nicht nur unsubtil und also pauschal bleibt, sondern in einer entscheidenden Frage unvollständig. Denn ja, wir sind alle schnell beleidigt. Oft zu schnell, zu oft und zu lange. Wen hat ein abschätziger Kommentar, ein massloses Mail, eine öffentliche Verhöhnung nicht schon fertiggemacht? Wer fühlt sich nicht betupft, wenn sein Geschlecht, seine Klasse, seine Haltung attackiert wird?

Wer von sich behauptet, er könne mit Kritik umgehen, ist entweder ein Lügner oder zu stumpf, um Kritik überhaupt noch wahrzunehmen. Alle sind so schnell gekränkt, weil sie so sensibel sind. Genau darum vertragen wir alten, weissen, belehrenden Männer es so schlecht, als alte, weisse, belehrende Männer denunziert zu werden.

Erstellt: 07.02.2020, 13:54 Uhr

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