Warum soll man überhaupt gegen die Eliten kämpfen?

Die Antwort auf eine Leserfrage zu einem aktuellen politischen Thema.

Elitär: Hillary Clinton musste sich den Vorwurf gefallen lassen, von den wahren Sorgen der Arbeiter keine Ahnung zu haben.

Elitär: Hillary Clinton musste sich den Vorwurf gefallen lassen, von den wahren Sorgen der Arbeiter keine Ahnung zu haben. Bild: Jonathan Ernst/Reuters

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Die SVP, andere Rechtsparteien und nicht zuletzt auch der künftige amerikanische Präsident Donald Trump haben sich auf «die Eliten» eingeschossen. Meine Frage lautet: Wer gehört eigentlich zu dieser Elite, was macht diese Elite aus, und was hat sie denn verbrochen, dass man nun gegen sie ankämpfen muss?

M. Z.

Liebe Frau Z.

«Elite» ist ein Zauberwort: Man kann in der Bildungspolitik fordern, dass es wieder mehr Mut zur Elite braucht und die elitärsten Vorstellungen von «mehr Leadership» haben, aber dennoch im gleichen Atemzug gegen «die Eliten» wettern. Die bösen Eliten sind immer andere: jene, die keine Mint-Fächer, sondern Philosophie und Geschichte und Psychologie studiert haben, die von «Inklusion» schwafeln und dafür sind, dass Homosexuelle Kinder adoptieren können, die all den Weicheier-Quatsch vertreten, für den «die Linken», «die Liberalen» halt so stehen. Leute wie ich also und ein paar andere mehr. Die von den wahren Sorgen der Arbeiter keine Ahnung haben (obwohl sie für den Mindestlohn waren und eine Ausrichtung der niedrigsten Löhne an den höchsten), die die Ängste des einfachen Mannes auf der Strasse nicht verstehen und immer so vornehm und Gender-Terror-mässig tun, wenn dann diese einfachen Männer in einem einfachen Männergespräch mal anerkennend von den Titten der Serviertochter schwärmen.

Das Doppelspiel mit dem Begriff der «Elite» funktioniert so: Die «kulturelle» Elite ist schlecht, die ökonomische Elite dagegen sorgt für den Wohlstand des einfachen Volks. Und darum soll diese Elite auch nicht durch höhere Steuern bestraft, sondern mit weniger Steuern belohnt werden. Diese Rhetorik funktioniert, weil das Verhältnis der Leute zur Kultur oft ambivalent ist: Man identifiziert sich mit ihr, wenn es zum Beispiel um die Abwehr der kulturlosen Einwanderer geht; aber man empfindet sie gleichzeitig als Zumutung, die einem von einer angeblich «selbst ernannten Elite» auferlegt wird.

Als Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, hatte ich zunächst auch gedacht, dass der abgehängte Mittelstand und die Unterschicht des Mittleren Westens ihn deshalb gewählt haben, weil ihnen die politische Korrektheit der Ostküsten-Schickeria auf den Wecker ­gegangen ist. Weil sie andere Sorgen ­haben als die Homo-Ehe und sie die Miete mehr drückt als die Frage der Gender­gerechtigkeit.

Doch dieser Gedanke beruht auf gleich mehreren Fehlschlüssen. Zum Ersten haben die Wahlanalysen gezeigt, dass Trump keineswegs der Präsident der Unterschichtwähler ist, wie in manchen Kommentaren zu lesen war. Zum Zweiten: Sind die Nöte der mexikanischen Einwanderer etwa keine Unterschichtssorgen? Zum Dritten: Wenn man die soziale Frage gegen Homo-Ehe und Genderpolitik (was immer das genau heissen soll) ausspielt, tut man so, als wäre Homosexualität ausschliesslich ein dekadentes Phänomen der ­«Eliten». So, als gäbe es keine homo­sexuellen Arbeiter und keine alleinerziehenden Serviererinnen mit lesbischen Töchtern.

Linke und Liberale sind sicher gut ­beraten, ihre Abneigung gegen den ungehobelten «white trash» für genauso politisch inkorrekt und inakzeptabel zu halten wie rassistische Äusserungen. Es besteht aber kein Anlass, nun ins vermeintlich anti-elitäre Geheul der Eliten einzustimmen, die ihre ökonomische Macht keineswegs einzusetzen gedenken für die Interessen der Arbeitslosen, Niedriglohnarbeiter, Einwanderer, Menschen ohne Krankenversicherung und so weiter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.11.2016, 08:20 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens.

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