Warum werden Singles so selten Bundesrat?

Die Präsidentin von Pro Single Schweiz freut sich über die Wahl von Viola Amherd in den Bundesrat. Was sie von der Walliserin erwartet.

«Kompromisse fallen Singles leichter», sagt Sylvia Locher, Präsidentin von Pro Single Schweiz. Bild: Reuters

«Kompromisse fallen Singles leichter», sagt Sylvia Locher, Präsidentin von Pro Single Schweiz. Bild: Reuters

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Frau Locher, mit Viola Amherd ist erstmals seit langem wieder ein Single in den Bundesrat gewählt worden. Freut Sie das?
Ja, ich finde das toll! Es ging ja vor den letzten Bundesratswahlen viel um die angemessene Vertretung der Geschlechter, der Regionen und der Sprachen. Der Zivilstand war nie ein Thema. Dabei beeinflusst er die Lebensweise und den Blickwinkel einer Person genauso stark wie der Wohnort.

Warum werden Singles so selten Bundesrat? Warum sind sie in der Politik überhaupt so untervertreten?
Wenn ich das wüsste! Es gibt natürlich in National- und Ständerat immer wieder Singles. Aber die wenigsten tun sich hervor damit. Der Singlestatus ist nichts, was man nach aussen kehrt. Manche Singles in den Parlamenten treten geradezu vehement für Familienanliegen ein. Sie denken vielleicht: Mir geht es ja gut, und sie realisieren die Nachteile für die Alleinstehenden gar nicht. Die eben zurückgetretene SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer war eine Ausnahme. Sie ist selbst Single und hat sich für uns eingesetzt. Auch Doris Fiala von der FDP tut das immer wieder. Aber Leute wie sie können Sie an einer Hand abzählen.

Singles schämen sich für ihren Status?
Jedenfalls gelten Ehe und Familie in der Politik noch immer als Ideal. Wenn jemand für ein Amt kandidiert, wird er oft so vorgestellt: «Hans Muster, verheiratet, 3 Kinder». Nie liest man: «kinderlos, ledig». Bei Alleinstehenden kommt oft die Frage: Ist das eine seriöse Person? Welchen Lebenswandel führt sie? Eine Familie zu haben, gilt dagegen als Leistungsausweis, als Beleg für Sozialkompetenz. Man präsentiert sich öffentlich gern mit Entourage.

Wie geht Viola Amherd aus Ihrer Sicht mit ihrem Singlestatus um?
Sie macht es grossartig. Kürzlich sah ich sie auf einem Foto mit einer Tante posieren. Sie zeigt damit, dass auch sie in ein Netz eingebunden ist.

Ist sie Ihnen auch politisch als Kämpferin für Single-Anliegen aufgefallen?
Eher nein, aber sie ist da natürlich im Clinch. Sie gehört der CVP an, die sich als Familienpartei verkauft. Im Nationalrat war Amherd direkt in die Parteipolitik eingebunden. Ich bin zuversichtlich, dass sich das jetzt ändert. Als Bundesrätin wird Amherd die Interessen aller Schweizerinnen und Schweizer vertreten, nicht nur derjenigen in Paarbeziehungen mit Kindern.

Konkret: Wo erwarten Sie, dass Bundesrätin Amherd sich für die Alleinstehenden einsetzt?
Ein Dauerthema sind die Sozialversicherungen, etwa die AHV. Man hat bei der gescheiterten letzten Reform, der Altersvorsorge 2020, penibel verglichen, wer nun schlechtergestellt würde: Verheiratete oder Konkubinatspaare. Nach den Alleinstehenden hat nie jemand gefragt. Es gibt im Status quo viele Ungerechtigkeiten, die Rente für verwitwete Frauen ohne Betreuungspflichten zum Beispiel. Mir als 60-jähriger Frau mutet man zu, dass ich erwerbstätig bin – aber eine kinderlose, 55-jährige Witwe soll eine Rente erhalten? Wir fordern mehr Gleichberechtigung.

Ist dies der einzige Bereich, wo Sie benachteiligt werden?
Es gibt noch einige mehr, vor allem bei den Steuern. Immer ist die Rede von der angeblichen «Heiratsstrafe». Dass Ledige a priori einen höheren Steuersatz zu entrichten haben, kommt kaum je zur Sprache. Ich gehe davon aus, dass Amherd sich in diesen Bereichen für uns einsetzen wird.

Viola Amherd muss in einem Gremium mit sechs Kolleginnen und Kollegen nach Kompromissen suchen. Provokant gefragt: Fällt das jemandem schwerer, der allein lebt?
Das Gegenteil ist der Fall! Singles haben oft ein deutlich grösseres soziales Umfeld als Verheiratete. Sie müssen sich intensiver um Kontakte und Freundschaften bemühen und diese pflegen. Kompromisse einzugehen, fällt ihnen nicht schwerer, sondern leichter.

Noch eine provokative Frage: Besteht nicht die Gefahr, dass kinderlose Singles kaum Anreize für nachhaltige Politik verspüren? Warum sich für eine gesunde Umwelt in 50 Jahren einsetzen, wenn man keine Nachkommen hat?
Ich selbst bin kinderlos, und die Umwelt ist mir ein grosses Anliegen. Es ist ein Klischee, dass Singles niemanden haben, um den sie sich sorgen. Sie haben Nichten und Neffen, viele sind oft von jungen Menschen umgeben.

Viola Amherd übernimmt als erste Frau das Verteidigungsdepartement VBS, eine Männerbastion. Wird es die Situation für Amherd noch erschweren, dass sie alleinstehend ist?
Da und dort wird wohl getuschelt werden. Aber Amherd hat Power und ist äusserst fähig: Sie wird das VBS mindestens so gut führen wie ihre zwei Vorgänger. Die werden sich noch wundern in diesem Departement!

Früher repräsentierte der verheiratete Familienvater den Normalfall des Politikers. Im neuen Bundesrat sind fünf von sieben Mitgliedern kinderlos, drei sind Frauen, eine alleinstehend. Stimmt Sie das zuversichtlich?
Es ist erfreulich, dass immer mehr Lebensentwürfe im Bundesrat repräsentiert sind. In früheren Zeiten waren vor allem unverheiratete Frauen im öffentlichen Leben inexistent. Hatten sie keinen Ehemann, parkierte man sie bei Verwandten, wo sie den Haushalt besorgten. Das alles hat sich geändert, auch wenn es viel Zeit braucht. Aber sie arbeitet für uns.

Erstellt: 13.12.2018, 19:43 Uhr

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