Warum wir immer mehr «in Bärn» statt «z'Bärn» sagen

In den Schweizer Dialekten geht der Trend zum Hochdeutschen. Eine Maturandin hat diese Entwicklung genauer erforscht.

Nicht nur an der Bar mischt sich das Hochdeutsche unters Schweizerdeutsche. (Symbolbild)

Nicht nur an der Bar mischt sich das Hochdeutsche unters Schweizerdeutsche. (Symbolbild) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Prima», sagte Fritz 1959, als er sich seinen Verlobungsring ansteckte. «Lässig», sagte seine Tochter Cornelia 1982 über ihre neue WG. «Nice», sagt ihr Sohn Leon, als er die Stelle als Webadministrator bekommt. Sprachen verändern sich. Auch die Schweizer Dialekte. Der Kinderreim «Aazele, Bölle schele...» heisst heute eher: «Aazele, Zwible schele...».

Unser Dialekt wandelt sich mit der Welt, in der wir leben. Was wird im Zeitalter von Fingerfood, Billigflügen und Handysucht aus dem altvertrauten Schweizerdeutsch? Diese Frage treibt die Maturandin Lea Schlatter um. Schlatter ist mit mehreren Dialekten aufgewachsen: Bündnerdeutsch, Thurgauisch und von der Mutter her Zürichdeutsch. Sie geht in Winterthur zur Schule. Sie und ihre Freundinnen haben sich oft darüber unterhalten, wie man richtig Winterthurer Dialekt spricht. An der Eulach heisst es «niid» und nicht «nöd». Die Maturandin übernahm das «niid», allerdings zum Verdruss ihrer Zürcher Mutter. In solchen Auseinandersetzungen hat Schlatter ihr Sprachgehör geschärft. Daraus entstand der Antrieb, eine Maturarbeit über das Thema zu schreiben.

Englisch und Hochdeutsch

Im Alltag fallen zuerst die englischsprachigen Begriffe in unserer Sprache auf. Aus dem Laden wurde ein Shop und daraus – amerikanisch – ein Store. Solche Begriffe folgen einer Mode. «Die wenigsten davon werden sich halten», sagt Schlatter. In der Tat: Wo gibt es heute noch ein «Tearoom»?

Im Windschatten der englischen Wörter jedoch sickert das Hochdeutsche in den Schweizer Dialekt ein. Das geschieht schon lange. Man sagt «Rolltreppe» und nicht «Rollstäge», seit es das Ding überhaupt gibt. «Rolltreppe» wird bleiben. Die Anpassung des Dialekts an die Hochsprache ist in den meisten Fällen unumkehrbar. «Es hat keinen Sinn, verlorene Wörter wieder hervorzuholen», sagt Schlatter. Doch die neusten hochdeutschen Einsprengsel im Dialekt stören ihr Sprachgefühl: «Ä Schiibe Brot», «Ich han vo mim Papa es Pferd becho», oder der Satz, den sie als Titel der Maturarbeit verwendet: «Mami, chomm mir gönd hüt go iichaufe.»

Eingeschweizertes Hochdeutsch

Da chasch was mache demit
Da kannst du was machen damit
Ich wirde morn abreise
Eigentlich hat Schweizerdeutsch keine Zukunftsform mit dem Hilfsverb «werden»
Passt
Deutsch/österreichisch: okay, gern, gut so
Ich bechume es Schwarztee
Oder:
Ich kriege n'es Schwarztee
Statt: «überchume». Die Wendung ist übrigens als Ganzes Hochdeutsch: Ich kriege einen Schwarztee
Danke (Restaurantgast)
Gern! (Serviererin)

Verkürzte Formulierung für «gern geschehen»
Ig wohne in Bärn
Statt: Ig wohne z'Bärn
Mir händ wele go bade, doch d'Badi am See isch leider zue gsi
«Doch» statt «aber»
Wiehnachtsbaum
Statt: Chrischtbaum
Wiehnachtsmaa
Statt: Samichlaus
Schmetterling
Statt: Summervogel
Pferd
Statt: Ross
Früestücke
Statt: Zmorgenesse
Träppestufe
Statt: Stägetritt

Illustration: Leandro Alzate

Dialektwörter wie «übercho» oder «poschte» bleiben zunehmend auf der Strecke. Um diesen subjektiven Eindruck zu erhärten, machte Schlatter in ihrer Maturarbeit eine Umfrage. Die Ergebnisse sind erstaunlich. So hat «becho» laut Umfrage bereits einen Anteil von 46 Prozent der Sprechenden erreicht. Nur noch eine knappe Mehrheit ist bei «übercho» geblieben. Dafür liegt «poschte» mit 78 Prozent noch weit vor «iichaufe» (20 Prozent).

Mehrheiten für das hochdeutsche Wort gibt es für «Wöschchorb» statt «Wöschzaine», «Pfütze» statt «Gunte» und wie zu erwarten für «Zwible» statt «Bölle». Dieser bringt es noch auf 30 Prozent. Keine Chance haben bislang «kneife» und «arbeite». Aber: «Von den Kleinen im Kindergarten habe ich gehört, dass sie ‹früehschtücked›», sagt Schlatter. Und bereits 13 Prozent der Sprechenden sagen laut ihrer Umfrage «Pferd». Das überrascht besonders. Denn «Ross» ist nicht etwa ein Dialektwort, sondern die südliche hochdeutsche Variante von Pferd. Die entsprechende deutsche Redewendung heisst «mit Ross und Wagen».

Hochdeutsch lesen und schreiben

Als Erklärung sind der Einfluss der Medien und der von Medien transportierten Trends schnell zur Hand. Deutschsprachige Musik, Filme und Serien werden vielfach im Norden Deutschlands produziert, heute oft im angesagten Berlin. Wohl auch daher gerät der Süden sprachlich unter Druck. Nicht nur verändert das Hochdeutsch die Schweizer Dialekte, sondern das nördliche Hochdeutsche überlagert auch das südliche.

In ihrer Arbeit hebt Schlatter jedoch einen anderen Einfluss hervor. Schon ab dem 16. Jahrhundert führten einzelne Kantone in der Schweiz den Schulunterricht ein. Seit 1874 ist die allgemeine Schulpflicht in der Bundesverfassung verankert. Kinder lernen Hochdeutsch lesen und schreiben. In der Deutschschweiz wechselt man deshalb leicht und manchmal sogar unbewusst zwischen schweizerischem Hochdeutsch und Dialekt. Hochdeutsche Wörter sind im Kopf stets abrufbar.

Dazu kommt eine überraschende Entdeckung von Schlatter: Im kleinen Sprachatlas der deutschen Schweiz hat sie Gebiete gefunden, in denen das eine oder andere hochdeutsche Wort schon immer benützt wurde. Am Walensee und in einigen anderen Gebieten sagt man, fast wie im Hochdeutschen, «wärfe» statt zürichdeutsch «rüere». Von einer solchen Wortinsel verbreitet sich das hochdeutsche Wort wesentlich schneller, als wenn es ausschliesslich in Deutschland benützt wird.

So dockt «becho» ans Baseldeutsche «biko» an. Zudem verwenden zwei Schweizer aus unterschiedlichen Dialektgebieten, wenn sie miteinander sprechen, mit Vorteil Wörter, von denen sie annehmen, dass der andere sie versteht. Die Baslerin sagt «Gugge», die Winterthurerin «Sack», und heraus kommt irgendwann «Tüte». Etwa so funktioniert der Mechanismus.

Die Arbeit zeigt auch, dass laufend neue Dialektwörter entstehen.

Doch selbst wenn kleine Kinder «früehschtücked» und sogar schon «arbeite gönd», wie Schlatter beobachtet, werden die Schweizer Dialekte weiterleben. Die Autorin zeigt in ihrer Arbeit, dass laufend neue Dialektwörter entstehen. Vielfach stammen sie aus dem Slang der ganz Jungen. So war «Töff» ursprünglich spöttisch gemeint. Heute ist es die allgemein anerkannte Bezeichnung von «Motorrad».

Ausserdem verändert sich die deutsche Sprache auch in eine andere Richtung: Immer wieder finden Schweizer Dialektwörter den Weg ins Hochdeutsche. «Müsli» ist nur das bekannteste. Neuerdings liest man aber auch «Schocki» und, aus der Schweizer Politik, den Begriff «Volksentscheid». Auf Hochdeutsch würde man «Volksentscheidung» erwarten.

Noch etwas überrascht: Neuere Literatur zur Dialektkunde hat Schlatter keine gefunden. Die meisten Arbeiten, die sich damit befassen, stammen aus den Jahren 1980 bis 2000. Das ist eine Nachwirkung davon, dass die Schweiz ab den 1970er-Jahren eine Dialektwelle erlebte. Filme, Literatur und Theater auf Dialekt stiessen in diesen Jahren in der Schweiz, aber auch in Deutschland, auf ein grosses Echo. Diese kulturelle Bewegung wurde von sprachwissenschaftlichen Studien begleitet.

Politisierte Mundart

Später bemühte sich die politische Rechte um die Mundart. Der Dialekt wurde benützt, um die Schweiz gegen aussen abzugrenzen. Auf dem Hintergrund dieser Stimmung nahmen 2011 die Zürcher Stimmberechtigten eine Volksinitiative an, die für den Kindergarten zwingend Dialekt als Unterrichtssprache vorschrieb. Wohl vergebens, wie die Erfahrungen von Schlatter zeigen. Im Übrigen hat sie kein Verständnis dafür, dass der Dialekt politisiert wird: «Unser Dialekt ist nicht Sache der Politik. Er hängt vom Willen der einzelnen Personen ab.»

Schlatter selbst spricht wie die meisten jungen Menschen heute. Trotzdem wünscht sie sich, dass möglichst viele Dialektwörter erhalten bleiben. Sie ruft uns dazu auf, die Mundart zu pflegen. Die Dialekte machen die Vielfalt der Schweiz aus. «Es macht doch Spass, wenn Freunde aus verschiedenen Regionen ihren Wortschatz vergleichen können», sagt Schlatter. Sie bringt ein Beispiel. Ein Marienkäfer heisst in Winterthur «Herrgottetierli»: «So ein schönes Wort. Sagt doch bitte alle ‹Herrgottetierli›!»

(Landbote)

Erstellt: 20.02.2019, 14:07 Uhr

Artikel zum Thema

Schwiizertüütsch gsäit

Eine neue App der Universität Zürich geht der schweizerischsten Frage aller Fragen nach: Wie sagst dus in deinem Dialekt? Die Sprachforschung profitiert auch davon. Mehr...

«Schlimm ist es, wenn man in den Flüchen stecken bleibt»

Interview Fluchforscher Roland Ris sagt, warum Fluchen befreiend wirkt – und weshalb die Wortwahl dennoch entscheidend ist. Mehr...

Wie sich Schweizer Mundart verändert

Englisch wirkt auf den Dialekt ein, Hochdeutsch und der Balkanslang der Jugendlichen. Chas gits. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Paid Post

Digital lernen, digital Lehren

Nicht nur in Bildungsinstitutionen, auch bei der betrieblichen Aus- und Weiterbildung spielen digitale Lernumgebungen eine immer grössere Rolle.

Die Welt in Bildern

Die animalischen Wellenreiter: Die dreibeinige Jack-Russell-Terrier-Hündin namens Surf Pig am diesjährigen Surfwettbewerb in Cocoa Beach, Florida, USA. (21. April 2019)
(Bild: Tim Shortt) Mehr...