Was aus den #MeToo-Fällen geworden ist

Ein Überblick über die Vorwürfe und Stand der Ermittlungen seit der Gründung der weltweiten Bewegung vor einem Jahr.

Hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen: Oscar-Preisträger Kevin Spacey.

Hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen: Oscar-Preisträger Kevin Spacey. Bild: Keystone

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Welche Wucht die #MeToo-Bewegung entfaltet hat, die im Oktober 2017 begann und bis heute anhält, konnte man in den vergangenen Tagen an den Spekulationen ablesen, die vor der Vergabe des Friedensnobelpreises die Runde machten. Es war doch tatsächlich auch der Name Tarana Burke zu vernehmen.

Burke, afroamerikanische Bürgerrechtlerin, hatte #MeToo schon vor mehr als zehn Jahren ins Leben gerufen. Ins öffentliche Bewusstsein rückte die Bewegung aber erst mit dem Namen Harvey Weinstein. Und die Schockwellen sind noch immer zu spüren, überall auf der Welt, in annähernd allen Gesellschaften und Milieus. Selbst der Literaturnobelpreis war davon betroffen: Er wird in diesem Jahr nicht vergeben.

Ob es im kommenden Jahr wieder klappt – wer weiss. Tarana Burke hat den Friedensnobelpreis nicht bekommen. Was nichts daran ändert, dass die weltweite Unterhaltungsindustrie seit #MeToo eine andere ist. Mit anderen Menschen, anderen Verhaltensregeln und einem anderen Bewusstsein. Mächtige Männer (es waren vor allem Männer) mussten gehen, egal wie lang ihr Wikipedia-Artikel war. Sie fielen, verloren ihre Jobs, verschwanden, zogen sich zurück und loten gerade erst vorsichtig aus, ob eine Rückkehr möglich ist, wenn überhaupt jemals.

#MeToo klebt heute auf einigen grossen Namen. Aber was ist mit ihnen seitdem passiert? Gab es Untersuchungen, Prozesse? Wo sind Weinstein & Co. eigentlich jetzt? Eine Übersicht zu den wichtigsten Fällen nach einem Jahr.

Harvey Weinstein

(Bild: Keystone/AP/9. Juli 2018)

Wer? Harvey Weinstein, 66, US-Produzent («Pulp Fiction»).

Was ist passiert? Am 5. Oktober 2017 erschien in der «New York Times» ein Artikel, der rekonstruiert, wie Weinstein über Jahrzehnte Frauen missbraucht hat, darunter die Schauspielerinnen Ashley Judd und Rose McGowan. Der Text löst eine Lawine von Anschuldigungen aus, unter anderem werfen ihm die Schauspielerinnen Asia Argento und Paz de la Huerta Vergewaltigung vor. Mittlerweile haben sich über 80 Frauen zu Wort gemeldet, die ihm Vergehen anlasten. Weinstein räumt Fehlverhalten ein, leugnet aber alle strafrelevanten Vorwürfe.

Stand: In einigen Fällen wurde Strafanzeige gestellt, die Polizei ermittelt in London, Los Angeles und New York. Anklage hat bislang nur die Staatsanwaltschaft von New York erhoben. Am 25. Mai 2018 stellte sich Weinstein freiwillig der Polizei und wurde dem Haftrichter vorgeführt. Nach einer Kautionszahlung von einer Million US-Dollar ist er derzeit auf freiem Fuss, musste aber seinen Pass abgeben und trägt einen GPS-Tracker, um seinen Aufenthaltsort lokalisieren zu können. Der Prozess soll im November beginnen, weitere könnten folgen. Weinsteins Ehefrau Georgina Chapman hat ihn verlassen, alle wichtigen Verbände haben seine Mitgliedschaft aufgekündigt, darunter die Oscar-Academy. Seine Firma The Weinstein Company hat Insolvenz angemeldet.

Kevin Spacey

(Bild: Keystone/AP/Archiv)

Wer? Kevin Spacey, 59, US-Schauspieler und Oscarpreisträger.

Was ist passiert? Im Oktober 2017 sagte der Schauspieler Anthony Rapp in einem Interview, Spacey habe ihn im Jahr 1986, als Rapp 14 Jahre alt war, auf einer Party sexuell belästigt. Spacey veröffentlicht daraufhin ein Statement, in dem er angibt, «entsetzt» zu sein und sich an den Vorfall nicht erinnern zu können; gleichzeitig outet er sich als schwul. In den folgenden Monaten melden sich immer mehr Männer zu Wort, die dem Schauspieler Missbrauch vorwerfen. Zum Beispiel Mitarbeiter der Netflix-Serie «House of Cards», aber auch des Old-Vic-Theaters in London. Zuletzt reichte in dieser Woche ein ehemaliger Masseur beim Bezirksgericht von Los Angeles Klage ein, weil Spacey ihn 2016 sexuell belästigt haben soll.

Stand: In einem Missbrauchsfall aus dem Jahr 1992 hat die Staatsanwaltschaft von Los Angeles gerade angekündigt, keine Anklage zu erheben, da der Fall verjährt sei. In anderen Fällen ermittelt die Polizei in Los Angeles sowie in London weiter, hier könnte es noch zu Prozessen kommen. Nachdem die Missbrauchsvorwürfe bekannt geworden sind, schnitt der Regisseur Ridley Scott Spacey aus seinem bereits abgedrehten Film «Alles Geld der Welt» heraus. Der Streaming-Dienst Netflix feuerte ihn als Hauptdarsteller von «House of Cards», die letzte Staffel der Serie wurde ohne ihn gedreht und soll im November online gehen. Spacey hat sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sein derzeitiger Aufenthaltsort ist nicht bekannt.

Louis C.K.

(Bild: Keystone/AP/9. August 2017)

Wer? Louis C. K., 51, US-Comedian und Schauspieler, Schöpfer der TV-Serie «Louie». Spielte in «American Hustle» und «Blue Jasmine» mit (beide 2013).

Was ist passiert? Am 9. November 2017 veröffentlichte die «New York Times» einen Bericht, in dem fünf Frauen dem Komiker sexuelle Belästigung vorwerfen: C. K. soll sich vor ihnen ausgezogen und sie genötigt haben, ihm beim Masturbieren zuzusehen – so geschehen in den späten 90ern und frühen 2000ern. Am Tag drauf schrieb C. K. in der Times: Alle Beschuldigungen seien wahr. Er habe gedacht, es sei in Ordnung, einer Frau seinen Penis zu zeigen, wenn er sie vorher frage. Jetzt werde er eine Auszeit nehmen und lange nur zuhören.

Stand: Die Auszeit dauerte genau neuneinhalb Monate. Ende August trat er unangekündigt im New Yorker Comedy-Club «Comedy Cellar» auf und präsentierte 15 Minuten lang neues Material in typischer Louis-C.K.-Manier. Er soll sehr entspannt gewirkt haben.

Asia Argento

(Bild: Ansa/Keystone, 30. September 2018)

Wer? Asia Argento, 43, italienische Schauspielerin und Regisseurin.

Was ist passiert? Argento war nicht die erste Anklägerin gegen Harvey Weinstein, aber die erste Prominente, die ihm mit allen Details Vergewaltigung vorwarf und schilderte, wie sie anschliessend in eine qualvolle Beziehung mit ihrem Peiniger rutschte. Dann beging ihr Freund, Starkoch Anthony Bourdain, Suizid, und wenig später warf der Schauspieler Jimmy Bennett ihr vor, ihn als 17-Jährigen verführt zu haben, was nach kalifornischem Recht illegal ist.

Stand: Sie leugnete erst alles, musste dann den Sex und eine Schweigegeldzahlung an Bennett zugeben, betonte aber ihre Unschuld. Wenig hilfreich war ihre neue Freundin und Weinstein-Mitanklägerin Rose McGowan, die behauptete, Argento habe von Bennett schon sexuell explizite Fotos erhalten, seit dieser zwölf Jahre alt war. Diesen Vorwurf musste McGowan inzwischen mit einer Entschuldigung zurückziehen.

John Lasseter

(Bild: Keystone/Archiv)

Wer? John Lasseter, 61, Chef von Pixar und Disney Animation, grösster Trickfilmguru seit Walt Disney.

Was ist passiert? Mitarbeiterinnen werfen ihm einen unangemessenen Umgang mit weiblichen Angestellten vor. Einige Frauen gaben an, er habe ihnen ungefragt über die Beine gestreichelt oder sie auf den Mund geküsst. Auch sei er bereits intern verwarnt worden, weil er auf einer Oscarparty im Jahr 2010 mit einer Mitarbeiterin «rumgemacht» habe.

Stand: In einem Statement vom 21. November 2017 entschuldigte Lasseter sich öffentlich für «unerwünschte Umarmungen». Anschliessend trat er ein sechsmonatiges «Sabbatical» an, um über seine Fehler nachzudenken. Strafrechtlich wurden seine Vergehen nicht verfolgt, es ist keine Anzeige bekannt. Im Juni kündigte Disney-Chef Robert Iger an, Lasseter werde die Firma Ende 2018 verlassen. Lasseter selbst gab an, sich «neuen kreativen Herausforderungen» stellen zu wollen.

Sylvester Stallone und Michael Douglas

(Bild: Sylvester Stallone, Keystone, 28. September 2018)

(Bild: Michael Douglas, AP/Keystone, 17. September 2018)

Wer? Michael Douglas, 74, und Sylvester Stallone, 72, US-Schauspieler, die seit Jahrzehnten zum Hollywood-Inventar gehören.

Was ist passiert? Gänzlich durchschaubar ist die mediale #MeToo-Dynamik nicht – denn es gibt auch schnell wieder vergessene Vorwürfe. Stallone etwa warfen zwei Frauen in weit zurückliegenden Fällen sexuelle Übergriffe vor, einer soll sich 1986 in Las Vegas zugetragen haben. Ähnlich Michael Douglas: Er kam Vorwürfen einer ehemaligen Assistentin (unerwünschte intime Enthüllungen und verbale Entgleisungen) zuvor, indem er selbst vorab mit einer Verteidigung an die Presse ging.

Stand: Derzeit dreht Sylvester Stallone planmässig «Rambo 5» und sein «Rocky»-Spin-off «Creed II» ist in Postproduktion. Michael Douglas hat gerade eine Nebenrolle in «Ant-Man» und demnächst startet seine Netflix-Serie «The Kominsky Method». «Me Too» hat ihren Karrieren bisher nicht geschadet.

Dieter Wedel

(Bild: Keystone, 17. November 2017)

Wer? Dieter Wedel, 76, Filmregisseur, und -produzent, Autor, unter anderem von «Der grosse Bellheim».

Was ist passiert? Der Regisseur war in Deutschland der erste bekannte Name, der im Zusammenhang mit #MeToo genannt wurde. Im Januar 2018 veröffentlichte das «Zeit-Magazin» zwei Berichte, in denen frühere Schauspielerinnen Wedel gewalttätige sexuelle Übergriffe und in einem Fall Vergewaltigung vorwarfen. Auch Iris Berben berichtete von Demütigungen am Set, nachdem sie Wedel zurückgewiesen hatte. Wedel bestreitet alle Vorwürfe, trat aber von seiner Intendanz der Bad Hersfelder Festspiele zurück.

Stand: In einem nicht verjährten Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft München wegen Verdachts auf Vergewaltigung. Wedel hat sich monatelang aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Der «Bild»-Zeitung sagte er, er sei froh über die Ermittlungen: «Ich vertraue auf die Staatsanwaltschaft.»

Terry Richardson

(Bild: Keystone, Archiv)

Wer? Terrence «Terry» Richardson, 53, US-Modefotograf, Erfinder des «Porn Chic»-Stils. Verantwortlich auch für das «Wrecking Ball»-Musikvideo, in dem Miley Cyrus auf einer Abrissbirne nackig durch die Gegend schwingt.

Was ist passiert? Gerüchte hatte es lange gegeben, von einem «offenen Geheimnis» war die Rede: Richardson ziehe sich bei Shootings aus, zwinge Models zum Sex, werde als Fotografenliebling von der Branche aber gedeckt. Das Model Rie Rasmussen hatte schon 2010 öffentlich darüber gesprochen. Getan hatte sich – nichts. Bis nach Weinstein der Verlag Condé Nast («Vogue», «Glamour», «GQ») die Zusammenarbeit beendete.

Stand: Richardsons Fototagebuch im Netz liegt brach, und seit Januar ermittelt auch noch die SOKO Sexueller Missbrauch des NYPD gegen ihn. Laut Pagesix.com hat er gerade einen Nachhaltigkeits-Shop in Woodstock, NY, eröffnet. Eine Art Neubeginn. Nicht alle Woodstocker finden das gut.

Jean-Claude Arnault

(Bild: AP/Keystone, 19. September 2018)

Wer? Jean-Claude Arnault, 72, einflussreicher Leiter des Stockholmer Kulturzentrums Forum und Ehemann von Katarina Frostenson, Lyrikerin und Ex- Mitglied der Schwedischen Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt.

Was ist passiert? Im November 2017 erschien ein Artikel in der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter, 18 Frauen beschuldigten Arnault der sexuellen Belästigung. Seit zwei Jahrzehnten soll er weibliche Akademie-Mitglieder, deren Töchter oder die Ehefrauen von Akademie-Mitgliedern sexuell belästigt und sogar missbraucht haben. Die Justiz begann zu ermitteln. Die Akademie zerstritt sich so sehr, dass sieben von 18 Mitgliedern gingen und die Preisverleihung für 2018 ausgesetzt worden ist.

Stand: Am Montag verurteilte ein Gericht in Stockholm Arnault zu einer zweijährigen Haftstrafe. Konkret ging es um die Vergewaltigung einer Frau im Oktober 2011. Sein Anwalt kündigte Berufung gegen das Urteil an.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.10.2018, 20:49 Uhr

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